Justizbeamte führen den Angeklagten im Yeboah-Prozess in den Gerichtssaal des Oberlandesgerichts.  (Foto: picture alliance/dpa | Thomas Frey)

Richter in Yeboah-Prozess stellt damalige Ermittlungen in Frage

Thomas Gerber   17.01.2023 | 20:18 Uhr

Im Yeboahprozess vor dem Oberlandesgericht Koblenz sind am Dienstag erneut Defizite bei den Ermittlungen zu dem tödlichen Brandanschlag von 1991 offenkundig geworden. Es sind erhebliche Unterschiede zwischen damals protokollierten Aussagen von Zeugen und ihren aktuellen Angaben aufgetaucht.

Am Dienstag ist vor dem Oberlandesgericht in Koblenz der Prozess um den mutmaßlichen Mord an dem Asylbewerber Samuel Yeboah fortgesetzt worden. Yeboah war bei einem Brandanschlag auf eine Asylbewerberunterkunft in Saarlouis vor mehr als 30 Jahren ums Leben gekommen.

Nachdem erhebliche Unterschiede zwischen damals protokollierten Aussagen von Zeugen und ihren aktuellen Angaben vor Gericht auftauchten, erklärte der Vorsitzende Richter, dass man mit den polizeilichen Vernehmungen von damals sehr kritisch umgehen müsse. Auch was die Protokollierung angehe, seien Zweifel angebracht.

Was hatte eine Zeugin damals beobachtet?

Damit reagierte er auf die Vernehmung einer Augenzeugin. Sie hatte gegenüber der Asylbewerberunterkunft gewohnt und war damals gerade mal 15 Jahre alt. Trotzdem wurde sie von den Ermittlern allein vernommen, ohne dass ihre Mutter anwesend war. Dabei soll sie von einem "Farbigen" berichtet haben, der kurz nachdem sie einen Knall gehört hatte, in einen Wagen gestiegen und davon gefahren sei.

In Koblenz aber sprach die heute 47-Jährige nun von zwei schwarz-gekleideten vermummten hellhäutigen Personen, die in ein Auto gesprungen seien. Vom Fenster aus habe sie noch die Worte gehört "Schnell weg hier".

Yeboah-Prozess: Damalige Polizeiarbeit erscheint immer fragwürdiger
Audio [SR 3, Studiogespräch: Simin Sadeghi / Thomas Gerber, 18.01.2023, Länge: 04:17 Min.]
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Peter S. kein Einzeltäter?

Sollte diese Erinnerung der Zeugin zutreffen, so würde das nicht nur dem widersprechen, was die Ermittler von damals zu Papier gebracht hatten, sondern auch der These des Generalbundesanwalts.

Der geht in seiner Anklage nämlich davon aus, dass Neonazi Peter S. als Einzeltäter für den Mord an Samuel Yeboah verantwortlich ist.

Im Laufe des Prozesses in Koblenz hat es bereits weitere Zeugenaussagen gegeben, die nahelegen, dass der Anschlag auf die Asylbewerberunterkunft nicht die Tat eines Einzelnen war. So hatte ein Überlebender, von zwei Personen berichtet, die am Fenster seiner Erdgeschosswohnung vorbeigehuscht seien.

Kurz vor Ausbruch des Feuers habe er einen Schatten wahrgenommen. Er habe nachgeschaut und dann von hinten noch eine blonde Frau mit Pferdeschwanz gesehen. In den Ermittlungsakten von damals soll diese Beobachtung nach Angaben von Prozessbeteiligten erst gar nicht erwähnt worden sein.

Nur kurze Ermittlungen in der Skinheadszene

Knapp ein Jahr hatten die Ermittlungen zu dem tödlichen Feuer in der Saarlouiser Asylbewerberunterkunft insgesamt gedauert. Nicht mal zwei Wochen lang wurde in der Skinheadszene ermittelt.

Zu dieser bemerkenswert raschen Spuren-Erledigung passte die Zeugenaussage eines Streifenpolizisten, der in der Brandnacht am 19. September 1991 mit seinem Kollegen als Erster am Tatort gewesen war. Der heute 63-Jährige erklärte am Dienstag vor dem OLG Koblenz, in Saarlouis habe es in den 1990ern zwar Skinheads gegeben, die seien aber "nicht politisch-rassistisch" gewesen.

Es sei um Schlägereien und Beleidigungen gegangen. Welche Beleidigungen konnte der pensionierte Beamte zwar nicht erinnern, aber rassistische wären ihm in Erinnerung geblieben.

Die Podcast-Serie zum Mordprozess
Der Fall Yeboah – Rassismus vor Gericht
1991 stirbt Samuel Yeboah durch einen Brandanschlag auf die Asylunterkunft in Saarlouis. Erst über 30 Jahre später wird der Mord als rassistisch motivierte Tat verfolgt und steht möglicherweise vor der Aufklärung. Warum erst jetzt? Dieser Frage gehen die SR-Journalistin Lisa Krauser und ihre beiden Kollegen Thomas Gerber und Jochen Marmit in einem mehrteiligen Podcast nach.

Prozess geht am Montag weiter

Der Prozess gegen Neonazi Peter S., dem Mord und 20-facher versuchter Mord zur Last gelegt wird, soll am kommenden Montag, dem 23. Januar, fortgesetzt werden. Dann sollen weitere Ermittler und auch Überlebende des Brandanschlags gehört werden.

Der Auftritt der Hauptbelastungszeugin, der gegenüber S. die Tat eingeräumt haben soll, verschiebt sich vermutlich um eine Woche. Sie wird voraussichtlich erst am 30. Januar vernommen.

Über dieses Thema berichten die Hörfunknachrichten am 17.01.2023.


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