Eine Frau hält einen Lippenstift. (Foto: picture alliance / dpa / Jens Kalaene)

Corona bringt Kosmetikstudios an ihre Grenzen

Leonie Rottmann   07.02.2021 | 08:30 Uhr

Keine Kunden, keine Einnahmen und die staatlichen Hilfen lassen auf sich warten: Etliche Branchen stehen wegen des erneuten Lockdowns vor dem Aus. Dazu gehört auch die Kosmetikbranche. Eine Eppelborner Kosmetikerin wünscht sich Erklärungen: „Wir sehen diese angeblichen Gefahren sehr skeptisch.“

Für Kosmetikstudios war das vergangene Jahr ein besonderes Auf und Ab. Sie mussten bereits im Herbst zum zweiten Mal schließen. Nach mehreren erfolgreichen Eilanträgen gegen das Berufsverbot durften sie doch wieder öffnen – um dann am 16. Dezember 2020 wieder schließen zu müssen.

„Für mich als Chefin spielt natürlich die Existenzangst eine Rolle, aber auch die Sorge um meine Mitarbeiter beschäftigt mich sehr“, erzählt Sonja Brill-Zyrull, die seit 28 Jahren Inhaberin eines Kosmetikstudios in Eppelborn ist. Aber nicht nur die Schließung bereitet der Kosmetikerin Sorge. „Leider wird die Verunsicherung der Kunden immer weiter zunehmen.“

Wir sind hochmotiviert – dürfen aber nicht arbeiten
Kosmetikerin Sonja Brill-Zyrull vom Kosmetikinstitut Villa Vital (Foto: Sonja Brill-Zyrull)
Kosmetikerin Sonja Brill-Zyrull vom Kosmetikinstitut Villa Vital

Schon im ersten Lockdown sei die Verunsicherung durch die Behörden geschürt worden. „Es wurde der Eindruck vermittelt, dass der Kunde im Kosmetikstudio mehr gefährdet sei als beim Friseur oder im Baumarkt“, sagt die Kosmetikerin aus Eppelborn. Das könne sie nicht nachvollziehen: „Wir haben schon immer großen Wert auf Hygiene gelegt. Arbeiten mit Mundschutz und Privatsphäre in der Kabine sowie im Wartebereich gab es bei uns schon vor der Coronapandemie.“

Vor allem kleine Betriebe hätten viel bessere Möglichkeiten, die Einhaltung der Hygienemaßnahmen zu kontrollieren, sagt Mirko Karkowsky, Geschäftsführer der Landesinnung Friseure und Kosmetik Saarland. Es gebe gut funktionierende Hygienekonzepte und sehr hohe Arbeitsschutzstandards.

Soforthilfe war nicht ausreichend

Durch die Verunsicherung habe es in der Kosmetikbranche generell Umsatzeinbrüche gegeben. Mehrere Institute hätten deswegen sogar Insolvenz anmelden müssen. Auch für Sonja Brill-Zyrull und ihr Studio war der erste Lockdown finanziell kaum zu überleben. Eine ihrer Mitarbeiterinnen musste sich eine zusätzliche Beschäftigung suchen, weil das Kurzarbeitergeld nicht ausgereicht hatte. Die Soforthilfe sei zwar zeitnah ausgezahlt worden, aber sie habe die Kosten nicht ausreichend gedeckt.

Die Kosmetikbranche ist außerdem im Gegensatz zu einigen anderen Gewerben besonders von den Einschränkungen betroffen: „Es gibt keine Online-Shops und auch kein ‚Click and Collect‘“, sagt Mirko Karkowsky. „Einige Betriebe haben bereits aufgegeben und zum Beispiel den Übergang in den Ruhestand vorgezogen. Wir befürchten, dass ab Mitte Februar das große Sterben der Betriebe beginnen wird.“

Und die Verunsicherung der Kunden zog sich über das ganze Jahr: „Wir waren hoch motiviert und dachten, es würde bald alles wieder normal laufen. Die Realität war jedoch eine andere“, erinnert sich Sonja Brill-Zyrull an das vergangene Jahr. „Wir haben um jeden Kunden gekämpft und konnten das Unternehmen im Laufe des Jahres stabilisieren.“ Dafür seien aber vor allem ihre Mitarbeiter verantwortlich, nicht sie staatliche Unterstützung.

Laufende Kosten werden nicht gedeckt

Als Betreiberin eines Kosmetikstudios hat Sonja Brill-Zyrull – im Gegensatz zu Friseuren zum Beispiel – Anspruch auf November- und Dezemberhilfe, weil sie bereits im November durch den Bund-Länder-Beschluss vom 28. Oktober 2020 schließen musste. „Wir haben nur die Hälfte der beantragten Summe bekommen, mit erheblicher Verspätung. Im Unterschied zum ersten Lockdown war die Hilfe deutlich niedriger. Und auch da hat sie schon nicht ausgereicht“, sagt die Saarländerin.

