Montagefließband im Ford Werk Saarlouis (Foto: SR)

Der große Umbruch - Das Saarland und der Autogipfel

eine Einschätzung von Wolfgang Wirtz-Nentwig   17.11.2020 | 16:22 Uhr

Beim Berliner Autogipfel am Dienstag geht es um die aktuellen Herausforderungen der gesamten Branche. Wer die verstehen will, kann sie im Saarland wie durch ein Brennglas studieren.

Es hätte so schön werden können! Im Juni 2020 wollte der Ford-Konzern zum 50. Geburtstag seines Werks in Saarlouis eine große Fete steigen lassen. Das wäre auch ein perfekter Zeitpunkt gewesen, die Belegschaft und die Öffentlichkeit über die Zukunftspläne für den Standort zu informieren. Doch die Corona-Pandemie hat dem Autobauer einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht. Die Party fiel aus, und den Kolleginnen und Kollegen am Band war ohnehin schon länger nicht mehr zum Feiern zumute.

50 Jahre Ford Saarlouis
Video [SR Fernsehen, (c) SR, 09.10.2020, Länge: 02:44 Min.]
50 Jahre Ford Saarlouis

Denn die rund 5000 Frauen und Männer und 2000 weitere bei den angehängten Zulieferern wissen bis heute nicht, wie es mit ihrem Werk weitergeht. 2024 soll das aktuelle Focus-Modell auslaufen. Der sportliche Kompakte wird von Autotestern traditionell für sein starkes Fahrwerk und die Ecoboost-Motoren gelobt, die aus wenig Hubraum viel Leistung herausholen.

Aber: Der Focus ist das aktuell einzige Modell, das noch in Saarlouis gebaut wird. Früher wurden hier auch zusätzliche Baureihen aufgelegt. Ganz am Anfang der Capri, später der Fiesta oder zuletzt der SUV Kuga. Auf zwei Beinen steht auch ein Autowerk besser als auf einem. Ob allein mit einem klassischen Tiefsitz-Fünftürer mit Verbrennungsmotor die Zukunft zu gewinnen ist, das wird nicht nur in den Werkshallen bezweifelt.

Wie geht's weiter in Saarlouis?

Denn es kommen gleich zwei Trends zusammen, die dagegen sprechen: Der einst süffisant belächelte US-Elektro-Pionier Tesla hat die ganze Branche technologisch aufgeschreckt und ist gerade in Deutschland weiter auf dem Vor- und Durchmarsch. Und gleichzeitig hat die langsam ergrauende Babyboomer-Generation die Vorzüge von halbhohen Geländewagen-Attrappen entdeckt, die man trotz schmerzhafter Hüftschäden lässig-elegant besteigen und verlassen kann und mit denen man in der Firma wie vor der Eisdiele eine gute Figur macht.

Kein Wunder, dass in Saarlouis die Angst umgeht, mit der ausschließlichen "Focus-Sierung" auf das gleichnamige Modell den Anschluss zu verpassen. Bei den langen Vorlaufzeiten für neue Baureihen und erst recht für neue Technologien müsste längst klar sein, wie es nach 2024 weitergeht. Doch seit Monaten beißen Betriebsrat und IG Metall bei der Geschäftsleitung auf Granit. Trotz zahlreicher Anläufe und eigener Vorschläge gibt es keine verbindliche Auskunft und noch nicht einmal Gesprächstermine.

So schießen wilde Spekulationen ins Kraut: Will die Unternehmensführung den psychologischen Druck auf die Politik erhöhen, noch weitere Millionen zur Förderung des technologischen Umbaus lockerzumachen? Lässt man die vier europäischen Produktionsstätten bewusst schmoren, um die Mitarbeitenden gegeneinander auszuspielen? Oder wissen die Chefs selbst noch nicht, wie es mit dem Jubiläums-Standort weitergeht?

In der letzten Sparrunde wurde bereits der parallel vom Band laufende Minivan C-Max ersatzlos gestrichen und der bisherige Rund-um-die-Uhr-Betrieb auf zwei Schichten reduziert. 1600 Arbeitsplätze gingen verloren. Die Angst geht über die aktuelle Corona-Krise hinaus – und sie hat sich in der ganzen Region verbreitet. Bei der aktuellen Infratest-Dimap-Umfrage im Auftrag des SR machten sich zwei Drittel der Bevölkerung Sorgen um die wirtschaftliche Lage.

