Wartezimmer in einer Arztpraxis (Foto: imago/ Jochen Tack)

Ärztemangel: Fakt oder Fantasie?

Kai Forst   06.07.2018 | 06:56 Uhr

Lange Wartezeiten, überfüllte Praxen – so sieht für viele Patienten derzeit der Alltag aus. Doch einen Ärztemangel gibt es – zumindest auf dem Papier – nicht. Im Gegenteil: Aktuellen Zahlen zufolge herrscht in den meisten Landkreisen im Saarland eine Überversorgung an Haus- und Fachärzten. Doch warum müssen manche Patienten dann wochenlang auf einen Termin warten?

231 Prozent bei den Orthopäden im Saarpfalz-Kreis, 161 Prozent bei den Kinderärzten im Kreis Saarlouis und 173 Prozent bei den Chirurgen im Landkreis Neunkirchen: Die Ärzte-Versorgung in den saarländischen Landkreisen scheint optimal, bei vielen Facharztgruppen herrscht eine deutliche Überversorgung an Medizinern – zumindest auf dem Papier. Doch die Realität sieht häufig anders aus: Überfüllte Praxen, wochenlanges Warten auf einen Termin und eine Akkord-Abfertigung, die viele Patienten mit einem unguten Gefühl zurücklässt.

Wie kommt es also zu diesen Engpässen, obwohl in Deutschland in nahezu allen Bereichen formal eine Überversorgung an Medizinern besteht? Die Krux in dieser Sache liegt in der sogenannten Bedarfsplanung. Sie datiert noch aus dem Jahr 1992. Damals befürchteten Politiker nach der Wiedervereinigung eine Ärzteschwemme. Um dem entgegenzuwirken wurde das Verhältnis zwischen Einwohner- und Arztzahl ermittelt und gilt seither als Richtwert für die Versorgungslage.

"Enorme Arbeitsverdichtung bei Kinderärzten"

Für Benedikt Brixius, Sprecher der Kinder- und Jugendärzte im Saarland, geht das an der Realität vorbei. „Es sind in den letzten Jahrzehnten für Ärzte sehr viele Aufgaben dazugekommen, die es früher so nicht gab.“ Brixius spricht etwa von den verpflichtenden Vorsorgeuntersuchungen für Kinder aber auch von wesentlich mehr Erkrankungen, die diagnostiziert würden. „Heute haben wir viel mehr Kinder mit ADHS und viel mehr Kinder mit Problemen im sozialen Umfeld, d.h. auch mehr Kinder mit psychosomatischen Symptomen.“ All das habe zu einer enormen Arbeitsverdichtung der Kinderärzte geführt. Daher fordert er eine Reform der fast 30 Jahre alten Berechnungsgrundlage.

BR.de
Die kranke Rechnung
Die Berechnung der Ärztezahlen geht seit Jahren an der Realität vorbei: Die Analyse von BR Data zeigt, warum Landstriche auf dem Papier überversorgt sind, in Wahrheit aber Ärztemangel herrscht.

Dass die Bedarfsplanung nicht mehr dem status quo entspricht, weiß auch die saarländische Landesregierung. Man sei an der Bedarfsplanungs-Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) nicht beteiligt, sehe aber die Notwendigkeit, „dass die Richtlinie durch den GBA überarbeitet wird“, sagt Gesundheitsstaatssekretär Stephan Kolling. Ähnlich wie andere Experten befürchtet der CDU-Politiker, dass es künftig zu Problemen bei der ärztlichen Versorgung geben könnte. „Für die nächsten Jahre sehe ich schon die Gefahr, dass wir nicht mehr in dem Umfang die Versorgungslage an niedergelassenen Ärzten haben, wie heute. Viele Hausärzte sind über 55 Jahre, so dass heute schon klar ist, dass wir Nachwuchs für die Praxen benötigen."

Engpässe bei Hausärzten drohen

Aktuelle Zahlen der Kassenärztlichen Vereinigung belegen den drohenden Engpass. Demnach geben bis zum Jahr 2023 40 Prozent der rund 670 saarländischen Hausärzte ihre Praxis auf. „Auf die nächsten fünf Jahre verteilt sind das rund 50 Hausärzte pro Jahr, die in Rente gehen werden. Wir haben aber nur rund 15 Nachfolger pro Jahr. Es wird also einen Engpass geben. Derzeit versorgt ein Hausharzt rund 1000 Patienten pro Quartal. Irgendwann müssen die übrig gebliebenen Ärzte dann 1500 Patienten versorgen, denn die werden ja nicht weniger“, sagt der Chef der kassenärztlichen Vereinigung, Gunter Hauptmann.

Ähnlich sieht es auch bei den Fachärzten aus. Bei den Kinder- und Jugendärzten sind es 30 Prozent, bei den Augenärzten 36 Prozent, die bald in den Ruhestand gehen. Nun wäre das kein Grund zu Sorge, wenn der medizinische Nachwuchs bereitstehen würde. Doch eben hier liegt das Problem. „Es ist heute wesentlich schwerer, Nachfolger für niedergelassene Praxen zu finden“, sagt Kinderarzt Brixius. Staatssekretär Kolling führt das auch auf die Tatsache zurück, "dass die Mehrzahl der Medizinstudenten weiblich sind, und der Trend festzustellen ist, dass diese nach dem Erhalt der Approbation oftmals keine Vollzeitstelle antreten". Für einen in Vollzeit arbeitenden ausscheidenden Arzt brauche man in vielen Fällen also zum Teil zwei Nachfolger.

Ärzte scheuen Schritt in die Selbstständigkeit

Daneben scheuen offenbar immer mehr junge Mediziner den Schritt in die Selbstständigkeit. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf gewinne, so Kolling, eine immer größere Bedeutung und stehe damit im Gegensatz zur Gründung einer eigenen Praxis mit den entsprechenden finanziellen Risiken. Auch Brixius ist sich sicher: "Immer mehr Ärzte wollen sich anstellen lassen, weil ihnen eine eigene Praxis eine zu große Belastung ist." Denn im Schnitt arbeite ein angestellter Arzt deutlich weniger als der Inhaber einer Praxis.

Die Landesregierung will diese Problematik mit gezielten Gegenmaßnahmen entschärfen. Das sogenannte Landarztförderprogramm soll etwa Ärzte motivieren, sich als Haus- oder Facharzt auf dem Land niederzulassen. Dafür gibt es dann eine Finanzspritze von 10.000 Euro. Laut Staatssekretär Kolling wurde das seit der Einführung zum Jahresbeginn bereits zwölf Mal in Anspruch genommen, das heißt zwölf Praxen sind auf dem Land eröffnet worden. Zudem können Medizinstudenten ein monatliches Stipendium bekommen, wenn sie sich später als Landarzt im Saarland niederlassen möchten.

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