Covid-19-Blutentnahmeröhrchen auf Biogefährdungsschild und Abstrich-Stäbchen (Foto: picture alliance/Chromeorange/Christian Ohde)

Wie zuverlässig sind positive Corona-Tests?

Thomas Braun   22.08.2020 | 08:47 Uhr

Angesichts der hohen Zahl an Corona-Tests, die mittlerweile durchgeführt werden, kann schon eine winzige Fehlerquote zu vielen falschen positiven Ergebnissen führen. Die Experten im Saarland sind dennoch sehr sicher, dass hinter den derzeit wieder steigenden Fallzahlen auch reale Infektionen stehen.

Noch zu Beginn des Corona-Ausbruchs in Deutschland wurden nur Personen mit Symptomen und erhöhtem Kontaktrisiko getestet. Zuletzt wurden die Tests allerdings auf immer größere Personengruppen ausgeweitet - darunter auch viele ohne jegliche Symptome.

Kritiker: Neuinfektionen sind überwiegend falsch-positiv

Bei solch massenhaften Test reicht aber schon eine kleine Ungenauigkeit, um zahlreiche falsche Testergebnisse zu liefern. Ist ein Test beispielsweise nur zu 99 Prozent genau, liefert er bei 100 getesteten Personen ein falsches Ergebnis, bei 10.000 Personen entsprechend 100 falsche Ergebnisse.

Kritiker behaupten nun, dass in Deutschland genau das gerade passiert. Nach ihrer Ansicht liegen die derzeit bestätigten neuen Coronafälle alle im Bereich der Fehlertoleranz der Tests - sie seien also "falsch-positiv". Eigentlich gebe es derzeit gar keine oder so gut wie keine echten Neuinfektionen.

Niedrige Positivrate im Saarland

Was ist dran an diesem Vorwurf? Für unseren Faktencheck haben wir uns die Fallzahlen im Saarland und die verwendeten Testverfahren genauer angeschaut. In den beiden Wochen Ende Juli und Anfang August sind im größten saarländischen Labor, Bioscientia in St. Ingbert, 10.992 Tests auf Sars-CoV-2 durchgeführt worden, 0,39 Prozent davon waren positiv. In der Virologie in Homburg lag die Positivrate im gleichen Zeitraum bei 3031 durchgeführten Tests bei 1,29 Prozent.

Um nun auszuschließen, dass nicht tatsächlich ein Großteil der saarländischen Corona-Fälle falsch-positiv ist, müsste die Fehlerquote der verwendeten Verfahren also deutlich unter diesen 0,39 beziehungsweise 1,29 Prozent liegen.

Ringversuch liefert Anhaltspunkte zu Fehlerquote

Während die großen Hersteller der Testkits bei ihren Antikörper-Tests Angaben zur Genauigkeit machen, fehlen diese für die PCR-Tests, um die es hier geht. Zahlen liefert stattdessen die Gesellschaft zur Förderung der Qualitätssicherung in medizinischen Laboren e.V. (Instand e.V.) aus einem Ringversuch. Laut „Richtlinie der Bundesärztekammer zur Qualitätssicherung laboratoriumsmedizinischer Untersuchungen – Rili-BÄK“ sind die Labore dazu angehalten, regelmäßig an solchen Ringversuchen teilzunehmen.

Im April wurden dazu mehrere verdeckte positive und negative Sars-CoV-2 Proben an die Labore verschickt. 463 Labore aus 36 Ländern meldeten ihre Ergebnisse zurück. Bezogen auf die negativen, also nicht mit Sars-CoV-2 infizierten, Proben kommen die Autoren des Versuchs zu dem Ergebnis, dass die Tests - unabhängig von der untersuchten Gen-Region - zwischen 97,8 Prozent und 98,6 Prozent richtige Ergebnisse lieferten.

Unterschiede zwischen Testverfahren verschiedener Hersteller

Dieses Ergebnis stellt zunächst aber nur einen Durchschnittswert für alle Labore, alle Testverfahren und alle untersuchten Gen-Regionen dar, betonen sowohl der Sprecher des St. Ingberter Bioscienta-Labor, Dr. Hendrik Borucki, als auch Dr. Jürgen Rissland von der Homburger Virologie. "Es sagt nichts über die Leistungsfähigkeit eines einzelnen Labors aus", so Rissland. 

Dafür müsse man sich die je nach Testverfahren und Gen-Region aufgeschlüsselten Ergebnisse anschauen. Im Saarland kommen überwiegend der Cobas Sars-CoV-2-Test von Roche Diagnostics und das RealStar Sars-CoV-2 RT-PCR Kit von Altona Diagnostic zum Einsatz. Beide untersuchen jeweils zwei Gen-Regionen. Bei dem Ringversuch lieferten diese beiden Testkits bei insgesamt 261 Ergebnissen für die einzelnen Gen-Regionen zwei falsche Befunde, ein Ergebnis wurde als fraglich eingestuft. In keinem einzigen Fall wurde für beide untersuchten Gen-Regionen gleichzeitig ein falsches Ergebnis geliefert.

