Blick in einen OP-Saal (Foto: ARD)

Viele überflüssige Operationen

mit Informationen von epd und dpa   05.11.2019 | 21:23 Uhr

In Deutschland wird einer Studie zufolge oft unnötig diagnostiziert und operiert. So komme es etwa jährlich zu rund 70.000 Schilddrüsenoperationen, obwohl bei etwa 90 Prozent der Eingriffe keine bösartigen Veränderungen vorliegen würden, heißt es in einer Studie der Bertelsmann Stiftung.

Neben Schilddrüsenoperationen werden den Angaben zufolge auch Eierstockoperationen zu häufig vorgenommen. Lediglich bei zehn Prozent der operierten Frauen liege eine bösartige Erkrankung vor. Zu unnötigen Eingriffen komme es, weil vielen Frauen ohne Risiko ein Screening empfohlen werde.

Video [aktueller bericht, 05.11.2019, Länge: 3:26 Min.]
Medizinische Überversorgung ist weit verbreitetes Problem

Bei Medikamenten werden insbesondere Magensäureblocker, die zu den am häufigsten eingenommenen Arzneimitteln in Deutschland zählen, zu oft verschrieben. Experten zufolge werden hier bis zu 70 Prozent aller Verordnungen ohne korrekte Indikation vorgenommen. Das heißt, sie sind medizinisch nicht zwingend notwendig.

Erwartungen von Patienten und Ärzten spielen große Rolle

Video [aktueller bericht, 05.11.2019, Länge: 3:46 Min.]
Interview mit Marion Grote-Westrick zu Hintergründen medizinischer Überversorgung

Mit einer besseren Diagnostik könnten viele unnötige Operationen in deutschen Krankenhäusern vermieden werden. Überflüssige und in ihrem Nutzen fragwürdige Untersuchungen, Operationen, Therapien und Arzneimittelverschreibungen schadeten den Patienten, kritisierte die Bertelsmann Stiftung. Sie könnten zu Verunsicherung, Komplikationen und Folgeeingriffen führen.

Kommentar: "So viele Fehlanreize"
Audio [SR 3, Steffani Balle, 05.11.2019, Länge: 01:40 Min.]
Kommentar: "So viele Fehlanreize"

Als Ursachen von medizinischer Überversorgung nennt die Studie Planungs-, Vergütungs- und Steuerungsdefizite im Gesundheitssystem. Laut den Studienautoren sind aber auch die Erwartungen und Einstellungen von Ärzten sowie Patienten ein großes Problem. Ungewissheit sei nur schwer auszuhalten - das sagten beide Seiten übereinstimmend in einer Umfrage. Deshalb entschieden sich viele lieber für eine Therapie, als abzuwarten. 56 Prozent der Bürger waren dieser Meinung. Dadurch würden Patienten unbewusst unnötige Behandlungen einfordern. Nach dem Motto: Lieber nichts unentdeckt und unversucht lassen.

Marion Grote Westrick von der Bertelsmann Stiftung rät im SR-Interview dazu, den Hausarzt als erste Anlaufstelle zu nutzen. Er kenne den Patienten am besten und könne über die nötigen Behandlungen entscheiden. Außerdem verweist sie auf das kanadische Programm „Choosing Wisely“. Dort geht es darum, Leistungen, die dem Patienten eher schaden als nutzen, zurückzufahren. Dazu werden Ärzte und Patienten aufgeklärt.

Befragungen, Interviews und Literaturstudien waren Grundlage

Die Analysen erstellten das Berliner Institut für Gesundheits- und Sozialforschung (IGES) und das Kölner Marktforschungsinstitut Rheingold im Auftrag der Stiftung. Neben einer Literaturrecherche zu dem Thema wurden 24 Patienten und 15 Ärzte in ausführlichen Interviews befragt. Zudem nahm das Bielefelder Marktforschungsinstitut Kantar im September 2019 eine repräsentative Bevölkerungsbefragung vor.

Über dieses Thema hat auch die Sendung "Guten Morgen" auf SR 3 Saarlandwelle berichtet.

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