Lehr Thorsten (Foto: SR)

Forscher erwarten hohe Covid-Welle in den Kliniken

Thomas Braun   30.10.2020 | 15:40 Uhr

Trotz des nun beschlossenen Teil-Lockdowns erwarten saarländische Forscher ab Mitte November eine mindestens doppelt so hohe Zahl an Covid-19-Patienten in den Kliniken wie im Frühjahr. Sie befürchten zudem, dass ein einmonatiger Lockdown nicht ausreicht, um die Virusausbreitung nachhaltig auszubremsen.

Seit Anfang Oktober steigt die Zahl der gemeldeten Corona-Neuinfektionen in Deutschland und auch im Saarland rapide an. Zwar konnte die Entwicklung im Saarland zuletzt etwas ausgebremst werden - offenbar durch die teils bereits seit mehreren Wochen geltenden Beschränkungen in den stark betroffenen Landkreisen. Der R-Wert liegt aber weiterhin deutlich über 1, wie Berechnungen einer Forschergruppe um Professor Thorsten Lehr von der Klinischen Pharmazie der Saar-Universität zeigen.

Harte Prognose des Lockdown-Simulators der Saar-Uni
Video [SR Fernsehen, (c) SR, 30.10.2020, Länge: 02:23 Min.]
Harte Prognose des Lockdown-Simulators der Saar-Uni

Der R-Wert - auch Reproduktionswert - gibt an, wie viele weitere Menschen ein Corona-Infizierter im Schnitt ansteckt. Nach Berechnungen der Wissenschaftler lag der R-Wert Anfang Oktober im Saarland bei über 2 und sank zuletzt auf rund 1,4. Das bedeutet, dass im Schnitt zehn Infizierte 14 weitere Personen anstecken. Die Zahl der Neuinfektionen geht also weiter nach oben.

Mindestens doppelt so viele Intensivpatienten wie im Frühjahr

Die Belegungszahlen in den Kliniken sind schon jetzt deutlich gestiegen. Die Berechnungen der Forscher zeigen allerdings, dass der Höhepunkt noch bevorsteht. "Wir wissen aus der Entwicklung im Frühjahr, dass sich erhöhte Infektionszahlen erst mit mehrwöchiger Verzögerung auf die Belegung der Intensivstationen auswirken", erklärt Lehr.

Trotz des geplanten Teil-Lockdowns seien die Spitzenbelegungen daher erst ab Mitte November zu erwarten. "Mit unseren Simulationen mussten wir leider feststellen, dass unabhängig davon, wie stark man ab jetzt die weitere Ausbreitung des Coronavirus stoppen kann, im Dezember mindestens doppelt so viele Intensivbetten belegt sein werden wie zu Spitzenzeiten der ersten Welle", so Lehr.

Viele Landkreise wohl auch Anfang Dezember Risikogebiet

Lehr befürchtet zudem, dass ein einmonatiger Lockdown nicht ausreichen könnte, um die Situation in den Griff zu bekommen. Selbst wenn es gelinge, den R-Wert wieder auf das Niveau während des Lockdowns im Frühjahr zu senken, läge die Sieben-Tage-Inzidenz in über der Hälfte der Stadt- und Landkreise in Deutschland Anfang Dezember noch über dem Schwellenwert von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner.

Forscher mehrerer Fachrichtungen beteiligt

An dem Covid-19-Simulationsprojekt sind neben dem Team von Professor Lehr auch Forscher der Homburger Virologie und des Instituts für Anästhesiologie, Intensivmedizin und Schmerztherapie beteiligt. Für ihre mathematischen Berechnungen greifen sie unter anderem auf Daten des Robert-Koch-Instituts und der Gesundheitsämter sowie klinische Daten von über 8000 stationär behandelten Patienten aus Deutschland zurück.

Mehr Informationen über das zugrundeliegende Rechenmodell, wöchentliche aktualisierte Berichte und einen Onlinesimulator gibt es unter www.covid-simulator.com.

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