Arzt und Patient im Gespräch im Impfzentrum (Foto: picture alliance / Flashpic | Jens Krick)

Ethikrat für Impfpflicht – Virologe plädiert für Beratungspflicht

  23.12.2021 | 08:18 Uhr

Der Deutsche Ethikrat hat sich mehrheitlich für eine Corona-Impfpflicht ausgesprochen, darunter auch der Homburger Humangenetiker Wolfram Henn. Auch sein Kollege an der Uniklinik, Virologe Jürgen Rissland, schließt eine Impfpflicht nicht aus, plädiert davor aber zunächst für eine Beratungspflicht.

Der Deutsche Ethikrat hat eine Ausweitung der gesetzlichen Corona-Impfpflicht auf größere Teile der Bevölkerung empfohlen - sofern sie von weiteren Maßnahmen wie etwa flächendeckend verfügbaren, niedrigschwelligen Impfangeboten begleitet wird. Eine solche Ausweitung sei zu rechtfertigen, wenn sie "gravierende negative Folgen" künftiger Pandemiewellen abschwächen oder verhindern könne, heißt es in einer am Mittwoch vorgelegten Stellungnahme.

In dem 20-seitigen Papier wägen die Expertinnen und Experten rechtliche Bedenken und ethische Grundsätze über Freiheit, Solidarität und Selbstbestimmung gegeneinander ab.

Allgemeine Impfpflicht oder nur für Risikogruppen?

Sieben Mitglieder des 24-köpfigen Ethikrats plädierten laut der Stellungnahme dafür, eine Impfpflicht auf diejenigen zu begrenzen, die ein hohes Risiko für einen schweren Covid-19-Verlauf haben. 13 Ethikratsmitglieder, darunter auch der Homburger Humangenetiker Wolfram Henn, votierten für eine allgemeine Impfpflicht für alle Erwachsenen ab dem 18. Geburtstag.

Henn begründete seine Entscheidung in einem Interview mit der Saarbrücker Zeitung zum einen mit den nun kursierenden Virusvarianten, die nur mit einer hohen Impfrate in den Griff zu bekommen seien. Hinzu komme, dass nach aktuellen Erhebungen 60 Prozent der derzeit noch ungeimpften Personen sich auch künftig nicht impfen lassen wollen.

"Bei dieser Minderheit stößt positive Motivationsarbeit an ihre Grenzen. Deshalb geht es nicht ohne eine Pflicht, die in fairer Weise alle Erwachsenen gleichermaßen binden soll."

Rissland: Beratungs- vor Impfpflicht

Genau an diese Motivationsarbeit - oder vielmehr Aufklärungsarbeit - glaubt aber noch der Homburger Virologe Jürgen Rissland. Auch er schließt eine Impfpflicht als letzte Konsequenz zwar nicht aus, würde davor aber gerne zunächst auf eine Beratungspflicht setzen.

"Die Menschen sollten dazu verpflichtet werden, sich bei einem Arzt oder einer öffentlichen Stelle über die Impfung zu informieren", so Rissland. Er verweist darauf, dass zusätzlich zur Corona-Pandemie auch eine "Infodemie" zu beobachten sei - laut Weltgesundheitsorganisation WHO gibt es ein Überangebot an Informationen, von denen manche irreführend oder sogar schädlich sein können.

Im Internet und in sozialen Netzwerken seien haufenweise falsche oder unvollständige Informationen in Umlauf, so Rissland. Das führe letztlich dazu, dass Menschen die Risiken einer Impfung überschätzten, während sie gleichzeitig die Gefahren einer Infektion unterschätzten.

Rissland ist davon überzeugt: Würde man die Ungeimpften richtig aufklären, würde sich eine Mehrheit freiwillig für eine Impfung entscheiden.

Rund 110.000 Erwachsene im Saarland ungeimpft

Das Saarland hat aktuell die zweithöchste Impfquote bundesweit. 76,6 Prozent sind vollständig geimpft. Betrachtet man nur die erwachsene Bevölkerung, sind es 86,8 Prozent. Das bedeutet umgekehrt allerdings auch, dass alleine im Saarland rund 110.000 Menschen über 18 Jahre keinen vollständigen Impfschutz haben. Bundesweit sind es mehrere Millionen Erwachsene.

Der Bundestag soll im neuen Jahr über eine mögliche allgemeine Corona-Impfpflicht entscheiden, und zwar ohne die sonst übliche Fraktionsdisziplin. Eine solche generelle Impfpflicht hatten die Bundesregierung und führende Politiker lange ausgeschlossen.

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