G8 und G9 an einer Schultafel (Foto: dpa/Armin Weigel)

Abschied vom „Turbo-Abi“ nach 21 Jahren

Mit Informationen von Julia Berdin   04.05.2022 | 19:20 Uhr

2001 führte die CDU im Saarland das achtjährige Gymnasium ein, auch „Turbo-Abi“ genannt. 21 Jahre später läutet die SPD seinen Abschied ein, wie alle anderen G8-Länder zuvor auch. Von ihnen kann das Saarland bei der Rolle rückwärts Einiges lernen.

August 2001: In einem großen Festakt und mit politischer Prominenz – allen voran dem damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog (CDU) – wurde die Einführung von G8 im Saarland gefeiert. „Wir brauchen länger bis zum Abitur, bis zum Studienabschluss als viele andere europäische Länder. Das bringt Wettbewerbsnachteile, und die wollen wir ausgleichen“, hatte damals Ministerpräsident Peter Müller (CDU) gesagt.

Video [aktueller bericht, 04.05.2022, Länge: 3:37 Min.]
Was das Saarland von anderen Bundesländern bei G9-Rückkehr lernen kann

Schneller in den Arbeitsmarkt?

Vom achtjährigen Gymnasium versprach man sich, dass junge Menschen früher in den Arbeitsmarkt einsteigen und damit früher Sozialabgaben zahlen. So sollte das soziale Sicherungssystem entlastet werden.

In Westdeutschland war das Saarland 2001 das erste Bundesland, das G8 einführte. Nur in Sachsen und Thüringen gab es G8 bereits, dort aber schon seit den 1949. Alle anderen Bundesländer folgten, nur Rheinland-Pfalz blieb beim G9.

Keine Erfolgsgeschichte

Jahre später folgte die Ernüchterung. Studien ergaben: G8-Abiturienten fangen seltener direkt nach dem Abschluss an zu studieren, außerdem gibt es mehr Sitzenbleiber. Immerhin: Die Abiturnoten sind nicht signifikant schlechter geworden.

Unterm Strich habe man sich zu viel von der G8-Reform versprochen, sagt der Bildungsforscher Olaf Köller von der Christian-Albrechts-Universität in Kiel. „Die Befundlage war insgesamt, dass es eigentlich zwischen G8- und G9-Schülerinnen und -Schülern keine nennenswerten Unterschiede gab.“

Druck von Eltern

Einen Unterschied sei dann aber doch berichtet worden, so Köller. G8-Schüler hätten weniger Freizeit gehabt, weil sie mehr Schulstunden hatten. Für viele Eltern war das der Casus Knaxus.

Bundesweit entstanden Initiativen für die Rückkehr zu G9, auch im Saarland. Der Druck der Öffentlichkeit gegen das „Turbo-Abi“ wuchs.

Fast alle Länder wieder bei G9

Inzwischen sind alle westdeutschen Länder, die sich damals für G8 entschieden haben, ganz oder teilweise wieder zu G9 zurückgekehrt. Bayern, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen verabschiedeten sich komplett davon.

In Hessen, Baden-Württemberg und Schleswig Holstein herrscht Wahlfreiheit. Es gibt dort Gymnasien, die in acht oder neun Jahren zum Abitur führen und welche, die ein G8/G9-Parallelsystem vorhalten.

Köller: „Rückkehr war politische Entscheidung“

„Letztlich ist die Rückkehr zu G9 in allen Bundesländern eine politische Entscheidung gewesen, um etwa im Vorfeld von Wahlen noch Wählerstimmen einzufangen“, sagt Bildungsforscher Köller. „Man hatte immer Unruhe bei den Eltern, insbesondere bei den bildungsnahen Eltern, die Sorge hatten, dass der Sohn oder die Tochter nicht mehr zur Klavier- oder Reitstunde gehen kann, weil G8 so viel Zeit frisst. Aus wissenschaftlicher Sicht gab es eigentlich keinen Grund, von G8 zu G9 zurückzukehren.“

Umstellung kostet Millionen

Laut Köller liegen die Kosten einer solchen Re-Reform im mehrstelligen Millionenbereich, hauptsächlich durch den zusätzlichen Bedarf an Lehrkräften. Die Befürchtung von Lehrerverbänden, die Gemeinschaftsschule im Saarland könne durch G9 zur Restschule verkommen, teilt der Bildungsforscher hingegen nicht.

Es habe in den Ländern, die die Rückkehr bereits vollzogen haben, nicht beobachten können, dass der zweite Weg zum Abitur unattraktiver geworden sei, so Köller. „Man weiß auch um die etwas andere Kultur in den ‚Nicht-Gymnasien‘, die zum Abitur führen, also in den Gemeinschafts- und Gesamtschulen. Man weiß eben, dass für gewisse Gruppen von Schülerinnen und Schülern, die das Abitur anstreben, diese Schulform die bessere ist.“

Jetzt geht es im Saarland erst einmal darum, ein Konzept für die Reform zu erarbeiten. In Anbetracht dessen, dass es bereits nach den Sommerferien mit G9 losgehen soll, ist das ein sportlicher Plan. Jetzt muss die Landesregierung den Turbo einlegen, um das „Turbo-Abi“ abzuschaffen.

Über dieses Thema hat auch der „aktuelle bericht“ vom 04.05.2022 berichtet.

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