Sie wünsche sich mehr Transparenz, wie die Unterstützungen berechnet werden. Die Beantragung ist nur durch Steuerberater möglich – das führe wiederum zu nicht unerheblichen Kosten. Die erste Teilzahlung der Novemberhilfe sei im Dezember erfolgt. „Für Miete, Gehälter, Versicherungen, Marketingkosten, Leasingraten und andere laufende Kosten sind die Hilfen viel zu niedrig. Ohne eigene Rücklagen oder private Hilfe können wir nicht überleben.“

Das sei kein Wunder, sagt Mirko Karkowsky, denn auch die Überbrückungshilfe III sei nicht ausreichend. Unabhängig davon, dass sie noch gar nicht beantragt werden kann, ist sie als Zuschuss zu den Fixkosten gedacht. „Von welchem Geld die Inhaber leben sollen, ist in diesem Programm unklar. Deshalb fordern wir ein saarländisches Sofort-Hilfe-Programm“, sagt der Geschäftsführer. „Durch eine kluge Wirtschaftspolitik und die richtigen Anreize könnten die Folgen der Pandemie sehr wohl abgemildert und der Bankrott etlicher Betriebe vermieden werden.“

Die Anfragen zum Thema Kündigungen werden immer mehr.

Die einzige Möglichkeit für schnelle und wirkungsvolle Hilfe wäre laut Landesinnung und Arbeitgeberverband des Saarländischen Handwerks ein neues Sofort-Hilfe-Programm. Ohne dieses Programm würden etliche Betriebe bald endgültig schließen müssen, so der Geschäftsführer der Landesinnung. Dafür setzen sich Landesinnung und Arbeitgeberverband seit Dezember ein, genauso wie für eine schnelle Wiedereröffnung der Friseursalons und Kosmetikstudios.

„Die Kosmetiker sind vom derzeitigen Lockdown mindestens genauso betroffen wie die Friseure – beides sind körpernahe Dienstleister, welche unter dem derzeitigen Berufsverbot ganz erheblich leiden“, sagt der Geschäftsführer der Landesinnung Friseure und Kosmetik Saarland. „Die wirtschaftliche Existenz der gesamten Kosmetikbranche ist durch die Maßnahmen gefährdet.“ Die weggefallene Vorweihnachtszeit gehöre zu den umsatzstärksten Wochen in der Branche. Die Landesinnung erwartet in den kommenden Wochen zahlreiche Kündigungen von Mitarbeitern und Auszubildenden, wenn es keine schnelle Hilfe gibt.

Suche nach Erklärungen

Sonja Brill-Zyrull und ihre Mitarbeiter haben die Zeit intern für Fortbildung genutzt. Auch ohne Investitionen, die in dieser Zeit ohnehin nicht möglich seien, haben sie ihr Angebot erweitert. „Das ist unsere Grundhaltung: Nicht aufgeben, sondern optimistisch in die Zukunft blicken." Wenn sie wieder öffnen dürfen, möchten sie sofort gut vorbereitet für ihre Kunden da sein.

Prinzipiell habe sie Vertrauen in die Entscheidungen der Politik, schließlich seien viele Experten involviert, wenn die Maßnahmen beschlossen werden. Es sei eine Naturkatastrophe, für die niemand die Verantwortung trage. „Uns bleibt nur zu hoffen, dass sich die Lage bessert und wir bald wieder unserer Leidenschaft ‚Kosmetik‘ nachgehen können.“

Trotz ihres Vertrauens in die Politik sieht Sonja Brill-Zyrull die Schließung der Kosmetikstudios kritisch und es fehlt ihr an Verständnis. „Die Politiker sollen sorgsam abwägen und Gefahrenpotentiale sehr genau recherchieren. Und uns Kosmetikerinnen die von uns ausgehende Gefahr erklären. Zu viele von uns sehen diese angeblichen Gefahren sehr skeptisch.“


Auszahlung dauert zu lange
Corona-Bürokratie – ganze Branchen in Not
Ob Friseure, Fitnessstudios, Hotels, Kosmetikstudios oder Restaurants: Sie alle mussten wegen der Coronapandemie spätestens Ende 2020 zum zweiten Mal schließen – mit ihnen sind viele weitere Branchen betroffen und stehen kurz vor dem finanziellen Zusammenbruch. Nicht, weil es keine Hilfen vom Staat gibt, sondern weil sie monatelang auf die Auszahlung warten müssen.

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