Eine Frau mit Mundschutz trainiert in einem Fitnessstudio (Foto: picture alliance/Marius Becker/dpa)

Fitnessstudios zu – Schaden für Betriebe und Gesundheit?

Leonie Rottmann   07.02.2021 | 08:30 Uhr

Keine Kunden, keine Einnahmen und die staatlichen Hilfen lassen auf sich warten: Etliche Branchen stehen wegen des erneuten Lockdowns vor dem Aus. Dazu gehören auch die Fitnessstudios. Betreiber und Arbeitgeberverband sind sich einig: „Die gesundheitlichen Folgen durch den Bewegungsmangel werden für die Gesellschaft noch schlimmer als die finanziellen sein.“

Die Infektionszahlen mit dem Coronavirus sind im Herbst 2020 wieder deutlich angestiegen. Als Reaktion wurden Anfang November wieder einige Betriebe geschlossen – darunter Fitnessstudios. Viele Studio-Betreiber stehen finanziell deshalb mittlerweile mit dem Rücken zur Wand. Die meisten haben Hygienekonzepte umgesetzt, den Einlass kontrolliert und in bessere Lüftungen investiert.

Auch deshalb hat Frank Vogelgesang, Geschäftsführer eines Fitnessstudios in Kleinblittersdorf, nicht mit einem erneuten Lockdown seines Betriebs gerechnet. „Ich habe noch drei Tage vor der Nachricht zu meinen Mitarbeitern gesagt, dass wir um den Lockdown herumkommen, denn wir haben alles eingehalten“, erinnert sich Frank Vogelgesang.

Der Arbeitgeberverband deutscher Fitness- und Gesundheitsanlagen (DSSV) blickt mit völligem Unverständnis auf den zweiten Lockdown. „Die Entscheidung ist schwer nachvollziehbar“, sagt Birgit Schwarze, Präsidentin des DSSV. Für die Branche gebe es wissenschaftlich fundierte Hygienepläne und Abstandskonzepte, die flächendeckend eingehalten würden und funktionierten.

Umfangreiche Umbauarbeiten

Fitnessstudio-Betreiber Frank Vogelgesang von Motivitas Fitness (Foto: Frank Vogelgesang)
Fitnessstudio-Betreiber Frank Vogelgesang von Motivitas Fitness

Das Studio von Frank Vogelgesang wurde im Frühjahr und Sommer komplett umgebaut. Geräte wurden umgestellt, Schutzwände aufgestellt und ein System zur Kontrolle entwickelt, wie viele Menschen im Studio sind. Auch das Lüftungssystem wurde auf vollständigen Frischluftbetrieb umgestellt. Er habe es erst geglaubt, als die Schließung tatsächlich verkündet wurde. In seiner Anlage habe es keinen einzigen Infektionsfall gegeben und auch die deutschlandweite Inzidenz in Fitnessstudios sei bei unter eins gewesen.

„Leider wurde es aus unserer Sicht über die Sommermonate von der Politik massiv versäumt, Konsequenzen aus der ersten Welle zu ziehen und auf dieser Grundlage an den richtigen Stellen Maßnahmen zu ergreifen“, sagt Birgit Schwarze. Für den DSSV steht fest: Training in Fitnessanlagen kann ohne Gefahr mit Hygienekonzepten stattfinden.

Wir haben seit Oktober keine Einnahmen mehr.

Das Unternehmen in der Nachbarschaft der Saarland Therme lebt aktuell von Rücklagen. Seit fast einem Jahr konnte das Studio wegen der Coronapandemie nicht mehr kostendeckend arbeiten. Die letzten Einnahmen, abgesehen von wenigen offenen Reha-Abrechnungen, hat das Unternehmen im Oktober 2020 verbucht, denn nach Bekanntgabe des erneuten Lockdowns haben die Geschäftsführer eine Entscheidung getroffen: Sie haben die Beiträge der Mitglieder im Gegensatz zu vielen anderen Fitnessstudios nicht mehr eingezogen.

„Wir haben uns auf die Aussagen der Politiker verlassen“, sagt Frank Vogelgesang. „Ich erinnere mich an die Worte unseres Wirtschaftsministers Peter Altmaier Ende Oktober: ‚Macht euch als Unternehmen keine Sorgen, wir werden euch schnell und unbürokratisch eure Ausfälle bezahlen.‘“

Doch auf die angekündigte Hilfe musste das Studio in Kleinblittersdorf lange warten. Mitte Januar wurde die Novemberhilfe ausgezahlt, die Dezemberhilfe soll im Februar folgen und die Überbrückungshilfe III kann noch gar nicht beantragt werden. „Dass das Geld nicht ankommt, ist überhaupt nicht mehr nachvollziehbar und das macht die Menschen zurecht so frustriert und wütend. Die Unternehmer stehen mit dem Rücken zur Wand“, betont auch der DSSV.

Lockdown trifft wichtigste Zeit des Jahres

Die Mitarbeiter kann das Studio in Kleinblittersdorf bisher durch Kurzarbeit halten. Viele Trainer arbeiten allerdings freiberuflich in der Branche – sie bekommen kein Geld. Auch die Gehälter für Geschäftsführer und Gesellschafter sind in den Hilfsprogrammen des Staates nicht enthalten. Diese beziehen sich entweder auf den Vorjahresumsatz im entsprechenden Monat oder auf die Fixkosten.

