Champagner (Foto: SR)

Der Champagner in der Covid-Krise

Sabine Wachs   12.09.2020 | 10:42 Uhr

Feste, Empfänge, Partys - in Corona-Zeiten Fehlanzeige. Das trifft die Champagner-Branche hart. Rund 30 Prozent des Absatzes ist allein zwischen März und Juni weggebrochen. Vor allem für die Winzer in der Champagne ist das eine Katastrophe. Andere sehen eine Chance.

Viele der Winzer in der Champagne, die zur Region Grand Est gehört, beliefern die großen Champagner-Häuser. Aber Lanson, Veuve Cliquot, Moët & Chandon und Co. werden in diesem Jahr weniger Trauben abkaufen als sonst üblich. Der Winzerverband warnt, das könne einige Winzer an den Rande ihrer Existenz bringen. Andere sehen in der Krise aber die Chance, dem altgedienten Luxusgetränk ein neues Gesicht zu geben.

Der Champagner hat Pause

Nur noch eine Handvoll Erntehelfer stehen im Weinberg von Simon Blin. Oberhalb von Vincelles, einem kleinen Dorf in der Champagne, knapp 40 Kilometer von Reims entfernt, ist die Traubenlese Anfang September so gut wie vorbei:

„Wir ernten jetzt noch den Chardonnay. Der Meunier und der Pinot-Noir waren noch früher reif. Wir sind so früh fertig, wie lange nicht mehr. Die Sommer war super, viel Sonne und auch während der Lese hatten wir tolles Wetter. Das wird eine prima Ernte. Die Trauben sind reif und von sehr guter Qualität.“

Trotzdem: die Freude des Winzers hält sich in Grenzen:

„Leider ist der Champagner sehr von der Covid-Krise betroffen. Sie ist nämlich auch eine Krise der Geselligkeit. Die Menschen feiern nicht, es gibt keine großen Partys. Und Champagner trinkt man ja nicht alleine. Man trinkt ihn zum Feiern, und es wird ja gerade nicht gefeiert. Da hat der Champagner eben Pause.“

Die Monate der geschlossenen Bars und Restaurants, die Absagen der großen Festivals und Events, keine Kreuzfahrten mehr – all das hat dazu geführt, dass der Champagner-Absatz allein im Frühjahr um rund 30 Prozent eingebrochen ist.

Viele Winzer sind abhängig von den großen Champagnerhäusern, die selbst nur zehn Prozent der mehr als 33.000 Hektar Weinberge in der Champagne besitzen, sagt Simon Blin:

„Wenn die Champagnerhäuser weniger Flaschen verkaufen, dann brauchen sie auch weniger Trauben. Das hat direkte Auswirkungen auf alle Winzer. Dieses Jahr dürfen wir wesentlich weniger ernten als im letzten Jahr, da waren es 10.200 Kilo pro Hektar. In diesem Jahr sind es nur 8000 Kilo pro Hektar.“
Männer ernten Weintrauben (Foto: Sabine Wachs/SR)
In den Weinbergen bei Simon Blin

1 Milliarde Flaschen Champagner Bestand

Jedes Jahr verhandeln Winzer und Häuser die Erntemenge. Sie gilt für alle Weinberge in der Champagne. In diesem Jahr waren die Gespräche schwierig. Die Einigung kam erst am Tag des Beginns der Lese. 8000 Kilo pro Hektar, das sind rund 230 Millionen Flaschen Champagner. 2019 und in den Vorjahren wurden im Schnitt 300 Millionen Flaschen produziert. Insgesamt lagern in den Champagnerkellern mehr als 1 Milliarde Flaschen – ein gigantischer Bestand.

Sieben Kilometer lang ist das Kellerlabyrinth, das unter dem Stammhaus von Lanson in Reims liegt. Es ist kühl, die Luft ist feucht. In fast jedem der mit gelblichem Licht beleuchteten Gänge ziehen sich lange Regalreihen an den Wänden entlang. 22 Millionen Flaschen lagern hier, sagt Fréderic Van Aal, Präsident der Champagner-Sparte von Lanson. Van Aal ist froh, dass die Häuser und Winzer sich auf die niedrige Erntemenge geeinigt haben:

„Wenn die Erntemenge nicht an die Gegebenheiten der Covid-Krise und an den Einbruch des Absatzes angepasst worden wäre, dann wären die Lagerbestände weiter gewachsen. Für die Häuser wäre es schwierig gewesen, das zu finanzieren. Denn die Bestände kosten Geld. Vor allem aber wären im Großhandel die Preise gefallen. Auf unter 10 Euro.“

Viel zu wenig für Champagner, einen Wein, der fast komplett in Handarbeit hergestellt wird und deshalb teuer in der Produktion ist. Außerdem, erklärt Van Aal, wäre ein so niedriger Preis eine Katastrophe für das Ansehen des Champagners und der Champagne. Soweit ist es noch nicht gekommen. Die Krise könnte auch eine Chance für den Champagner sein:

„Der Champagner muss sich stetig weiterentwickeln, kreativ sein, ein jüngeres Publikum ansprechen und sich selbst hinterfragen.“
Zwei Erntehelfer stapeln große Kisten mit Weintrauben (Foto: Sabine Wachs/SR)
Weinernte in der Champagne

Kauf direkt beim Winzer

Noch immer setzen viele der großen Champagnerhäuser in ihrer Vermarktung auf das hippe Luxusgetränk für exklusive Partys und rauschende Feste. Kleinere Betriebe, wie zum Beispiel Henriet-Bazin von Winzerin Marie Noelle haben schon seit Jahren eine andere Strategie:

„Wenn die Menschen Champagner direkt beim Winzer kaufen, kaufen sie natürlich die Flasche, aber auch die persönliche Beziehung, die Intimität. Da kann man fast schon von Freundschaft sprechen, wenn es um Kunden geht, die seit über 20 Jahren kommen. Da kennen wir die Eltern, die Kinder, die Enkelkinder.“

Und Simon Blin, Präsident der Kooperative H Blin stellt vor allem das regionale, handgemachte Produkt in den Vordergrund, das man im intimen und im feierlichen Rahmen genießen sollte.

Sowohl die beiden Winzer als auch Lanson-Präsident Van Aal gehen davon aus, dass die derzeitige Krise noch über Jahre Einfluss auf die Champagne haben wird. Trotzdem schauen sie vorsichtig optimistisch nach vorne. Langsam steigt der Absatz wieder und wenn kein zweiter Lockdown kommt, könnten Weihnachten und Silvester der Champagnerbranche wieder Auftrieb geben.

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