Firmenlogo des Ford-Werkes in Saarlouis bei Sonnenuntergang (Foto: Imago/BeckerBredel)

"Die kommenden Monate werden entscheidend sein"

Ein Kommentar von Yvonne Schleinhege   03.09.2022 | 21:27 Uhr

In der Saar-Wirtschaft gibt es derzeit viele offene Fragen. Die brennendste ist sicherlich jene, was mit dem Standort und damit auch den Beschäftigten von Ford in Saarlouis passieren wird. Unklar ist aber auch noch, was aus der geplanten SVolt-Ansiedlung wird. Einzig sicher ist: Entscheidungen müssen bald getroffen werden.

Sommerpause, Werksferien – das klingt nach Durchatmen, Runterkommen. Den Beschäftigten von Ford dürfte das in ihrem Werksurlaub kaum gelungen sein. Zu groß ist die Wut auf ihren Arbeitgeber, zu existenziell sind ihre Sorgen. Daran werden die schwer optimistischen Töne aus der Landesregierung in diesen Tagen nur wenig geändert haben.

Wirtschaftsminister Jürgen Barke und die Ministerpräsidentin Anke Rehlinger (beide SPD) sprechen von einem großen Interesse an dem Werk in Saarlouis. Man will ihnen Glauben schenken, dass die Autobauer aus Ost oder West bereits in den Startlöchern stehen, um schnellstmöglich ein E-Auto „Made in Saarlouis“ zu produzieren.

Gleichwohl klingt aber auch bei ihnen durch: Nicht alle Jobs wird man retten können, denn das Ansiedlungsgeschäft ist hart und die Konkurrenz groß.

"Monate der Entscheidung stehen bevor": Ein Kommentar zur wirtschaftlichen Lage
Audio [SR 3, Yvonne Schleinhege, 03.09.2022, Länge: 03:13 Min.]
"Monate der Entscheidung stehen bevor": Ein Kommentar zur wirtschaftlichen Lage

Wie geht es mit dem Ford-Standort weiter?

Trotzdem hat die fast schon demonstrativ zur Schau gestellte Zuversicht bei vielen für Verwunderung gesorgt. Schließlich hatte die Landesregierung kurz vor der Entscheidung gegen Saarlouis auch Optimismus verbreitet, wo es eigentlich wenig Anlass dafür gab.

Auch deshalb hat der Ford-Betriebsratsvorsitzende Markus Thal in dieser Woche die Euphorie etwas gebremst und die Beschäftigen auf einen harten Kampf vorbereitet. Nach dessen Angaben sei die Stimmung im Werk schlecht und der Krankenstand hoch – die Arbeitsmoral lasse allmählich nach. Das ist persönlich nachvollziehbar und allzu menschlich.

Denn auch wenn der Wirtschaftsminister am kommenden Dienstag darüber informieren will, was Stand der Dinge ist – bis eine Entscheidung über die Zukunft des Ford-Standorts in Saarlouis steht, wird es Winter sein.

Entscheidung für oder gegen SVolt?

Die kommenden Monate werden entscheidend sein, nicht nur für die Zukunft der Beschäftigen von Ford. Auch ob die Ansiedlung von SVolt in Überherrn gelingt, soll und muss sich wohl noch in diesem Jahr entscheiden. Doch der Prozess läuft mehr als schleppend: Die letzte Sitzung des Gemeinderats war mehr als denkwürdig und hat gezeigt, wie wackelig die politischen Mehrheiten sind.

Zudem dürften die Wochen der Dürre und die plötzlich allerorten greifbare Sorge um das Trinkwasser eher die Zweifel der Zweifler mehren. SVolt selbst gibt sich wenig auskunftsfreudig. Der chinesische Batteriehersteller plant Medienberichten zufolge sich nun offenbar auch in Brandenburg anzusiedeln. Bestätigt hat das Unternehmen dies nicht – aber immerhin erklärt, dass man nicht auf der Suche nach einem Alternativstandort zu Überherrn sei.

Entscheidungen stehen nicht nur bei Ford und SVolt an

Im Wirtschaftsministerium gibt man sich indes äußerst gelassen. In der kommenden Woche soll es mehr Informationen auch in dieser Sache geben – entscheidend werden aber auch hier die kommenden Monate. Vielleicht muss man angesichts dieser Lage, auch rund um SVolt und Ford, von Schicksalsmonaten für die Saar-Wirtschaft sprechen.

Und beileibe, SVolt und Ford sind nicht die einzigen wirtschaftspolitischen Baustellen. Bei ZF in Saarbrücken sind die Arbeitsplätze auch nur bis 2025 gesichert, der Einstieg in die E-Mobilität muss erst noch geschafft werden.

Die Transformation stellt auch die vielen kleineren Autozulieferer vor gigantische Herausforderungen. Und die Stahlindustrie im Land wartet auf Fördermittel, damit der Umbau zu CO2-neutralerem Stahl beginnen kann – auch hier ist die Politik gefordert.

Keine Zeit zum Durchatmen

Hinzu kommt: In seiner wirtschaftlichen Entwicklung ist das Saarland seit Jahren vom Bundestrend abgehängt. Die aktuelle Energiekrise schlägt in der so energie-abhängigen Saar-Wirtschaft mit voll Wucht zu. Die Lieferketten sind schon seit Monaten teils unterbrochen. Rezession, also eine in ihrer Ganzheit schrumpfende Wirtschaft, heißt das Gespenst dieser Tage.

Selbst wenn also zum Jahresende die Causa SVolt und Ford in irgendeiner Form gut ausgehen – angesichts der aktuellen Wirtschaftslage bleibt den politisch Verantwortlichen vielleicht gerade eben Zeit mal kurz Luft zu holen. Wohl aber nicht zum Durchatmen.  

Über dieses Thema hat auch SR 3-Region am Mittag am 03.09.2022 berichtet.

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