Auch durch das Einziehen der Beiträge wäre das Problem nicht gelöst worden, denn das würde das Liquiditätsproblem nur in die nächsten Monate verlagern: Wenn die Mitglieder von ihren kostenlosen Mitgliedschaften Gebrauch machen, die ihnen zustehen, weil sie in der Zeit des Lockdowns nicht trainieren durften. Und der zweite Lockdown trifft noch eine viel wichtigere Zeit für die Fitnessbranche. In den Monaten Januar und Februar werden normalerweise die meisten neuen Mitgliedschaften abgeschlossen.

Hohe Verluste im ersten Lockdown

Im ersten Lockdown hat das Unternehmen die Mitgliedsbeiträge noch regulär eingezogen. Dafür wurde den Mitgliedern die Zeit, in der sie nicht trainieren konnten, kostenlos an die Vertragslaufzeit angerechnet. Alternativ dürfen auch Freunde oder Familie in der Zeit trainieren. Trotzdem haben rund 30 Prozent der Mitglieder die Beiträge zurückgefordert oder ihre Mitgliedschaften fristgerecht gekündigt.

Vor allem von französischen Mitgliedern habe es viel Ärger und Frust gegeben, erinnert sich Frank Vogelgesang. Denn diese konnten wegen der geschlossenen Grenzen nicht mehr trainieren, auch nicht, als das Studio noch geöffnet hatte. In E-Mails sei den Betreibern vorgeworfen worden, sie würden die Franzosen aussperren. „Die französischen Kunden haben uns das ganz übel genommen und das mussten wir mit vielen Verlusten teuer bezahlen.“

Aber nicht nur das brachte das Fitnessstudio bereits im ersten Lockdown in finanzielle Schwierigkeiten: Das Ostergeschäft gehört zu den umsatzstärksten Monaten in der Branche. Neukunden gab es aber in diesem Jahr keine. Die Soforthilfe war für das Unternehmen keine große Hilfe. „Die Hilfe war lächerlich. Wir haben 10.000 Euro bekommen – und mindestens das Fünffache verloren“, so der Geschäftsführer.

Doch auch über den Sommer schaffte es das Unternehmen nicht zurück in die schwarzen Zahlen. Alleine für Hygieneprodukte wie Desinfektionsmittel und Papiertücher sind nach Angaben des Geschäftsführers monatlich zwischen 4000 und 5000 Euro angefallen. Auch die Energiekosten für das neue Lüftungssystem seien enorm gestiegen.

Es fühlt sich an, als würden wir ein Flugzeug im dicksten Nebel ohne Leitstrahl steuern.

Frank Vogelgesang wünscht sich vor allem mehr Zuverlässigkeit und Planbarkeit von der Politik. „So kann man kein Unternehmen führen, nicht mit wöchentlich neuen Entscheidungen“, so der Geschäftsführer. „Bei allem Verständnis für diese komplexe Situation: Das ist Management-by-Chaos.“

Der DSSV kritisiert darüber hinaus die Entscheidungsgrundlage der Politik. „Unsere Bundesregierung wird offensichtlich ausschließlich von Virologen beraten, aber wir sind eine komplexe Gesellschaft“, sagt Birgit Schwarze als Präsidentin des DSSV. Es würde an Fachleuten aus dem Gesundheitsbereich, dem Trainingsbereich, der Sportmedizin und auch der Soziologie fehlen.

Öffnung für die Gesundheit

Die Schließung hat laut DSSV nicht nur finanzielle Folgen. Gravierend könnten die Folgen für die körperliche und psychische Gesundheit sein: „Die Menschen leben jetzt in einem Dreiklang: Arbeit, Sofa, Fastfood. Das ist der Start in die Zivilisationskrankheiten, mit denen wir schon länger zu kämpfen haben.“ Birgit Schwarze nennt Übergewicht, hohen Blutdruck und Diabetes. Diese Erkrankungen hingen eng damit zusammen, dass die Menschen nicht trainieren können.

Und sie fördern schwere Verläufe einer Corona-Infektion, betont auch die IKK Südwest. Fast jeder zehnte Saarländer betätige sich sportlich oder gehe regelmäßig zum Training ins Fitnessstudio und schütze sich damit perspektivisch sowohl vor Zivilisationskrankheiten als auch vor den schweren Verläufen. Bereits im Januar forderte die Krankenkasse deshalb ein Konzept zur Öffnung, nicht nur für Fitnessstudios, sondern für alle Sporteinrichtungen – und zwar priorisiert.

„Wir werden einen hohen Preis bezahlen, wenn wir die Menschen nicht bald wieder trainieren lassen. Wir legen gerade den Grundstein für eine völlige Überforderung unseres Gesundheitssystems“, mahnt Birgit Schwarze. Auch für Frank Vogelgesang bekommen die möglichen Langzeitschäden in der Gesundheit zu wenig Beachtung: „Wir sind nicht Teil des Problems, sondern wir wären Teil der Lösung.“

Auszahlung dauert zu lange
Corona-Bürokratie – ganze Branchen in Not
Ob Friseure, Fitnessstudios, Hotels, Kosmetikstudios oder Restaurants: Sie alle mussten wegen der Coronapandemie spätestens Ende 2020 zum zweiten Mal schließen – mit ihnen sind viele weitere Branchen betroffen und stehen kurz vor dem finanziellen Zusammenbruch. Nicht, weil es keine Hilfen vom Staat gibt, sondern weil sie monatelang auf die Auszahlung warten müssen.

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