Am 31. Dezember schließt das Bergwerk Ibbenbüren (Foto: Emil Mura)

Die letzte Schicht: Abschied von Ibbenbüren

Emil Mura   28.11.2018 | 06:30 Uhr

194.000 gefahrene Kilometer, 85 volle Tage auf der Autobahn - und das nur um zur Arbeit zu kommen. Frank Kiefer ist Bergmann. Als im Saarland klar war, dass auch die letzte Grube schließt, wurde er in das Bergwerk Ibbenbüren in Nordrhein-Westfalen versetzt. Ende des Monats schließt auch diese Zeche. Frank Kiefer muss in den Vorruhestand. Achteinhalb Jahre Pendeln haben dann ein Ende.

Er kenne jede Tankstelle, jeden Rastplatz und sogar jeden Grashalm an der A1, sagt Frank Kiefer zwinkernd und packt eine gelbe Kühltasche mit Proviant in den Kofferraum seines silbernen Nissans. Seine Frau Nicole hat sie ihm gepackt. 470 Kilometer sind es von Kleinblittersdorf bis zum Bergwerk nach Ibbenbüren.

Achteinhalb Jahre lang ist Frank Kiefer diese Strecke gefahren. Sonntagsvormittags hin, Freitagsnachmittags wieder zurück. Anfangs noch jedes Wochenende, seit die meisten seiner saarländischen Kameraden im Ruhestand sind, fährt er nur noch jedes zweite Wochenende nach Hause - aus Kostengründen. Insgesamt hat er 16.000 Euro an Spritkosten auf der Autobahn gelassen. Ein ganzes Auto hat er schon verschlissen.

Mit 50 in den Vorruhestand

Schicht im Schacht – Die letzte Fahrt nach Ibbenbüren (29.11.2018)
Video [SR Fernsehen, (c) SR, 29.11.2018, Länge: 06:00 Min.]
Schicht im Schacht – Die letzte Fahrt nach Ibbenbüren (29.11.2018)

Am 31. Dezember schließt das Bergwerk Ibbenbüren, Frank Kiefer muss mit gerade einmal 50 Jahren in den Vorruhestand. Mit dem Ende des Steinkohlenbergbaus in Deutschland endet auch sein Berufsleben. "Das ist die letzte Fahrt", sagt er, drückt seine Frau Nicole noch einmal fest und steigt in sein Auto. Diesmal schafft er die Strecke in fünf Stunden. Er hatte Glück und ist in keinen Stau geraten.

In den Tagen vor seiner letzten Schicht wird Frank Kiefer nachdenklich - trotz der Vorfreude, bald mehr Zeit mit seiner Familie verbringen zu können. Er gehört zu einer Handvoll Mitarbeitern, die noch übrig sind von ehemals fast 2300 Beschäftigten des Bergwerks Ibbenbüren. Aus 1250 Metern Tiefe hat er hier bis zum Sommer mitgeholfen, die wertvolle Anthrazitkohle zu Tage zu fördern. Jetzt werden nur noch Maschinen und anderes Material herausgeholt.

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In den achteinhalb Jahren hat er neben seinen saarländischen Kollegen auch viele einheimische Kameraden gewonnen. "Der Zusammenhalt unter Tage ist einmalig. Da ist man füreinander da. Rivalitäten gibt es da keine. Dafür ist der Beruf zu gefährlich und man ist aufeinander angewiesen." Auch privat waren die Bergleute immer füreinander da. Zum Beispiel, wenn wegen der großen Entfernung Ehen und Beziehungen auseinanderbrachen.

Mit Wehmut zur letzten Schicht

Seine letzte Seilfahrt erlebt Frank Kiefer mit Wehmut. Ihm ist klar, dass er mit dem Ende des Steinkohlenbergbaus in Deutschland als Bergmann nicht mehr gebraucht wird.

Nachdem er sich geduscht und umgezogen hat, räumt er seinen Kauenhaken. Wie er mit seiner vielen freien Zeit künftig umgeht, weiß er noch nicht, besonders den geregelten Tagesablauf wird er vermissen. Doch darüber will er sich jetzt nicht den Kopf zerbrechen. "Jetzt freue ich micht erst einmal auf die Heimfahrt und meine Frau Nicole." Das sind die letzten Worte, bevor Frank Kiefer in sein Auto steigt. Auf dem Beifahrersitz liegt ein Stück Anthrazitkohle auf einer Marmorplatte. "Zur letzten Schicht von deinen Kameraden" steht darauf.

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