Eine Friseurin schneidet einem Kunden die Haare (Foto: picture alliance / Carsten Rehder/dp)

Friseure fürchten um ihre Existenz

Leonie Rottmann   07.02.2021 | 08:30 Uhr

Keine Kunden, keine Einnahmen und die staatlichen Hilfen lassen auf sich warten: Etliche Branchen stehen wegen des erneuten Lockdowns vor dem Aus. Dazu gehören auch Friseure. Viele von ihnen können die Maßnahmen nicht nachvollziehen. Eine Friseurin appelliert an die Politik: „Bitte zeigen Sie sich als Vorbilder nicht mit frisch geschnittenen Haaren.“

Abstand halten, Maske tragen, Desinfektionsmittel bereitstellen – die Liste der Hygienevorschriften für Friseure war vergangenes Jahr lang. Doch die meisten Betreiber haben sich an alle Vorschriften gehalten, haben in neue Hygienemaßnahmen investiert. Trotzdem hieß es Ende 2020 erneut für alle: Die Läden müssen schließen.

„Als ich die Nachricht vom zweiten Lockdown gehört habe, war ich enttäuscht und sauer. Ich habe mir gedacht: Wenn es mal Kontrollen gegeben hätte, hätte man vielleicht verhindern können, dass wir unsere Friseursalons wieder schließen müssen“, erinnert sich Lisa Müller*. Gemeinsam mit ihrem Mann betreibt sie seit vielen Jahren einen Friseursalon in Saarbrücken.

Altersvorsorge hält Betriebe über Wasser

Zahlungsstau bei der Unterstützung von Friseuren
Video [SR Fernsehen, (c) SR, 27.01.2021, Länge: 03:19 Min.]
Zahlungsstau bei der Unterstützung von Friseuren

Seit dem 16. Dezember ist ihr Laden wieder geschlossen. Noch leben die Betreiber von Rücklagen: „Wir sind schon lange selbstständig und können den Laden deshalb noch ein paar Monate halten ohne Hilfen. Aber wenn wir noch lange geschlossen lassen müssen, wird es auch bei uns eng“, erzählt die Friseurin. Ihre Rücklagen waren eigentlich für den Ruhestand des Ehepaars gedacht. „Das Geld ist jetzt weg und wird auch nicht zurückkommen.“ Bereits im ersten Lockdown haben sie rund 15.000 Euro verloren – trotz der Soforthilfe in Höhe von 9000 Euro.

Von Soforthilfe könne man in diesem Lockdown allerdings nur träumen. Friseurbetriebe haben Anspruch auf Überbrückungshilfe III, die einen Fixkostenzuschuss leisten soll. Fast sieben Wochen nach der Schließung der Läden können allerdings noch nicht einmal Anträge für die Hilfe gestellt werden. Die ersten Abschläge sollen laut Bundeswirtschaftsministerium im Februar erfolgen, die vollständige Auszahlung im März – eine lange Zeit, die nicht jeder Betrieb ohne Unterstützung überlebt.

Etliche Kündigungen erwartet

„Der erneute Lockdown bedeutet für die Branche nichts anderes als eine massive Existenzbedrohung“, sagt Mirko Karkowsky, Geschäftsführer der Landesinnung Friseure und Kosmetik Saarland. Das Weihnachtsgeschäft ging nahezu komplett verloren und auch die Folgen des ersten Lockdowns, zum Beispiel der Wegfall des Ostergeschäfts, sind für die Betroffenen noch deutlich spürbar. „Noch schrecken viele Betriebsinhaber vor Kündigungen zurück. Die Anfragen zu dem Thema nehmen aber seit Jahresbeginn sehr stark zu. Viele Betriebe stehen jetzt vor dem Aus.“

Die Überbrückungshilfe III helfe zudem nur bedingt. Fixkostenzuschüsse erleichtern die Betreiber zwar bei den laufenden Kosten, aber die Inhaber selbst müssten auch von irgendetwas leben. Die einzige Lösung sei ein saarländisches Soforthilfe-Programm. „Ohne ein solches Programm werden in den nächsten Tagen und Wochen viele Traditionsbetriebe ihre Mitarbeiter und Auszubildenden entlassen und letztendlich für immer schließen müssen“, appelliert die Landesinnung und der Arbeitgeberverband des Saarländischen Handwerks.

