AnKER-Zentrum (Foto: Dylla Carolin/SR)

Sorge um Kinderschutz im Anker-Zentrum Lebach

Christoph Grabenheinrich und Carolin Dylla   30.01.2020 | 08:13 Uhr

Im Saarland sind Kinderrechte seit 2007 Teil der Landesverfassung. Doch Sozialverbände schlagen Alarm: Im sogenannten Anker-Zentrum in Lebach ist der Schutz des Kindeswohls nicht selbstverständlich. Konkreter Anlass ist ein Fall von schwerem sexuellem Missbrauch aus dem Jahr 2018, der jetzt bekannt wurde.

Als Anwalt hat Frank-Thomas Bienko einiges erlebt. Doch dieser Fall aus 2018 sei einer, der wirklich an die Nieren gehe. Es war ein Freitag im Juli, als die junge Frau mit ihren dreijährigen Zwillingsmädchen in Lebach ankam. Sie wurde erstmal in einem kleinen Zimmer untergebracht – auf einer Etage, in der sonst noch niemand war. "Am nächsten Tag kam dann wohl eine Gruppe von heranwachsenden männlichen Flüchtlingen an, die auf derselben Etage - ohne Trennung von Toiletten oder ähnlichen Räumen - untergebracht wurden. Am Sonntagabend ist eines der beiden dreijährigen Mädchen Opfer einer Vergewaltigung geworden", schildert Rechtsanwalt Bienko den Fall. Und: Es sei zwar der schwerste – aber nicht der einzige Fall.

Video [aktueller bericht, 30.01.2020, Länge: 4:29 Min.]
Missbrauch im Anker-Zentrum Lebach

Mehrere bekannte Fälle von Gewalt gegen Frauen und Kinder

Sorge um das Wohl der Kinder im Anker-Zentrum
Audio [SR 3, Carolin Dylla, 30.01.2020, Länge: 01:06 Min.]
Sorge um das Wohl der Kinder im Anker-Zentrum

In den Jahren 2017 und 2018 gab es laut Innenministerium insgesamt dreizehn Fälle von Gewalt gegen Frauen und Kinder – allerdings werden Delikte im sogenannten Anker-Zentrum erst seit 2017 überhaupt in der Kriminalstatistik der Polizei erfasst. Zwei dieser Fälle sind demnach als schwerer sexueller Missbrauch einzustufen. Dabei würden allein reisende Frauen, egal ob mit oder ohne Kinder, wenn möglich immer getrennt von allein reisenden Männern untergebracht, heißt es in einer Stellungnahme des Ministeriums.

Und: Das Ministerium habe zusammen mit der Polizei, den Wohlfahrtsverbänden und dem Sozialministerium ein Gewaltschutzkonzept entwickelt, sagt Christof Hoffman, Direktor des Landesverwaltungsamts, das für das Anker-Zentrum zuständig ist. Dieses Konzept berücksichtige erstmal alle Gruppen, die als besonders schutzbedürftig gelten. "Und dieses Konzept hat sogar extra ein Kinderschutz-Team normiert, zu dem auch die Wohlfahrtsverbände gehören; zu dem auch das Jugendamt gehört. Dieses Kinderschutzteam tritt immer dann zusammen, wenn der Kinderschutz in besonderer Weise gefragt ist."

Sozialverbände hatten schon länger konkrete Vorschläge

Sozialverbände hatten aber schon vor 2018 darauf gedrängt, ein Kinderschutzkonzept für das so genannte Anker-Zentrum zu entwickeln. Dafür lagen konkrete Vorschläge auf dem Tisch – die dann aber offenbar in einer Schublade liegen geblieben sind, sagt Stefan Behr vom Landesverband des Deutschen Kinderschutzbundes. "Fakt ist, dass eine Kollegin aus einer Fachberatungsstelle vor 2018 in Lebach gewesen ist, um dort zu beraten, wie ein Kinderschutzkonzept umgesetzt werden kann oder muss. Dazu gehört natürlich die räumliche Trennung von Kindern und männlichen Erwachsenen. Das ist die Grundvoraussetzung. Und warum die dann nicht umgesetzt worden ist - das entzieht sich meiner Kenntnis."

Grundsätzlich würde auf eine solche Trennung auch geachtet, sagt Christof Hoffman – nur könnten seine Mitarbeiter angesichts der Raum- und Gebäudesituation eben nicht immer garantieren, dass sich das machen lässt.

Weitere Kritikpunkte von Sozialverbänden

Der Fall des dreijährigen Mädchens ist sicher ein extremes Beispiel. Die scharfe Kritik von Sozialverbänden und Kinderärzten, was den Schutz des Kindeswohls in Lebach angeht, setzt aber schon weit vorher an. Sie beklagen eine unausgewogene Ernährung, mangelnde medizinische Versorgung und besonders eine unzureichende Behandlung von psychischen Traumata. Aus Sicht von Reiner Feth, dem Ehrenvorsitzender des Paritätischen Wohlfahrtsverbands und Mitglied der Härtefallkommission, verstößt das gegen Rechtsgrundsätze, die sich das Saarland selbst gesetzt hat. „Wir haben in unserer Landesverfassung, Artikel 24 und 25, sozusagen die UN-Kinderschutzkonvention integriert. Dort steht ganz bewusst die Persönlichkeit des Kindes, analog zur UN-Kinderrechtskonvention, und den Schutz der Kinder auf allen Ebenen zu fördern.“

Täter verurteilt – Mutter erhielt Abschiebebescheid

Im Fall des dreijährigen Mädchens wurde der Täter gefasst und verurteilt. Die Mutter bekam einen Abschiebebescheid. Ihr Heimatland wird vom BAMF als sicheres Herkunftsland eingestuft. Keine Chance also auf Bleiberecht. Frank-Thomas Bienko hat die Asylklage der Frau betreut. Eine Klage, die erstmal zurückgewiesen wurde. Begründung: Die Frau habe nicht "ausreichend glaubhaft gemacht", dass die Erlebnisse in Lebach sie traumatisiert haben. Die Frau ging bis zum Äußersten: Sie wollte die Kinder zur Adoption freigeben und versuchte sogar, sich das Leben zu nehmen. Denn Kinder, die allein in Deutschland sind, werden nicht abgeschoben.

Letzten Endes haben sich die Dinge für sie zum Guten gewendet – soweit davon überhaupt die Rede sein kann, nach allem, was sie erlebt hat. Innenminister Klaus Bouillon (CDU) ist der einstimmigen Empfehlung der Härtefallkommission gefolgt. Die Familie darf in Deutschland bleiben. Klar sei er mit der Entscheidung sehr glücklich, sagt Bienko. Trotzdem glaubt er: Das alles hätte nicht passieren müssen, wenn die Familie anders untergebracht worden wäre.

Über dieses Thema berichteten die SR-Hörfunknachrichten am 30.01.2020.

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