Das Ford-Werk in Saarlouis (Foto: Imago/Becker & Bredel)

Welche Chancen hat Ford Saarlouis bei ausländischen Autobauern?

Yvonne Schleinhege   03.07.2022 | 08:28 Uhr

Wie die Zukunft für die rund 4600 Beschäftigen von Ford Saarlouis aussieht, ist offen. Die Landesregierung will das Werk von Ford übernehmen. Es gebe durchaus Interessenten für eine weitere Vermarktung, heißt es. Immer wieder werden Elektroautobauer vor allem aus dem asiatischen Raum genannt. Doch wie stehen die Chancen?

Beim Branchentreffen der saarländischen Autoindustrie, dem automotive day, am vergangenen Donnerstag war es das große Thema: Wie kann es weitergehen mit Ford in Saarlouis? Was auffiel in der Neunkircher Gebläsehalle: hier und da sah man chinesische Schriftzeichen. Das Technologieunternehmen Huawai hatte einen kleinen Messestand vor Ort, der Vizepräsident für Europa des chinesischen Batterie- und Elektroautoherstellers NIO war sogar als Gastredner geladen.

AIWAYS, VINFAST ODER GREAT WALL MOTOR?

Dass das Ford Werk in Saarlouis auch für andere Autobauer attraktiv sein könnte, darüber wird in den großen überregionalen Wirtschaftsfachzeitungen- und zeitschriften schon seit Monaten spekuliert. Vor allem asiatische Autobauer drängten auf den europäischen und auch deutschen Markt. Genannt wird etwa der chinesische Elektroautohersteller Aiways oder VinFast, ein vietnamesischer Autobauer, der auch auf der Suche nach Produktionsstandorten in Europa sein soll.

Und auch der chinesische Milliardenkonzern Great Wall Motor scheint nicht abgeneigt. Immerhin ist dieser Autobauer unternehmerisch eng verknüpft mit dem Batteriehersteller Svolt, der in Überherrn eine Fabrik aufbauen will. „Natürlich ist das eine Option, der wir mit Nachdruck nachgehen sollten“, so Pascal Strobel vom Netzwerk automotive.saarland. Auch der chinesische Autobauer NIO habe angekündigt in Europa ein Werk bauen zu wollen.

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BESTER STANDORT UND DIE KOSTENFRAGE

NIO hat bereits ein Design-Center in München, produziert wird allerdings noch in Fernost. Natürlich sei Deutschland ein attraktiver Standort, so der Vizepräsident für Europa Hui Zhang im SR-Interview. „Deutschland ist ohne Frage der Standort für Automobil-Talente. Zum zweiten ist Deutschland der größte Absatzmarkt in der Europäischen Union“, so Hui Zhang, NIO-Vizepräsident für Europa. Doch ob Deutschland auch ein potentieller Produktionsstandort sei, da blieb er vage. Es gehe auch immer um die Kosten.

Auch Professer Dr. Stefan Bratzel, Gründer und Direktor des Center of Automotive Management (CAM) in Bergisch Gladbach, teilte zuletzt im SR-Interview die Einschätzung, dass chinesische Autobauer versuchen würden, Zutritt zum europäischen Markt zu bekommen. Er gibt allerdings zu bedenken, dass Deutschland nicht der einzige Standort in Europa sei, der für chinesische Unternehmen von Interesse sein könnte. Der Autoexperte rechnet damit, dass es Sondierungen von chinesischen Automobilherstellern geben werde.

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LANGJÄHRIGE KOMPETENZ UND ERFAHRENES PERSONAL

Geht es um die tatsächlichen Chancen von Saarlouis in so einen Wettbewerb, betonten alle Branchenkenner immer wieder Vorteile des Werkes. Die Ford-Beschäftigten seien sehr gut ausgebildet, es gebe genügend Fachkräfte und eine gute Infrastruktur, so auch Andreas Rade, Geschäftsführer des Verbands der Automobilindustrie (VDA), bei einem Treffen der saarländischen Automobilindustrie am vergangenen Donnerstag.

Rade hoffe darauf, dass ein anderer Autohersteller das Werk übernimmt - die Chancen wären durchaus gut. Der Automobilstandort Deutschland sei attraktiv, das zeige auch die Ansiedlung des Elektroautobauers Tesla in Berlin. Auch deshalb sieht Armin Gehl vom Netzwerk Autoregion e.V. nun die Landesregion in der Pflicht: „Das Land ist gefordert, Akquise in China zu machen. Klinken putzen und fragen, wer dort Interesse daran hat. Aber dafür müsste das Werksgelände und die Hallen erstmal in Landesbesitz sein.“, so Gehl im SR-Interview.

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WIRTSCHAFTSMINISTER BARKE: PERSPEKTIVE OHNE FORD

Dass der Kauf des Geländes von Ford für das Land durchaus eine Option ist, ist kein Geheimnis. Der saarländische Wirtschaftsminister Jürgen Barke hatte sich im SR-Interview zurückhaltend zu einer Perspektive mit Ford am Standort Saarlouis über 2025 hinaus geäußert. Das Land zumindest will sich auf eine Zukunft ohne Ford einrichten. Dafür muss es aber die Verfügungsgewalt über die Flächen bekommen, um diese auch mit neuen Investoren vermarkten zu können. Am Mittwoch hatte die Landesregierung die Gespräche mit Ford wieder aufgenommen.

Rund um das Ford-Werk in Saarlouis brodelt bereits die Gerüchteküche. Einige wenige Mitarbeiter berichten davon, dass bereits vor Wochen ausländische Delegationen durch das Werk geführt worden sein. Was da wirklich dran ist, ist offen. Bestätigen kann das niemand, doch ausschließen möchten es Insider auch nicht.

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