Ein Schild einer VdK-Protestaktion mit der Aufschrift Pflege kann nur gut gehen, wenn es den Pflegenden auch gut geht. (Foto: IMAGO / Richard Wareham)

VdK: Wer pflegt, hat keine Zeit zum Demonstrieren!

  21.07.2022 | 13:56 Uhr

Mit einer „Demo ohne Menschen“ hat der Sozialverband VdK am Donnerstag in Saarbrücken auf die Situation pflegender Angehöriger im Saarland aufmerksam gemacht. Die Dauerbelastung sei ein großes Problem.

Die eigenen Großeltern, Eltern, Partner oder Kinder zuhause zu pflegen, wenn es nötig wird – für viele ist das eine enorme Aufgabe und neben dem Job eine große körperliche und emotionale Dauerbelastung.

Um auf die Situation pflegender Angehöriger aufmerksam zu machen, hat der Sozialverband VdK Saarland am Donnerstag vor der Europagalerie in Saarbrücken eine besondere Aktion gestartet: eine „Demo ohne Menschen“.

Schilder mit Pflegebotschaften vor der Saarbrücker Europagalerie (Foto: VdK)
Der VdK hat mit Schildern vor der Saarbrücker Europagalerie "still" demonstriert

„Angehörige haben keine Zeit für Demo“

Vor der Europagalerie stehen Schilder, darauf Aussagen und Wünsche pflegender Angehöriger. Damit soll den Betroffenen eine Stimme gegeben werden, so der Verband, denn Unterstützung für sie gebe es viel zu wenig.

Da gehe es zum Beispiel darum, dass diese Menschen eine Altersvorsorge brauchen, sagt VdK-Landesgeschäftsführer Peter Springborn im SR-Interview. Gesammelt worden seien diese Aussagen über die Internetseite des VdK.

VDK: "Pflegende Angehörige haben keine Zeit, auf eine Demo zu gehen"
Audio [SR 3, Interview: Simin Sadeghi, 21.07.2022, Länge: 04:28 Min.]
VDK: "Pflegende Angehörige haben keine Zeit, auf eine Demo zu gehen"

Aber warum eine Demo ohne Menschen? „Das Problem der pflegenden Angehörigen ist eben, dass sie nicht laut sein können und schon gar nicht die Zeit haben, auf eine Demo zu gehen“, sagt der VdK-Landesgeschäftsführer. „Denn die sind ja zuhause damit beschäftigt, ihre Angehörigen zu pflegen, viele davon rund um die Uhr. Und in den wenigen Minuten, die sie Luft und Freiheit haben, müssen sie ein paar andere Dinge erledigen.“

Hilfe scheitert an Bürokratie und Mangel

Laut Springborn gibt es zwar zahlreiche Unterstützungsangebote für pflegende Angehörige. Diese seien den Betroffenen aber häufig nicht bekannt und müssten in der Regel einzeln explizit beantragt werden.

Außerdem scheitere der Anspruch an der Realität. „Wir haben im Saarland etwa 55.000 Menschen, die von ihren Angehörigen zuhause gepflegt werden“, sagt Springborn. „Jeder von denen hat theoretisch einen Anspruch auf Tages- oder Kurzzeitpflege. Es gibt aber nur 500 Tages- und 1000 Kurzzeitpflegeplätze im Saarland. De facto kann man also diesen Anspruch, den man hat, überhaupt nicht umsetzen.“

Gesellschaftliche Aufgabe

Von der Politik fordert der VdK ein Budget für Unterstützungsleistungen. Damit soll es pflegenden Angehörigen ohne viel Bürokratie möglich werden, Freiräume für sich zu schaffen und zum Beispiel im Krankheitsfall auch schnell einen Tages- oder Kurzzeitpflegeplatz zu organisieren.

Die Unterstützung pflegender Angehöriger sieht Springborn als gesellschaftliches Problem und als gesellschaftliche Aufgabe. Diese Menschen drohen nach seinen Worten Probleme im Job und, auf lange Sicht, Armut. Es gebe zwar gewisse Anerkennungen auf die Rente, so Springborn. Die seien aber minimal. „Der beste Weg in die Altersarmut ist die Pflege eines Angehörigen.

Das sei eine Katastrophe, sowohl für diese Menschen als auch für die Gesellschaft. 80 Prozent der Pflegenden würden zuhause gepflegt, so Springborn. „Man stelle sich mal vor, welche Kosten auf die Gesellschaft zukämen, wenn man die alle ins Heim bringen müsste – mal ganz abgesehen davon, dass natürlich keiner von denen, die zuhause gepflegt werden können, ins Heim will.“

Über dieses Thema haben auch die SR-Hörfunknachrichten vom 21.07.2022 berichtet.

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