Annegret Kramp-Karrenbauer beim Großen Zapfenstreich zu ihrer Verabschiedung als Bundesverteidigungsministerin (Foto: picture alliance/dpa/dpa-pool | Michael Kappeler)

Das eine Wagnis zu viel – AKK verabschiedet

Diana Kühner-Mert   15.12.2021 | 17:53 Uhr

Sie wollte alles, nun hat sie nicht mal mehr ein Bundestagsmandat: Annegret Kramp-Karrenbauer ist am Mittwochabend mit einem Großen Zapfenstreich als Bundesverteidigungsministerin verabschiedet worden. Damit endet die politische Karriere der vielleicht größten Hoffnungsträgerin, die jemals aus dem Saarland nach Berlin aufgebrochen ist.

Ein Großer Zapfenstreich, noch einmal alles an Feierlichkeit, Aufgebot und großem Tamtam. Und dann ist Schluss. Nach vier Jahrzehnten im Dienst von Partei und Politik kehrt Annegret Kramp-Karrenbauer nach Püttlingen zurück, ohne politisches Amt, ohne Mandat. Am Ende einer Karriere, die lange Zeit nur eine Richtung kannte: nach oben.

Bergauf ging es, als sie noch im Saarland wirkte. 1981 trat sie – damals noch Annegret Kramp – in die CDU ein, arbeitete sich schnell nach oben, fleißig und fokussiert. Gefördert wurde sie allen voran von Peter Müller. Als der 1999 Ministerpräsident wurde, bedeutete das auch den politischen Durchbruch für Annegret Kramp-Karrenbauer.

Video [aktueller bericht, 15.12.2021, Länge: 2:26 Min.]
Kramp-Karrenbauer mit Zapfenstreich aus dem Amt verabschiedet

Der Ritt durch die Ministerien

Sie wurde Ministerin für Inneres und Sport, bundesweit die erste Frau, die dieses Ressort leitete. In den Folgejahren gab es kaum ein Ministerium, dessen Chefin sie nicht gewesen wäre. Familie, Bildung, Arbeit, Justiz – Kramp-Karrenbauer durchlief die Chefetagen im Eiltempo, knüpfte Netzwerke, machte sich beinahe unentbehrlich.

Kein Skandal blieb an ihr haften, obwohl sie in fast alle größeren der letzten Jahre verwickelt war: die Kostenexplosion um den Vierten Pavillon des Saarlandmuseums, die Meeresfischzucht in Völklingen, die Vorgänge beim Landessportverband des Saarlandes, der Missbrauchsskandal an der Homburger Uniklinik. Erst die Gnadenlosigkeit des Berliner Politbetriebs ließ sie straucheln – und schließlich fallen.

„Müllers Mädchen“ wurde Kramp-Karrenbauer genannt – eine Fehleinschätzung, wie sich zeigen sollte. 2011 zog Peter Müller sich aus der Landespolitik zurück, gab das Amt des Landesvorsitzenden auf und auch das des Ministerpräsidenten. Die damals 48-jährige Kramp-Karrenbauer folgte ihm nach, wurde Chefin der bundesweit ersten Jamaika-Koalition, die Müller zuvor eingefädelt hatte  – und die nicht lange hielt. 

Mit Nervenstärke zum Liebling der Union

Es war der 6. Januar 2012, als Annegret Kramp-Karrenbauer mit Wucht die Aufmerksamkeit des bundesdeutschen Politikbetriebs und der Hauptstadtpresse auf sich zog. Noch kein Jahr im Amt, setzte sie alles auf eine Karte, ließ nach andauernden internen Querelen der FDP Jamaika im Saarland platzen, stellte ihr Amt, ihre gerade erst gewonnene Macht zur Disposition.

Angela Merkel soll ihr davon abgeraten haben. Kramp-Karrenbauer ging ihren Weg – und triumphierte. Neuwahlen bestätigten sie im Amt. Die bis heute andauernde Große Koalition im Saarland nahm ihre Arbeit auf. Und die nervenstarke CDU-Frau hatte nun nicht nur das Votum der Bevölkerung. Auch der Respekt der Bundespartei war ihr sicher. Und ein neuer Spitzname: Aus Annegret Kramp-Karrenbauer wurde „AKK“, für die Bundes-, ja Weltpresse war der „echte“ Name in der Aussprache eine Herausforderung.

