Halde Göttelborn samt Kohlbachweiher (Foto: Daniel Dresen/SR)

Bergehalden als Rückzugsort seltener Tierarten gefährdet

Daniel Dresen   24.04.2021 | 09:28 Uhr

Die saarländischen Bergehalden müssen gepflegt werden, damit stark gefährdete Tierarten weiterhin auf kargen Haldenflächen einen Rückzugsort finden. Das fordert der NABU Saarland und erwartet von der Politik ein Pflegekonzept.

Die saarländischen Steinkohle-Bergehalden stellen einen Lebensraum dar, den es in dieser Form bundesweit sonst nur im Ruhrgebiet gibt. In den vergangenen Jahrzehnten haben sich auf den Halden und in deren Umfeld heute selten gewordene Tierarten angesiedelt, die früher zu einem erheblichen Teil in Flussauen heimisch waren.

Diese Biotope haben unter Flussbegradigungen, Deichbau und intensiver Nutzung der Flächen in den vergangenen Jahrzehnten in ganz Deutschland stark gelitten. Nur noch neun Prozent der Auen sind laut dem Auenzustandsbericht des Bundesumweltministeriums ökologisch weitgehend intakt. In dem Bericht schneidet die Saar nach Auskunft des Experten Thomas Ehlert vom Bundesamt für Naturschutz bundesweit mit am schlechtesten ab.

Verbuschung der Halden droht

Aus den Auen vertrieben fanden Arten wie die Wechselkröte während der saarländischen Bergbau-Zeit in großem Umfang auf und im Umfeld der Halden einen Rückzugsort. Vegetationsarme sogenannte Rohbodenflächen wurden von den Tieren bevölkert, darunter auch Insekten wie die Blauflügelige Sandschrecke oder die Blauflügelige Ödlandschrecke.

Die künstlich angelegten Absinkweiher zogen Gelbbauchunken, Geburtshelferkröten und Kammmolche an. Auch Zaun- und Mauereidechsen sowie ihr Fressfeind, die Schlingnatter, fanden in der vom Bergbau stark geprägten Landschaft Zuflucht. Auf den weitläufigen vegetationsarmen Haldenflächen richteten sich Vogelarten wie die Heidelerche und der Flussregenpfeifer ein. Heute befinden sich all diese Tiere im Saarland auf der Roten Liste.


Diese seltenen Tierarten leben auf Halden


"Durch die Einstellung des Bergbaus im Jahr 2012 entstehen keine neuen, frischen Halden und Gewässer mehr. Ohne menschlichen Eingriff verbuschen und bewalden die Halden schließlich und verlieren somit ihren Wert für zahlreiche EU-weit streng geschützte Rote-Liste-Arten", sagt Wendelin Schmitt, Geschäftsstellenleiter des NABU Saarland.

Mindestanteile der Halden – einschließlich der auf ihnen existierenden Kleingewässer – müssten auch in Zukunft zum Schutz seltener und bedrohter Arten in einem vegetationsarmen Zustand gehalten werden, fordert der NABU und erwartet vom saarländischen Umweltministerium diesbezüglich ein Maßnahmen- und Finanzierungskonzept für die kommenden Jahrzehnte.

Widerstand aus der Bevölkerung

Doch viele Bürger im Saarland, die in direkter Nähe zu den Halden wohnen, sähen das ganz anders, sagt Rudolf Krumm, Prokurist bei der RAG Montan Immobilien GmbH, aus Gesprächen mit Anwohnern. Manche Bewohner störten sich an den kargen Haldenflächen, die an eine Mondlandschaft erinnerten und sich an ihren dunklen Südflanken auf bis zu 60 Grad aufheizten.

Sie fordern, die Halden mit Bäumen und Sträuchern komplett zuwachsen zu lassen. Das würde wohl viele seltene Tierarten im Saarland in Bedrängnis bringen, die rund um den Extremstandort Halde einen Ersatz für ihren natürlichen Lebensraum gefunden haben. "In der Abwägung zwischen Grau oder Grün fällt die Entscheidung eher gegen Grau und damit gegen die Biodiversität vor der eigenen Haustür. Die Frage lautet dann: Sind denn Eidechsen wichtiger als wir?", berichtet Krumm.

Der RAG selbst gehören derzeit noch acht saarländische Halden mit einer Gesamtfläche von circa 280 Hektar, hinzukommen noch drei Absinkweiher mit einer Gesamtfläche von 47 Hektar. Die RAG möchte in den kommenden fünf bis sechs Jahren die Sanierung der meisten Halden abschließen, sie aus der Bergaufsicht entlassen und anschließend veräußern.

An zwei Standorten trägt die RAG dazu bei, dass die seltene Heidelerche im Saarland einen Unterschlupf findet. Die Halde Kohlwald in Neunkirchen und der dazugehörige Absinkweiher werden von der RAG ebenso gepflegt wie auch eine Ackerfläche auf einem ehemaligen Raffineriegelände in Völklingen.

Kompromisse sind möglich

Ein Erfolgsprojekt ist laut NABU Saarland die Halde Göttelborn, die im Rahmen des Naturschutzgroßprojekts "Landschaft der Industriekultur Nord" (LIK Nord) auf rund 7,5 Hektar Artenschutz und Naherholung möglich macht. Von den Ersteinrichtungsmaßnahmen auf der Halde, die seit dem Jahr 2016 in Höhe von circa 50.000 Euro umgesetzt wurden, haben laut Ulrich Heintz, Geschäftsführer der LIK Nord, nachweislich Amphibien, Reptilien und Heuschrecken profitiert.

Kohlbachweiher auf der Halde Göttelborn (Foto: Daniel Dresen/SR)
Kohlbachweiher auf der Halde Göttelborn

Doch nun ginge es darum, die "naturschutzfachliche Qualität des Gebiets" durch Pflegemaßnahmen zu erhalten. Der Erhalt karger Haldenflächen stößt aber dort an seine Grenzen, wo Haldenflanken auch mittels Vegetation gegen Erosion geschützt werden müssen. Bäume und Sträucher würden an den steilen Haldenstellen das Risiko von Erdrutschen bei Starkregen mindern, so Heintz.

Ein Kompromiss aus Sicht der LIK Nord: Allein die Halden-Plateaus und die flankenfernen Flächen für die seltenen Tiere vegetationsarm zu halten. Darauf wird laut Heintz gerade bei der Sanierung kontaminierter Haldenflächen durch die RAG in Neunkirchen-Heinitz geachtet.

Ein Tümpel auf der Halde Göttelborn (Foto: Daniel Dresen/SR)
Ein Tümpel auf der Halde Göttelborn

Die LIK Nord unterstützt die Forderung des NABU Saarland nach einem Pflegekonzept für die Halden. Vorher müssten allerdings die Eigentumsverhältnisse der acht noch in RAG-Besitz befindlichen Halden geklärt werden – und mit ihr die Frage, wer das Pflegekonzept bezahlen soll.

Artikel mit anderen teilen


Push-Nachrichten von SR.de
Benachrichtungen können jederzeit in den Browser Einstellungen deaktiviert werden.

Datenschutz Nein Ja