"Dual targeting" erhöht Zuverlässigkeit

Alleine schon dieses "Dual targeting" genannte Prinzip, dass bei einer Probe für einen positiven Befund zwei Gen-Regionen nachgewiesen werden müssen, sorge dafür, dass die Tests sehr zuverlässig seien, sagt Rissland. Hinzu kämen weitere interne Kontrollmechanismen bei Tests sowie die Empfehlung, dass bei unklaren oder nur schwach positiven Ergebnissen noch einmal nachgetestet werde.

Beim St. Ingberter Bioscientia-Labor geht man davon aus, dass die eingesetzten PCR-Tests mit 99,99-prozentiger Wahrscheinlichkeit einen korrekten positiven Befund liefern. Das deckt sich mit Erfahrungen der Klinik für Infektiologie in Leipzig. Dort gab es unter fast 14.000 Sars-CoV-2-PCRs 365 positive Fälle. Alle seien auch serologisch, also durch eine Blutuntersuchung, verifiziert worden, schreibt Klinik-Chefarzt Professor Christoph Lübbert in einem Leserbrief im Ärzteblatt. Nur in einem Fall habe es ein falsch-positives Ergebnis gegeben, das durch einen Wiederholungstest korrigiert worden sei. Eine weitere Untersuchung der gemeinnützigen Organisation "Find" in Zusammenarbeit mit der Uniklinik Genf bestätigt den gängigen Tests ebenfalls eine hohe Zuverlässigkeit.

Dennoch bleibe ein Restrisiko für falsch-positive Ergebnisse - gerade wenn die Tests noch weiter ausgeweitet würden, sagt Rissland. "Aber das kann durch zusätzliche Maßnahmen noch einmal deutlich reduziert werden."

Gesundheitsämter liefern weitere Indikatoren

So gebe es zu positiven getesteten Personen auch Untersuchungen der Gesundheitsämter, die oft weitere Indikatoren und Informationen für eine Infektion lieferten. Das bestätigt auch der Regionalverband Saarbrücken, in dem es im Juli landesweit die meisten Neuinfektionen gab.  

Bei 21 von insgesamt 29 laborbestätigten Corona-Fällen im Juli hätten Symptome vorgelegen, die allermeisten Personen hätten zuvor zudem Kontakt zu einer infizierten Person gehabt oder seien von einer Reise aus dem Ausland zurückgekehrt, teilte ein Sprecher auf SR-Anfrage mit. Lediglich in einem Fall - ein Patient, der bei der stationären Aufnahme ins Krankenhaus vorsorglich getestet wurde - gab es weder Symptome noch bekannte Kontakte. Hier sei aber durch die hohe Viruslast das Ergebnis sichergestellt. "Das Gesundheitsamt des Regionalverbandes kann sehr sicher sein, dass keiner dieser positiven Befunde falsch positiv ist", so der Sprecher.

Falsch-negative Ergebnisse häufiger möglich

Während ein positives Testergebnis also mit hoher Wahrscheinlichkeit auf eine Infektion hinweist, besitzen negative Ergebnisse eine deutlich geringere Aussagekraft. "Ein negatives PCR-Ergebnis schließt die Möglichkeit einer Infektion mit SARS-CoV-2 nicht aus", heißt es dazu vom Robert-Koch-Institut.

Gleich mehrere Faktoren können dabei eine Rolle spielen: Hatte der Patient zum Zeitpunkt der Probenentnahme genügend Virusmaterial im Nasen- oder Rachenraum? Wurde der Abstrich gut durchgeführt? Wurden die Proben sachgemäß transportiert? Sollte ein Patient trotz negativem Ergebnis typische Symptome zeigen, empfiehlt das RKI in Absprache mit dem Labor eine erneute Probenentnahme und Testung.

Die luxemburgische Gesundheitsministerin Paulette Lenert geht auf Basis von Expertenschätzungen davon aus, dass im Großherzogtum rund 20 Prozent der Tests falsch-negative Ergebnisse liefern. Auch im Saarland kämen falsch-negative Ergebnisse vor, sagt der Homburger Virologe Dr. Jürgen Rissland. Allerdings schätzt er die Fehlerquote hierzulande eher niedriger ein als in Luxemburg.

Hintergrund

Um etwas über die Genauigkeiten von Tests auszusagen, benutzen Experten die Begriffe Sensitivität und Spezifität. Die Sensitivität gibt die Wahrscheinlichkeit an, dass ein Test infizierten Personen auch richtigerweise als infiziert erkennt. Die Spezifität steht für die Wahrscheinlichkeit, dass gesunde Personen als solche diagnostiziert werden.

Auch weitere Faktoren, wie etwa die Verbreitung einer Krankheit innerhalb der Bevölkerung, spielen eine Rolle. Ausführlich erklärt haben die Zusammenhänge zum Beispiel tagesschau.de und der Rechercheverbund Correctiv.

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