Mit der Mettenschicht wurde an diesem Tag der Bergbau im Saarland beendet.  (Foto: picture alliance / Oliver Dietze/dpa | Oliver Dietze)

Ein schmerzhaftes, aber absehbares Ende

Peter Sauer   27.06.2022 | 06:33 Uhr

Das Bergbauende im Sommer 2012 war für die saarländische Wirtschaft und ihre Beschäftigten eine große Herausforderung. Dank sozialverträglicher Lösungen und Anpassungsgeld konnte auf betriebsbedingte Kündigungen verzichtet werden. Einige Zulieferer sahen darin eine Chance und erschlossen neue Märkte.

Der 23. Februar 2008 ist vielen Saarländerinnen und Saarländern im Gedächtnis geblieben – besonders Menschen aus dem Raum Saarwellingen. An diesem Tag kam es dort zum stärksten bergbaubedingten Beben im Saarland.

Es erreichte eine Stärke von 4,0 auf der Richterskala und markierte das Ende des Jahrhunderte langen Bergbaus an der Saar. Noch am selben Tage verhängte die damalige Landesregierung um Ministerpräsident Peter Müller (CDU) einen unbefristeten Abbaustopp für Steinkohle.

Vier Jahre später, am 30. Juni 2012, wurde das Bergwerk Saar in Ensdorf stillgelegt und damit der Steinkohlenbergbau im Saarland endgültig eingestellt.

Was wurde aus den saarländischen Bergbauflächen?
Audio [SR 3, Mirko Tomic, 27.06.2022, Länge: 02:58 Min.]
Was wurde aus den saarländischen Bergbauflächen?

Vom Arbeitsplatzgarant zum Auslaufmodell

In der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts arbeiteten zu Spitzenzeiten 60.000 Menschen in saarländischen Bergwerken. Im Zuge der Globalisierung und dem damit verbundenen steigenden Preis- und Konkurrenzdrucks nahm der Stellenwert des Steinkohleabbaus für die Saar-Wirtschaft aber immer weiter ab.

2008 arbeiteten nach Angaben der Gewerkschaft IGBCE noch rund 4000 Menschen im Saarland unter Tage. "Es war eine sehr harte Zeit", erinnert sich Heiko Metzger, selbst ausgebildeter Bergmann und heutiger Bezirksleiter der IGBCE Saarbrücken.

Vom Kirchturm herabgefallene Steinbrocken vor der St. Blasiuskirche in Saarwellingen (Foto: picture-alliance/ dpa | BeckerBredel/Claus Kiefer)
Auf der Treppe der St. Blasiuskirche in Saarwellingen liegen am Sonntag (24.02.2008) Steine, die sich nach dem bisher schwersten bergbaubedingten Erdbeben in der Primsmulde am Vortag vom Kirchturm gelöst hatten.

"Die Verunsicherung unter den Bergleuten war damals sehr hoch, viele hatten Angst um ihre Existenz." Der Abbaustopp bedeutete für die Beschäftigten finanziell erstmal Kurzarbeit, aber auch das Ende einer speziellen Lebensart.

"Unter Tage sind alle gleich. Da sind ganz enge Bünde entstanden. Mit vielen Kumpeln und ihren Familien war man auch befreundet", erklärt Metzger. In den kommenden Jahren arbeiteten Gewerkschaften, Arbeitgeber und Politik an sozialverträglichen Lösungen.

Bergleute kommen am 07.01.2011 aus dem Nordschacht der RAG Grube in Saarwellingen.  (Foto: picture alliance / Oliver Dietze/dpa | Oliver Dietze)
Bergleute kommen am 07.01.2011 aus dem Nordschacht der RAG Grube in Saarwellingen.

"Rückblickend war das ein einmaliger Vorgang in Deutschland. Dass das Ende des Bergbaus ohne betriebsbedingte Kündigungen ablief, wird es so wohl nicht mehr geben", erläutert Metzger.

Saar-Industrie und -Handwerk an Bergleuten interessiert

In den kommenden Jahren konnten rund 1200 Bergleute innerhalb Deutschlands in noch betriebene Bergwerke versetzt werden. Viele der überwiegend jüngeren Menschen gingen nach Ibbenbüren in Nordrhein-Westfalen. Parallel dazu gab es auch Vorruhestandsregelungen, Abfindungsangebote und einige wechselten die Branche – beispielsweise zu Ford, Festo oder Saarstahl.

Auch die saarländischen Handwerksbetriebe warben aktiv um die ehemaligen Bergleute. "Wir mussten damals aber schon Überzeugungsarbeit leisten, da es zu der Zeit große Unterschiede bei der Bezahlung gab", sagt Bernd Wegner, Präsident der saarländischen Handwerkskammer.

"Letztlich ist es uns aber gelungen, einigen jungen Bergeleuten eine berufliche Zukunft zu bieten." Rund 200 Menschen arbeiteten übrigens auch noch nach 2012 im Bergbau. Sie waren für den Rückbau und die Sicherung der Anlagen verantwortlich.

Gute Versorgung dank Anpassungsgeld

Der Großteil der Bergleute wurde "in Anpassung geschickt" – erhielt also das sogenannte Anpassungsgeld (APG). Das APG wird vom Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) an ältere Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen im Steinkohlenbergbau gezahlt, die von Schließungen betroffen sind.

Durch diese gute Versorgung standen nach Angaben des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) viele Bergleute dem Arbeitsmarkt nicht mehr zur Verfügung. "Bei den restlichen Beschäftigten hatten 2020 nur rund zehn Prozent sozialversicherungspflichtige Jobs und circa ein Drittel Minijobs", erläutert Anne Otto vom IAB Rheinland-Pfalz-Saarland.

Bergleute stehen am Tag des Bergbauendes im Bergwerk Ensdorf. (Foto: picture alliance / dpa | Oliver Dietze)
Kumpel Leonardo Buttice, Bertram Lorson und der Betriebsratsvorsitzende Hans-Jürgen Becker (l-r) stehen am Freitag (29.06.2012) während einer Ansprache in der Weißkaue des Bergwerks Saar in Ensdorf

Viele Zulieferbetriebe orientierten sich frühzeitig um

Einige Kaffeeküchen und Bäckereien, die im Einzugsgebiet des Steinkohleabbaus lagen, hat das Bergbauende nach Handwerkskammer-Angaben hart getroffen. Bei den Industriezulieferern sah das anders aus. Neuerschließungen gab es im Saar-Bergbau ohnehin schon länger nicht mehr, sondern nur noch Erhaltung und Rückbau – das Ende war also früh absehbar.

Beim Transformationsprozess taten sich die betreffenden Unternehmen in einem Bergbauzulieferer Cluster zusammen. Nicht allen gelang der Wandel, aber gerade einige mittelständische Unternehmen nutzten den Umbruch, um sich neue Geschäftsfelder zu erschließen.

Erfolgreiche Beispiele sind Koch Solutions, Hausalit und nicht zuletzt Hydac. Diese gelungene Abnabelung saarländischer Zulieferbetriebe vom Bergbau ist ein Grund, weshalb Frank Thomé, der Hauptgeschäftsführer der Saar-IHK, zum Bergbauende ein zufriedenstellendes Fazit zieht:

"Wirtschaftlich gesehen waren die Auswirkungen beherrschbar, auch die Folgen für den Arbeitsmarkt. Denn die Transformation der saarländischen Wirtschaft zum Automotive-Standort war bereits weitgehend abgeschlossen." Der Wandel hat mittlerweile eben diese Autobranche erreicht – und damit auch (wieder) das Saarland.


Übersicht: Zehn Jahre Bergbauende

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