Eine Person nimmt einen Fünf-Euro-Schein aus einem ansonst leeren Geldbeutel. (Foto: IMAGO / photothek)

Armut halbieren – kann das gehen?

Emil Mura   18.08.2022 | 11:44 Uhr

Die Landesregierung hat sich zum Ziel gesetzt, die Armut im Land halbieren zu wollen – und zwar bis zum Ende der Legislaturperiode. Das ist eine große Aufgabe, denn in vielen saarländischen Städten und Gemeinden ist Armut tief verankert. Betroffen sind vor allem Kommunen, in denen der Strukturwandel zugeschlagen hat. Neunkirchen ist ein Beispiel, ebenso wie Friedrichsthal.

Fährt man durch die Saarbrücker Straße in Friedrichsthal, bietet sich einem ein trauriges Bild. Herrschaftliche Häuserfassaden zeugen von einer ehemals blühenden Stadt. Gleichzeitig zeigen bröckelnder Putz und milchige Fenster, dass diese Blütezeit längst vergangen ist.

Die örtliche Glasproduktion und der Steinkohlebergbau bescherten der Stadt um die Jahrhundertwende einen großen wirtschaftlichen Aufschwung. Doch seit dem Rückgang des Bergbaus ab den 1960er Jahren ging es auch für Friedrichsthal bergab. Die Stadt verlor tausende Arbeitsplätze. Gut qualifizierte Angestellte zogen weg, wenig qualifizierte blieben zurück.

Saarländische Kommunen kämpfen gegen Armut
Video [SR Fernsehen, (c) SR, 18.08.2022, Länge: 04:00 Min.]
Saarländische Kommunen kämpfen gegen Armut

Armut als Folge des Strukturwandels

Inzwischen sei Armut ein ernstzunehmendes Problem in Friedrichsthal, erklärt Werner Hubertus von der Caritas. Er betreibt mit einer Handvoll Kolleginnen und Kollegen Gemeinwesenarbeit in der Stadt. So führt die Caritas beispielsweise Integrationsprojekte wie gemeinsame Koch- oder Nähkurse durch.

Ein wesentlicher Bestandteil der Arbeit sind auch Beratungsgespräche mit Bedürftigen. Laut Hubertus gibt es in Friedrichsthal 200 Familien, die die Angebote der Caritas in Anspruch nehmen. Besonders Krisen wie Corona oder der Ukrainekrieg bringe die Menschen in eine noch schwierigere Lage.

Luftbildaufnahme von Friedrichsthal (Foto: SR/Alexander M. Groß)
Luftbildaufnahme von Friedrichsthal

Landesregierung will Armut halbieren

Die Landesregierung hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Armut im Land zu bekämpfen. In ihrem „Saarland-Plan“ kündigt sie an, die Armut bis zum Ende der Legislaturperiode gar „halbieren“ zu wollen. Unter anderem soll das durch sogenannte Quartiersarbeit geschehen, bei der die Menschen in bestimmten Quartieren in die Stadtentwicklung mit eingebunden werden.

Video [aktueller bericht, 18.08.2022, Länge: 3:46 Min.]
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In Neunkirchen gibt es diese Quartiersarbeit bereits seit einigen Jahren. Dazu zählen unter anderem Projekte wie Reparaturcafés und Kochkurse. Oberbürgermeister Jörg Aumann von der SPD hält die von der Landesregierung angestrebte Quartiersarbeit für einen guten Ansatz.

Das Versprechen, die Armut zu halbieren sieht er eher als eine plastisch begreifbare Formulierung. Armut sei nur schwierig messbar, deswegen könne man mit Zahlen kaum arbeiten. Wenn die Landesregierung es aber schaffe, dass am Ende der Legislaturperiode ganz einfach weniger Menschen arm seien oder sich arm fühlten, dann sei schon ein großes Ziel erreicht. 

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Audio [SR 3, Emil Mura, 18.08.2022, Länge: 03:10 Min.]
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„Kinder dürfen kein Armutsrisiko sein“

Ein weiterer Ansatz bei der Landesregierung, Armut nicht nur zu bekämpfen sondern ihr vorzubeugen, ist, den Kindern bestmögliche Bildungschancen zu bieten. Zum Beispiel durch mehr Kitaplätze, bessere Ausstattung in Schulen und Schulsozialarbeit.

Werner Hubertus von der Gemeinwesenarbeit der Caritas in Friedrichsthal hält das für besonders wichtig. Darüber hinaus müsse die Landesregierung dafür sorgen, dass Kinder kein Armutsrisiko mehr darstellten. Es sei ein Skandal, dass eine Gesellschaft, die den demografischen Wandel beklage, nicht dafür Sorge, dass die Kinder, die da seien, auch bestmöglich aufwüchsen.

Die Landesregierung habe nun die Chance und auch die Pflicht ihren „schönen Worten auch substantielle Taten“ folgen zu lassen. Das sei für die von Armut betroffenen Menschen in Friedrichsthal ebenso wichtig wie für jene in allen anderen saarländischen Städten und Gemeinden.

Über dieses Thema haben auch die SR-Hörfunknachrichten am 18.08.2022 berichtet.


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