Friseure und Kosmetiker seien von der Pandemie so stark wie wenige andere Gewerbe betroffen. „Im Friseurhandwerk gibt es keine Online-Shops, kein ‚Click and Collect‘ und auch keinen ‚Haarschnitt to Go‘“, sagt Mirko Karkowsky. „Was es jedoch gibt, sind gut funktionierende Hygienekonzepte und sehr hohe Arbeitsschutzstandards.“

Die Arbeit fehlt

Unabhängig von der finanziellen Notlage hatte Lisa Müller durch den erneuten Lockdown das Gefühl, ihre Kunden im Stich zu lassen. Als sie und ihr Mann erfahren haben, dass sie nur noch zwei Tage öffnen dürfen, haben sie so vielen Kunden wie möglich noch in dieser Zeit die Haare geschnitten – am letzten Tag von 5.30 Uhr bis 22.00 Uhr. Der Friseurin fehle die Arbeit, vor allem aber die sozialen Kontakte. Fast alle ihre Kunden sind Stammkunden.

„Ein Problem war und ist das Thema Schwarzarbeit. Da bei den Kunden der Bedarf jeden Tag wächst und gleichzeitig die finanzielle Not der Betriebe immer größer wird, erliegt manch einer der Versuchung, sich zu Hause von einem befreundeten Friseur die Haare schneiden zu lassen“, erklärt Mirko Karkowsky. Die Landesinnung setzt sich seit Beginn der Coronapandemie für Friseure und Kosmetiker ein und fordert seit Dezember die Wiedereröffnung für beide Branchen sowie ein Soforthilfe-Programm.

Kleine Betriebe können besser kontrollieren

Es ist vor allem das Unverständnis über die Maßnahmen, das Lisa Müller traurig macht: „Wir haben gemacht und getan, wir haben uns an alle Regeln gehalten und alle Maßnahmen umgesetzt. Und trotzdem mussten wir wieder schließen.“ Auf Abstand zwischen den Kunden habe sie schon immer geachtet, um die Privatsphäre ihrer Kunden zu schützen. In dem Saarbrücker Salon gibt es vier Bedienungsplätze über drei Räume verteilt.

Im Gegensatz zu vielen Großmärkten hätten vor allem die kleinen Betriebe wie Friseure und kleine Einzelhändler viel bessere Möglichkeiten, die Einhaltung der Maßnahmen zu kontrollieren. „Wenn ich sehe, was zum Beispiel in den Großmärkten vor sich geht, finde ich es eine echte Sauerei, dass die kleinen Betriebe schließen mussten.“

Man kann es nie zu genau nehmen.

Bereits vor dem ersten Lockdown im Frühjahr hatten die Betreiber des Friseursalons in Saarbrücken Desinfektionsständer aufgebaut. Sie haben darauf geachtet, dass sich jeder die Hände desinfiziert und eine Maske trägt. Sie selbst haben mit FFP2-Masken gearbeitet. Später haben sie ein neues Luftreinigungsgerät angeschafft, das nicht nur die Luft reinigt, sondern auch etwa 95 Prozent der Viren abtöten soll. „Wir wurden oft von Kunden gefragt, ob wir es nicht zu genau nehmen mit der Hygiene. Aber man kann es nie zu genau nehmen, dachten wir“, erzählt die Friseurin weiter.

Wirklich wütend machen Lisa Müller allerdings Aufnahmen von Politikerinnen und Politiker, die sie täglich sehe: „Ich möchte die Politiker bitten, dass vor allem sie auch nicht zum Friseur gehen. Sie sollten mit gutem Beispiel vorangehen.“ Was ihr und vielen anderen aktuell bleibt, ist die Hoffnung, bald wieder öffnen zu können. „Hätte es mehr Kontrollen gegeben, hätten wir vermutlich gar nicht erst schließen müssen. Wir haben wirklich auf alles aufgepasst – und das werden wir auch weiterhin tun.“

Über dieses Thema hat auch der aktuelle bericht am 27.01.2021 berichtet.

*Name von der Redaktion geändert

Auszahlung dauert zu lange
Corona-Bürokratie – ganze Branchen in Not
Ob Friseure, Fitnessstudios, Hotels, Kosmetikstudios oder Restaurants: Sie alle mussten wegen der Coronapandemie spätestens Ende 2020 zum zweiten Mal schließen – mit ihnen sind viele weitere Branchen betroffen und stehen kurz vor dem finanziellen Zusammenbruch. Nicht, weil es keine Hilfen vom Staat gibt, sondern weil sie monatelang auf die Auszahlung warten müssen.

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