Thorsten Lehr (Foto: SR)

"Freiwilligkeit funktioniert nicht besonders gut"

  24.03.2021 | 15:30 Uhr

In mehreren Punkten setzen Bund und Ländern weiter auf Appelle und freiwillige Maßnahmen. Aus Sicht des Saarbrücker Forschers Professor Thorsten Lehr reicht das wahrscheinlich nicht, um die dritte Welle zu brechen. Er befürchtet, dass schon vor den nächsten geplanten Beratungen Mitte April die Maßnahmen nachgeschärft werden müssen.

Prof. Lehr: "Ich rate dringend, an Ostern Besuche so weit als möglich zu unterlassen"
Audio [SR 3, Interview: Janek Böffel, 23.03.2021, Länge: 04:04 Min.]
Prof. Lehr: "Ich rate dringend, an Ostern Besuche so weit als möglich zu unterlassen"

Bürger und Bürgerinnen werden "ermutigt", die kostenlosen Tests zu nutzen, Unternehmen "sollen" ihren Mitarbeitern mehr Tests anbieten, im Bildungsbereich werden mehr Tests "angestrebt", Bund und Länder "appellieren" daran, auf Reisen zu verzichten: In mehreren Punkten bleibt der in der Nacht zum Dienstag getroffene Beschluss von Bund und Ländern vage. Möglicherweise zu vage, findet der Saarbrücker Professor für Klinische Pharmazie, Thorsten Lehr.

"An vielen Stellen ist ein großer Weichspülfaktor festzustellen", sagte Lehr am Dienstag im SR-Interview. "Was wir in dieser Pandemie schon gesehen haben: Die Freiwilligkeit funktioniert nicht besonders gut." Deshalb habe er auch Zweifel, ob viele der beschlossenen Maßnahmen am Ende auch umgesetzt würden.

"Dieser Osterlockdown hätte uns nicht viel gebracht"
Audio [SR 3, Interview: Janek Böffel / Thorsten Lehr, 24.03.2021, Länge: 02:49 Min.]
"Dieser Osterlockdown hätte uns nicht viel gebracht"

Dass die geplanten Beschränkungen über die Ostertage mit den zwei zusätzlichen "Ruhetagen" an Gründonnerstag und Karsamstag inzwischen wieder gekippt wurden, beunruhigt Lehr nicht. Er ist davon überzeugt, dass zwei Tage mehr an Schließung von Geschäften am Ende nichts gebracht hätten. "Wahrscheinlich wäre es wirklich auf mehr Infektionen durch Treffen und weniger Infektionen durch Arbeit hinausgelaufen und damit wahrscheinlich auf eine Nullnummer", sagte Lehr im SR-Interview. Das bedeute jedoch nicht, dass man damit jetzt aus dem Schneider sei.

Weitere Nachschärfung nötig?

Deutschland befinde sich bereits zu Beginn der dritten Welle, die Zahlen stiegen derzeit rapide an. Auch die Krankenhausbetten füllten sich zusehends, sagte Lehr. Nach einem zwischenzeitlichen Rückgang auf rund 2700 Intensivpatienten am 13. März sind die Belegungszahlen laut DIVI-Intensivregister in den vergangenen Tagen um mehr als 400 Patienten oder gut 15 Prozent gestiegen. Und die Tendenz zeigt weiter nach oben.

So wie das Infektionsgeschehen derzeit laufe, könne es gut sein, dass Bund und Länder schon vor dem nächsten geplanten Treffen am 12. April die Maßnahmen nachschärfen müssten, befürchtet Lehr.

An Ostern am besten auf Besuche verzichten

Sorgen bereiten dem Saarbrücker Forscher auch die möglichen Familienzusammenkünfte an den bevorstehenden Feiertagen. Man sehe gerade bei der britischen Corona-Variante, dass sie leichter übertragen wird und sich das Virus auch stärker innerhalb von Familien ausbreite. "Deshalb würde ich dringend dazu raten, an Ostern Besuche zu unterlassen, soweit es denn möglich ist", sagte Lehr

Lehr befürchtet auch steigende Zahlen im Saarland

Im Saarland sind die Infektionszahlen zuletzt zwar auch wieder gestiegen - aber noch nicht so stark wie im Bundesschnitt. Das Saarland hat laut Robert-Koch-Institut (RKI) derzeit die zweitniedrigste Sieben-Tage-Inzidenz nach Schleswig-Holstein.

Ausruhen darauf dürfe man sich auf diesen vergleichsweise niedrigen Werten aber nicht, so Lehr. "Es steht zu befürchten, dass es sich verhält wie in der Vergangenheit." Da sei es auch oft so gewesen, dass in den Bundesländern, die zunächst gut durch die Krise gekommen seien, die Zahlen später doch gestiegen seien.

Letztlich hätten es die Bürgerinnen und Bürger aber zum Teil auch selbst in der Hand. "Die Entwicklung der Infektionen hängt sehr stark davon ab, wie die Bevölkerung sich verhält", so Lehr.

Zur Person

Thorsten Lehr ist für Professor für Klinische Pharmazie an der Universität des Saarland. Gemeinsam mit einen interdisziplinär besetzten Team hat er den Covid-Simulator entwickelt, mit dem Modellberechnungen zum künftigen Verlauf der Corona-Pandemie erstellt werden können.

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