Parteitag der Grünen am 23.02.1980 in Saarbrücken (Foto: Roland Witschel/dpa)

Von „Öko-Spinnern“ zur Regierungspartei

Carolin Dylla und Nelly Theobald / Onlinefassung: Axel Wagner   10.01.2020 | 22:25 Uhr

Die Grünen haben am Freitag in Berlin groß ihren 40. Geburtstag gefeiert. Von den Anfängen beim ersten Bundesparteitag in Saarbrücken bis heute ist die Partei einen weiten Weg gegangen.

Video [aktueller bericht, 10.01.2020, Länge: 3:41 Min.]
40-jähriges Jubiläum bei den Grünen

Früher als „Öko-Spinner“ und „Müslifresser“ beschimpft, werden die Grünen von einigen mittlerweile als neue Volkspartei bezeichnet. Auch im Saarland konnten sie bei den letzten Wahlen mächtig zulegen.

Später: „Habe mich als explizit links verstanden“

Die Grünen: Von "Ökospinnern" zur Volkspartei
Audio [SR 3, Carolin Dylla, 10.01.2020, Länge: 03:09 Min.]
Die Grünen: Von "Ökospinnern" zur Volkspartei

„Für mich war das damals so ein Aufbruch, was ganz Neues zu wagen“, so die Ehrenvorsitzende Claudia Willger. „Ich habe mich als explizit links verstanden, was das damals auch immer geheißen haben mag“, meint der Historiker Erich Später, sechstes Mitglied der St. Wendeler Grünen.

Die Beiden traten kurz nach der Gründung der Saar Grünen in die Partei ein. Erich Später war sogar beim ersten Programmparteitag der Bundes-Grünen in Saarbrücken dabei. Er berichtet von einem Richtungsstreit. Die Grünen seien damals sozusagen ein Sammelprojekt gewesen.

Parteitag als „moralisch-politischer Schock“

Der Grünen-Parteitag Ende März 1980 in Saarbrücken: Viele bezeichnen den bis heute als „moralisch-politischen Schock“. Hier trafen die verschiedensten Strömungen aufeinander: Christen, Wertkonservative und sogar völkisch Orientierte; aber auch Kommunisten und Anhänger der sogenannten Indianerkommune Nürnberg, in der pädophile Erwachsene mit Kindern zusammenlebten. Gerade diese Pädophilie-Debatte spaltete die Partei. „Ich habe mir da auch die Unterstützung von der autonomen Frauenbewegung geholt, um auch hier im Saarland solche Debatten unmöglich zu machen“, sagt Willger.

Ulrich: „Linksdogmatischer Fundamentalistenclub“

Auch die Frage, ob die Partei Regierungsverantwortung und damit Posten übernehmen soll, spaltete. An heftigen Debatten in dieser Zeit und den Zustand der Grünen erinnert sich auch Hubert Ulrich, der die Saar-Grünen von 2002 bis 2017 führte. „Das war ein linksdogmatischer Fundamentalistenclub schlimmster Art, völlig erfolglos, immer zweieinhalb Prozent bei allen Wahlen.“ In Saarlouis, wo Ulrich Mitglied war, habe es bereits 1984 eine rotgrüne Koalition gegeben. „Ich war da bereits im Stadtrat mit dabei und habe dort ein Gefühl entwickelt für pragmatische Politik.“

Heftige Debatte um Jamaica-Bündnis

Ulrich führte die Partei 1994 in den Landtag – Leitfigur und Spalter in einem. Die Vorwürfe: Manipulation von Mitgliederlisten, eine Dienstwagenaffäre und Skrupellosigkeit, wenn es um politische Macht geht.  Als Landeschef führte Ulrich die Saar Grünen in das erste Jamaica-Bündnis überhaupt. Parteikollegen wandten sich ab. Andere finden die Entscheidung bis heute richtig.

„Die rotrotgrüne Alternative wäre nicht die bessere Lösung gewesen“, so Claudia Willger. „Ich glaube, wir hätten damals die FDP mehr in den Blick nehmen und viel härter mit ihnen verhandeln müssen.“  

Bergbau, Stahl und Industrie: Im Saarland hatten und haben es die Grünen schwerer als in anderen Bundesländern. Heute gibt’s aber auch hier mehr Zuspruch. Bei der Europawahl im vergangen Jahr holten sie im Saarland gut 13 Prozent.

2022 wollen die Grünen es auch wieder in den Landtag schaffen. Dann wird sich zeigen, wie nachhaltig diese Zustimmung ist. 

Über dieses Thema hat auch der „aktuelle bericht“ vom 10.01.2020 berichtet.

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