Bildmontage: Saarlandkarte vor einer Laborangestellten mit Teströhrchen in der Hand (Foto: picture alliance/Eibner-Pressefoto | Weber/Eibner-Pressefoto)

Keine Corona-Trendwende trotz leichtem Rückgang

Melina Miller   07.12.2021 | 08:44 Uhr

Im Saarland ist die Zahl der Corona-Neuinfektionen in der vergangenen Woche erstmals seit Langem wieder gesunken – unter anderem bei Kindern im Schulalter. Für den Homburger Virologen Rissland ein Effekt der Maskenpflicht im Unterricht. Eine Trendwende sieht er indes nicht.

In dem Beitrag geht es um folgende Themen (mit Klick auf den Link können Sie direkt zu dem jeweiligen Absatz springen):

Corona-Meldezahlen sinken - vor allem bei Kindern
Maßnahmen in Schulen
Gesundheitsämter sind überlastet
Neuinfektionen in den Kommunen
Hohe Positivrate
Testkapazitäten stark ausgelastet
Angespannte Lage in Krankenhäusern
Ausnahmen für Geboosterte?

Meldezahlen gesunken

4001 Corona-Neuinfektionen sind dem Robert Koch-Institut in der vergangenen Woche für das Saarland gemeldet worden. Das sind knapp acht Prozent weniger als in der Vorwoche – damit sind die Fallzahlen erstmals seit Langem wieder gesunken statt weiter angestiegen. "Wir sehen eine gewisse Bremse bei den Neuinfektionen. Das ist positiv. Allerdings ist es eine Stabilisation auf hohem Niveau", sagt der Homburger Virologe Dr. Jürgen Rissland.

Für den Experten sind für diese Entwicklung gleich mehrere Faktoren verantwortlich. Zum einen: die verschärften Corona-Maßnahmen, die seit Kurzem wieder im Saarland gelten. "Aber auch die Menschen haben ihr Verhalten wieder ein Stück weit angepasst und ihre Kontakte reduziert."

Bessere Kontrolle an Schulen?

Vor allem bei den Jüngeren sind die Fallzahlen im Vergleich zur Vorwoche deutlich gesunken, wie die RKI-Zahlen zeigen: bei den 0- bis 9-Jährigen sogar um rund 25 Prozent, bei den 10- bis 19-Jährigen um rund 24 Prozent. "Wenn wir bei den Altersgruppen noch weiter differenzieren, sehen wir den stärksten Rückgang bei den 5- bis 9-Jährigen und den 10- bis 14-Jährigen. Also Kinder im Grundschulalter beziehungsweise am Anfang der weiterführenden Schulen", ergänzt Rissland. Bei den 20- bis 29-Jährigen stiegen die Zahlen dagegen leicht an.

Dass die Fallzahlen bei den Kindern am stärksten gesunken sind, liegt für Rissland unter anderem an der Maskenpflicht – in Kombination mit den geltenden Hygieneregeln an Schulen und den regelmäßigen Testungen. Das mache die Schulen aktuell zu einem relativ sicheren Ort, der zwar nicht frei von Infektionen sei, aber zumindest recht gut kontrolliert werden könne. Ähnliches hatte zuletzt Bildungsministerin Christine Streichert-Clivot (SPD) betont.

Der Regionalverband Saarbrücken rechnet derweil im schulischen Bereich aber weiterhin mit hohen Fallzahlen – vor allem durch bereits bestehende Infektionscluster.

Bremse bei den Neuinfektionen
Video [SR.de, (c) SR, 07.12.2021, Länge: 01:27 Min.]
Bremse bei den Neuinfektionen

Gesundheitsämter müssen priorisieren

Eine generelle Trendwende bei der Coronalage sieht auch Rissland aktuell nicht. Bei den sinkenden Fallzahlen müsse man nämlich auch beachten, dass die Gesundheitsämter zurzeit nicht mehr alle Fälle melden könnten. "Die Ämter können gerade vor allem im privaten Bereich nicht mehr jede Kontaktperson ermitteln. Das bringt natürlich eine gewisse Unsicherheit in die Zahlen." Stattdessen konzentrierten sich die Gesundheitsämter momentan auf den Schutz der vulnerablen Gruppen, also zum Beispiel der Menschen in Alten- oder Pflegeheimen.

Coronalage in den Kommunen

Die saarlandweit höchste Inzidenz weist aktuell Spiesen-Elversberg auf – mit fast 760 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner. Größere Ausbrüche gebe es dort allerdings gerade nicht, erklärte eine Sprecherin des Landkreises Neunkirchen. „Wir sehen eher Cluster im familiären Umfeld“, sagte sie.

