Ein Stop-Piktogramm an einer Rolltreppe leuchtet am späten Abend nach Beginn der Ausgangsbeschränkungen zur Eindämmung der Corona-Pandemie in der Innenstadt.  (Foto: picture alliance/dpa | Moritz Frankenberg)

Welche Corona-Maßnahmen empfehlen Forscher?

Thomas Braun   10.04.2021 | 14:26 Uhr

Erstmals seit zwei Monaten ist im Saarland bei der Sieben-Tage-Inzidenz wieder die 100er-Grenze überschritten worden. Experten rechnen damit, dass die Zahlen weiter steigen. Vieles läuft im Moment auf härtere Beschränkungen statt weiterer Lockerungen hinaus - aber welche Maßnahmen würden den größten Effekt bringen?

Am Freitag meldeten die saarländischen Gesundheitsbehörden 204 neue Coronafälle, nachdem bereits am Vortag mit 277 Fällen ein neuer Höchststand seit Anfang Februar gemeldet wurde. Die Sieben-Tage-Inzidenz kletterte auf 103,7 neue Fälle pro 100.000 Einwohner binnen sieben Tage.

Wird die 100er-Grenze an drei Tagen in Folge überschritten, sieht das "Saarland-Modell" eine Erweiterung der Testpflicht vor. Zudem werden bundesweit neue Maßnahmen diskutiert, die sich auch auf das Saarland-Modell auswirken könnten.

Rissland: 100er Inzidenz wird wohl nachhaltig überschritten

Dr. Jürgen Rissland: "Es ist immer noch eine angespannte Situation"
Audio [SR 3, Michael Friemel, 10.04.2021, Länge: 04:55 Min.]
Dr. Jürgen Rissland: "Es ist immer noch eine angespannte Situation"

Der Homburger Virologe Jürgen Rissland rechnet damit, dass wir bei der Inzidenz „in der kommenden Woche die 100 nachhaltig überschreiten werden".

Das Saarland-Modell sieht er vor diesem Hintergrund durchaus kritisch. Es sei zwar grundsätzlich eine "gute Idee, einen Öffnungsplan zu haben" - aber es gerade jetzt in der Phase mit weiter steigenden Zahlen umzusetzen, könne ein falsches Signal senden. "Es ist immer noch eine angespannte Situation, das darf man nicht vergessen", so Rissland.

Forscher für nächtliche Ausgangssperre

Der Saarbrücker Professor für Klinische Pharmazie, Thorsten Lehr, plädiert dafür, jetzt zügig zu handeln. Ein harter Lockdown sei der einzige Weg, sagte er in einem Online-Interview mit dem ZDF. "Wenn ich entscheiden könnte, würde ich jetzt die maximalen Maßnahmen ergreifen. Das würde auch eine Ausgangssperre inkludieren, um einfach mal alle Register zu ziehen und die Infektionen zu senken und dann auch darauf zu hoffen, dass sie sich senken lassen", so Lehr.

Den größten Effekt auf das Infektionsgeschehen hätte aus Sicht von Forschern der TU Berlin um Prof. Kai Nagel eine möglichst komplette Kontaktsperre, in der Art, wie sie beispielsweise in Großbritannien und Portugal umgesetzt worden sei. Sie empfehlen in ihrem aktuellen Bericht vom 9. April entsprechende Maßnahmen oder zumindest eine nächtliche Ausgangssperre.

Zudem sollte es sowohl in den Schulen als auch am Arbeitsplatz mindestens einmal pro Woche Schnelltests geben.

Kaum Effekt durch erneute Geschäftsschließung

Eine erneute Schließung des Einzelhandels, der "bereits durch Masken, Schnelltests und reduzierte Personendichte abgeschirmt wird", bringe in den Simulationen hingegen keinen messbaren Effekt mehr, heißt es in dem Bericht.

Mehr Aktivitäten draußen bei schönerem Wetter

Einen spürbaren Effekt hingegen könne das Wetter haben - insbesondere, wenn bei höheren Temperaturen Freizeitaktivitäten zunehmend nach draußen verlagert würden. Die warmen Tage Ende März hätten in dem Simulationsmodell eine entsprechende Wirkung gezeigt, so die Berliner Forscher in ihrem Bericht. Die Wetterprognosen für die kommenden Tage deuteten allerdings eher auf kühleres Wetter, weshalb "zwingend so schnell wie nötig weitere Maßnahmen" notwendig seien.

Einen Effekt durch das Wetter erwartet auch der Bonner Virologe Professor Hendrik Streeck, spricht in dem Videotalk "19 - die Chefvisite" aber von den kommenden Monaten und nicht den nächsten Tagen oder Wochen.

Streeck hält Ausgangssperre für kontraproduktiv

Anders als die Berliner Forscher und Professor Lehr hält er eine nächtliche Ausgangssperre aber für den falschen Weg. Er befürchtet, dass die Virusübertragungen, die vor allem in Innenräumen stattfindet, dadurch noch stärker zunehmen könnten.

Streeck verweist darauf, dass zuletzt zunehmend sozial Schwächere von Infektionen betroffen gewesen sein, Menschen etwa, die sowieso schon in beengten Wohnverhältnissen lebten. "Wenn man den Leuten jetzt nicht die Möglichkeit gibt, Ventile zu schaffen, rauszugehen, dann werden wir das Infektionsgeschehen, gerade in den sozial schwachen Bereichen, weiter anfeuern", so Streeck.

Der Virologe betonte allerdings auch, dass es eine These sei, die derzeit nicht belegen könne. Dennoch plädierte er dafür, coronakonforme Treffmöglichkeiten zu schaffen - etwa gut durchlüftete Turnhallen, wo Menschen unter Aufsicht zusammenkommen könnten. Auch die Außengastronomie sei etwas, was überhaupt nicht groß zum Infektionsgeschehen beitragen würde - aber ein mögliches Ventil für die Menschen sei.

Über dieses Thema berichteten die SR-Hörfunknachrichten am 10.04.2021

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