Elektroautos als Zukunftsmodell?

Ford Deutschland will bei der Elektrifizierung seiner Flotte mit VW kooperieren. Von vier künftigen Modellen ist die Rede, zum Teil als Hybrid, zum Teil komplett elektrisch. Aber selbst wenn es für den Standort Saarlouis doch noch glimpflich ausginge: So wie in den Glanzzeiten der 50-jährigen Geschichte wird es in Zukunft kaum noch einmal werden.

Elektroautos haben eine deutlich geringere Fertigungstiefe als die bisherigen Modelle. Sie brauchen nun mal keine komplexen Motoren, kein aufwändiges Getriebe, keinen Anlasser und keine Auspuffanlage. Die Bodengruppen mit der kompletten Batterie- und Antriebseinheit können viel stärker als heute modular in Großserien gebaut werden.

Bei Karosserie und Innenraum gibt es mehr Platz und Gestaltungsfreiheit, aber man wird deutlich weniger Menschen brauchen, um die gleiche Menge an Fahrzeugen zu montieren. Die Wertschöpfung wird sich zu einem guten Teil in Richtung der Batterie-und Modul-Hersteller verschieben.

Zulieferer im Umbruch

Dieser Umbruch betrifft neben Ford auch viele Zulieferer-Werke, die über lange Jahre das industrielle Rückgrat der Saar-Wirtschaft bildeten. ZF baut mit fast 9000 Leuten Automatik-Getriebe, Bosch fertigt Einspritzsysteme für Dieselmotoren, auch die Saarstahl AG ist ein wichtiger Player im Automotive-Sektor - um nur drei Beispiele zu nennen.

Es gibt wichtige Forschungsinstitute an den Hochschulen und Fachkongresse mit hohem Branchen-Renommee. Insgesamt hängen rund 44.000 Arbeitsplätze am Auto. Auch in mancher vermeintlich bayerischen Limousine steckt ein erheblicher Anteil Saarland drin.

Aber wird das so bleiben? Das ist die Frage, die vielen schon lange schlaflose Nächte bereitet. Die Belegschaft des Saarlouiser Ford-Werks hat in 50 Jahren sagenhafte 15 Millionen Autos gebaut und in alle Welt exportiert. Das wäre eine Autoschlange, die eineinhalb Mal um den Globus reicht - mindestens. "Großes entsteht immer im Kleinen" lautet der offizielle Werbeslogan des Saarlandes. In diesem Fall sind es große Fragen von globaler Dimension. Kann man solche Zahlen noch einmal toppen? Darf man das überhaupt?

Klar ist: Wenn die Autobranche - und damit unsere individuelle Mobilität - die nächsten 50 Jahren heil überstehen soll, kann das nur einem völlig anderen Umgang mit Ressourcen funktionieren und mit 100 Prozent erneuerbaren Energien.

Nach langer Durststrecke eine gute Nachricht

Bis zu 2000 neue Arbeitsplätze
Batteriehersteller plant Milliarden-Investition im Saarland
Der chinesische Batteriehersteller für Elektro-Autos SVolt Energy will im Saarland bis zu zwei Milliarden Euro investieren und zwei Werke bauen. Bis zu 2000 neue Jobs sollen dadurch entstehen.

Bei dieser Ausgangslage ist die neueste Meldung tatsächlich wie ein Befreiungsschlag aus dem Mehltau der schlechten Stimmung: Genau pünktlich zum Tag des Berliner Autogipfels hat die Landesregierung eine Großinvestition des chinesische Batterieherstellers SVolt Energy angekündigt. Das Saarland hat sich gegen 31 konkurrierende Standorte durchgesetzt. In zwei Betriebsstätten sollen bis zu 2000 Arbeitsplätze entstehen.

Die geplante Produktionskapazität soll für mehrere Hunderttausend Elektroautos pro Jahr reichen; der Hersteller will ausschließlich mit Ökostrom arbeiten. Die neuen Jobs reichen nicht, um die Verluste an anderer Stelle auszugleichen. Trotzdem ist das Großprojekt nicht nur ein wichtiges Signal für die Region, sondern nach der Tesla-Ansiedlung bei Berlin auch ein weiterer Beleg dafür, dass der Umbau zur Mobilität der Zukunft nicht mehr aufzuhalten ist. Nur schade, dass die Impulse dafür vor allem aus China und Kalifornien kommen und nicht aus dem Mutterland des Autobaus.

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