In einem St. Ingberter Labor werden Corona-Proben analysiert (Foto: Sebastian Knöbber)

Zahl der akuten Corona-Kranken sinkt - Dunkelziffer bei 5000 Infizierten

Niklas Resch / Thomas Braun   28.04.2020 | 13:03 Uhr

Im Saarland geht die Zahl der akut am Coronavirus erkrankten Menschen seit rund zwei Wochen zurück. Nicht berücksichtigt ist dabei jedoch die Dunkelziffer – der Virologe Rissland geht von insgesamt rund 5000 Infizierten aus. Und auch wenn die Coronawelle abflacht, ist das für ihn nur ein „Zwischenerfolg, aber kein Grund zur Entwarnung“.

Rund 2500 Menschen sind bislang im Saarland nachweislich mit Sars-CoV-2 infiziert, dem neuartigen Coronavirus. Die Kurve ist zuletzt deutlich abgeflacht, und da immer mehr Menschen wieder als genesen gelten oder nach einer Covid-19-Erkrankung verstorben sind, sinkt die Zahl der akut Infizierten sogar seit zwei Wochen stetig.

Entwicklung der Infizierten-Zahlen

Für den Virologen Dr. Jürgen Rissland von der Uniklinik Homburg sind die Zahlen ein „schöner Zwischenerfolg, aber noch kein Grund zur Entwarnung“. Im Gespräch mit SR.de betont er: „Die Zahlen sind auch mit Vorsicht zu genießen. Denn wie überall geben sie nur Aufschluss über die im Labor bestätigten Fälle, und nicht über die Dunkelziffer.“

Dunkelziffer ungefähr doppelt so hoch

Rissland und seine Kollegen gehen aufgrund von Modellrechnungen davon aus, dass es im Saarland derzeit fast doppelt so viele Infizierte gibt wie tatsächlich bestätigt sind. „Genau kann man das natürlich nicht sagen, aber es dürften so knapp 5000 Corona-Infektionen im Saarland seit Beginn der Pandemie sein.“ Bei den nicht erkannten Fällen handele es sich in der Regel um Menschen, bei denen die Erkrankung ohne Symptome verläuft. Ansteckend seien sie aber trotzdem, auch oder gerade weil sie nichts von ihrer Infektion wüssten.

Eine Durchseuchung von 15 Prozent aller Einwohner, wie im nordrhein-westfälischen Gangelt bei einer Studie ermittelt, hält Rissland allerdings für sehr unwahrscheinlich. „Das war ein regionaler Hotspot. Die Zahlen sind nicht auf ein gesamtes Bundesland oder gar ganz Deutschland übertragbar“, so Rissland.

Auch nach 14 Tagen noch Träger des Virus

Unklar ist auch die tatsächliche Zahl der nach einer Infektion genesenen Personen. Die saarländischen Gesundheitsämter halten sich derzeit an eine Empfehlung des Robert-Koch-Instituts, die besagt: Wer 14 Tage in Quarantäne war und an deren Ende 48 Stunden ohne Symptome ist, gilt als genesen und wird dementsprechend gemeldet. Ohne erneuten Test.

Virologe Rissland konnte durch Überprüfungen aber nachweisen: Einige Betroffene waren auch nach 14 Tagen und ohne Symptome noch Träger des Virus. „Ich halte die Zahl der angegebenen Genesenen daher für etwas überschätzt“, so Rissland im SR.de-Interview. Er plädiert dafür, dass möglichst alle Infizierten zum Ende der Quarantäne noch einmal getestet werden. „Ganz generell wäre es besser, noch mehr zu testen, damit wir mit den diagnostizierten Fällen näher an die Realität kommen.“

Besonders wenig aktuell Erkrankte im Kreis St. Wendel

Die meisten derzeit noch mit dem Coronavirus infizierten Personen gibt es im Regionalverband Saarbrücken. Wie aber in allen Landkreisen liegt die Zahl der akut Erkrankten dort acht Wochen, nachdem der erste Coronafall im Saarland bekannt wurde, deutlich niedriger als die Zahl der insgesamt gemeldeten Fälle.

Besonders niedrig ist die Zahl der bestätigten „Akut-Erkrankungen“ im Landkreis St. Wendel. Dort gelten aktuell nur 25 Menschen als an Covid-19 erkrankt.

Coronawelle deutlich abgeflacht

Bei den Erkrankungen pro 100.000 Einwohnern hat das Saarland bundesweit den dritthöchsten Wert hinter Bayern und Baden-Württemberg. Um den Verlauf der Pandemie beurteilen zu können, ist für Virologe Rissland aber auch ein weiterer Wert sehr wichtig: Die Zahl der Neu-Infektionen pro 100.000 Einwohner innerhalb eines bestimmten Zeitraums. „Das ist deutlich aussagekräftiger, weil wir damit sehen, wie sich die Infektionen über den Verlauf der Pandemie entwickeln.“

Natürlich sei auch das nicht der genaue Wert, denn die Dunkelziffer der nicht bestätigten Corona-Erkrankungen sei auch hier nicht enthalten. Um zu verhindern, dass verzögerte Meldungen an einzelnen Tagen das Ergebnis verzerren, müsse man sich zudem die Werte für eine gesamte Woche anschauen.

Neu-Infektionen pro Woche

Die Grafik zeigt: Der Höhepunkt bei den gemeldeten Neu-Infektionen lag im Saarland in den ersten beiden Aprilwochen. Das lag zum Teil allerdings auch daran, dass es in dieser Phase mehrere Nachmeldungen gab, da zuvor die Labore zeitweise bei der Auswertung überlastet waren. Hinzu kamen Ergebnisse von Reihentests aus Alten- und Seniorenheimen im Regionalverband Saarbrücken. Geht man generell von einem zeitlichen Verzug zwischen tatsächlicher Ansteckung und bestätigtem Test aus, dürfte der bisherige Höhepunkt der Infektionswelle ungefähr in dem Zeitraum liegen, in dem die strengen Ausgangsbeschränkungen im Saarland richtig zum Tragen kamen.

Wie wirken sich die Lockerungen aus?

Seitdem ist die Zahl der bestätigten Neu-Infektionen tendenziell stetig gesunken. Rissland betont aber im SR.de-Interview: „Das ist nur eine Momentaufnahme.“ Wie es weitergeht, hängt eben auch davon ab, wie sich die Lockerungen, die am Montag vor einer Woche in Kraft getreten sind, auswirken. „Und da kann man eigentlich erst nach 14 Tagen die vollständige Wirkung abschätzen. Deswegen bin ich auch selbst sehr gespannt, wie sich die Zahlen jetzt entwickeln.“

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