Fünf Jahre später wurde AKK endgültig zum Liebling der Union. Mit 40,7 Prozent wurde sie im Amt bestätigt. Obwohl die CDU bundesweit im Hintertreffen war, Martin Schulz als Heilsbringer der SPD gefeiert wurde, wo es noch gar nichts zu feiern gab. Die Sozialdemokraten hielten den Einzug ins Kanzleramt für so gut wie sicher. Doch AKK stoppte den „Schulz-Zug“. Spätestens jetzt hatten alle sie auf dem Zettel für höhere Weihen, allen voran die Kanzlerin.

Video [aktueller bericht, 15.12.2021, Länge: 3:50 Min.]
Kollegengespräch mit Uli Hauck

Zwei Spitzenfrauen landen einen Coup

Sie hätte ihre Vertraute gern als Nachfolgerin gesehen. Beide haben Ähnlichkeiten, sind keine schillernden Persönlichkeiten. Unprätentiös und pragmatisch, machtbewusst, aber eben auch nicht visionär, ohne den großen Plan fürs Land. Nur Monate nach AKKs Wiederwahl landeten beide zusammen den nächsten Coup.

Wieder setzte AKK alles auf eine Karte, gab im Saarland alles auf, da, wo sie so erfolgreich war, da, wo es aber auch nicht mehr weiter nach oben ging. Sie stellte sich in den Dienst der Partei, wurde CDU-Generalsekretärin, Kronprinzessin. Wurde gefeiert – am Ende aber fallen gelassen.

Ganz oben wurde die Luft zu dünn

In Berlin sollte es für AKK ganz nach oben gehen, ins Kanzleramt. An die Spitze der Partei schaffte sie es noch. Doch die im Saarland so tragfähigen Netzwerke nützten ihr in der Hauptstadt nicht mehr. Die politische Konkurrenz lauerte mitleidlos auf jeden Fehler – und davon machte sie einige, von Anfang an.

Letztlich entpuppte sich ihr unermüdlich nach vorne strebender Konkurrent Friedrich Merz als ebenso nicht mehr zu bewältigender Brocken wie die thüringische CDU, die AKK im internen Streit um die Wahl des Ministerpräsidenten gemeinsam mit der AfD als völlig autoritätslos dastehen ließ.

Das war zu viel. Vielleicht unterscheidet das die kühl kalkulierende Saarländerin von anderen politischen Schwergewichten im Bund: Dass sie erkennt, wann es nichts mehr zu holen gibt. Für eine Kanzlerkandidatur fehlte ihr inzwischen der Rückhalt in den eigenen Reihen. Der Rückzug: Für sie folgerichtig.

Die alte CDU soll weg – und mit ihr AKK

Und mit der Niederlage ihrer CDU bei der Bundestagswahl im September ist auch die letzte Machtbasis verloren: das Amt der Bundesverteidigungsministerin, das AKK seit 2019 innehatte. Nicht mal für das Direktmandat hatte es bei der Wahl noch gereicht. Das holte die junge SPD-Kandidatin Josephine Ortleb mit deutlichem Vorsprung. AKK schaffte es zwar als Spitzenkandidatin über die Landesliste noch in den Bundestag.

Am Ende aber blieb ihr auch dieses Mandat nicht. Weil jetzt die Jungen den Karren aus dem Dreck ziehen sollen, die CDU wieder aufbauen. Die Partei braucht neue Gesichter. AKK hat das nicht zu bieten. Sie steht für die Merkel-Jahre, für das, was vergangen ist. Auch das hat sie erkannt. Und gemeinsam mit Peter Altmaier auf ihr Mandat verzichtet, um Markus Uhl und Nadine Schön den Wiedereinzug in den Bundestag zu ermöglichen. Vielleicht war diese Entscheidung für AKK die schwerste in 40 Jahren Politik.

Großer Zapfenstreich für Annegret Kramp-Karrenbauer
Audio [SR 1, (c) Jessica Werner, Uli Hauck, 15.12.2021, Länge: 03:28 Min.]
Großer Zapfenstreich für Annegret Kramp-Karrenbauer

Wenn der Große Zapfenstreich zu Ende geht, wird AKK eine beachtliche Karriere hinter sich haben, viele Titel „a.D.“ tragen. Bundeskanzlerin gehört nicht dazu. Dieses Vorhaben war das eine Wagnis zu viel.

Über dieses Thema hat auch die SR-Fernsehsendung "aktuell 18.00 Uhr" am 15.12.2021 berichtet.

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