Hohe Positivrate

Nicht nur wegen der überlasteten Gesundheitsämter, weshalb zum Beispiel der Saarpfalz-Kreis keine Aufschlüsselung der Fallzahlen nach Kommunen mehr gewährleisten kann, könnten die Fallzahlen in den saarländischen Kommunen aber noch höher liegen. Auch die Positivrate bei den PCR-Testungen ist nach wie vor hoch. Und je höher diese Quote ist, desto höher ist Experten zufolge auch die Dunkelziffer bei den Infektionen. Darauf hat zuletzt auch der Saarbrücker Forscher Thorsten Lehr aufmerksam gemacht.

Im größten saarländischen Labor, Bioscientia in St. Ingbert, hat sich der Anteil der positiven PCR-Tests an der Gesamtzahl der ausgewerteten Tests seit Anfang November verdoppelt und liegt wie bereits in der vergangenen Woche bei knapp 20 Prozent.

Testkapazitäten stark ausgelastet

Mit diesen Testzahlen ist Bioscientia aktuell sehr stark ausgelastet. Noch brauche man für einen Befund in den allermeisten Fällen nicht länger als 48 Stunden, erklärte ein Sprecher des Labors, allerdings sei man an der Belastungsgrenze. "Hoffentlich entspannt sich die Lage im Lauf dieser Woche, damit unsere Laborteams nicht derart belastet in die Weihnachtszeit gehen müssen", ergänzt er.

Ähnlich äußert sich Jürgen Rissland über die PCR-Testsituation an der Homburger Uniklinik. Allerdings seien dort noch ausreichend Kapazitäten da, um im Notfall, zum Beispiel bei größeren Ausbrüchen, reagieren zu können.

Lage in den Krankenhäusern "massiv angespannt"

Allgemein sei die Lage in den saarländischen Krankenhäusern weiterhin "massiv angespannt", sagte Rissland. Innerhalb der vergangenen Woche mussten 61 Coronapatientinnen und -patienten ins Krankenhaus. Auch die Zahl der Menschen, die intensivmedizinisch behandelt werden müssen, ist weiter gestiegen. 14 Menschen sind in der letzten Woche in Zusammenhang mit einer Coronainfektion gestorben.

Ausnahmen für Geboosterte?

Wie sich die Corona-Situation im Saarland weiterentwickeln wird, hänge auch von den künftigen Maßnahmen ab, betonte Rissland. Am Montag hatte der saarländische Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) angekündigt, Geboosterte und kürzlich Zweitgeimpfte künftig von der 2G+-Regel zu befreien. Sie müssten dann keinen zusätzlich Negativtest, zum Beispiel beim Restaurantbesuch, mehr zeigen.

Über so eine Regelung könnte möglicherweise ein guter Impf-Anreiz geschaffen werden, schätzt Rissland ein. "Allerdings muss man hier auch das Risiko abwägen, das eine Lockerung mit sich bringt. Wir wissen aus Daten aus Israel, dass der Impfschutz mit der Zeit nachlässt. Ab welchem Zeitpunkt nach der Impfung dann zusätzlich getestet werden sollte, muss diskutiert werden." Bisher haben nach Angaben des RKI insgesamt 19,4 Prozent der Saarländerinnen und Saarländer eine Booster-Impfung erhalten. Der Ministerrat will heute über das Thema beraten.

Über dieses Thema haben auch die SR-Hörfunknachrichten am 07.12.2021 berichtet.


INZIDENZWERT RICHTIG EINORDNEN

In unserer interaktiven Karte haben wir uns bei der Berechnung der Inzidenz an der Berechnungsweise des RKI für die Landkreise und für internationale Vergleiche orientiert. Die Fallzahlen werden dabei auf einen Wert pro 100.000 Einwohner umgerechnet und sind somit untereinander vergleichbar.

Die meisten Gemeinden im Saarland haben zwischen 10.000 und 20.000 Einwohner - der Inzidenzwert ist dort also rund fünf bis zehnmal höher als die tatsächlichen Infektionszahlen. Deshalb geben wir in der interaktiven Karte neben der Inzidenz immer auch die absoluten Fallzahlen an.

Artikel mit anderen teilen


Push-Nachrichten von SR.de
Benachrichtungen können jederzeit in den Browser Einstellungen deaktiviert werden.

Datenschutz Nein Ja