Sebastian und Dominique bei der Kohlernte (Foto: Lisa Krauser)

Wwoofing - Abenteuer auf dem Biohof

Lisa Krauser   10.12.2017 | 09:01 Uhr

Raus aus dem Alltagstrott und mal was ganz Neues ausprobieren - Wwoofing macht es möglich. Dabei können Freiwillige weltweit auf Biohöfen arbeiten. Im Gegenzug bekommen sie freie Unterkunft, Verpflegung und spannende Einblicke ins Leben auf dem Land.

Ausgerüstet mit Gummistiefeln und Knieschonern steht Sebastian auf einem Acker in Lothringen. Die Steckrübenernte der vergangenen Tage hat ihre Spuren hinterlassen: An seinen grünen Stiefeln klebt brauner Matsch, seine Hose ist voller Dreck. Anfang des Jahres saß der 19-jährige Schweizer noch vor dicken Büchern und lernte für seinen Schulabschluss. Danach hatte er die Theorie erstmal satt und beschloss, ein Jahr lang zu "wwoofen". Die Abkürzung steht für world-wide opportunities on organic farms, also Freiwilligenarbeit auf Biohöfen weltweit.

Die vergangenen Monate hat Sebastian auf drei verschiedenen Biohöfen in Frankreich verbracht und dabei einiges erlebt. Im Südwesten Frankreichs erntete er Äpfel und Himbeeren. In einem kleinen Dorf mitten in den Pyrenäen lernte er, wie man Käse zubereitet. "Danach war ich auf einem Weingut in der Nähe von Bordeaux. Da war ich für die Schafe zuständig und habe kleinen Lämmern die Flasche gegeben. Das war total schön."

Oma Christiane (rechts) zaubert täglich ein leckeres Essen aus frischem Bio-Gemüse (Foto: Lisa Krauser )
Oma Christiane (rechts) zaubert täglich ein leckeres Essen aus frischem Bio-Gemüse

Gerade unterstützt Sebastian eine Bauernfamilie in Grostenquin, einem verschlafenen französischen Dörfchen, eine knappe Stunde von Saarbrücken entfernt. Seit einer Woche lebt er gemeinsam mit dem 50-jährigen Dominique, dessen Partnerin Rahel, Töchterchen Anna und Oma Christiane in einem alten Bauernhaus. Sebastian ist begeistert vom Wwoofen. "Wann hat man sonst die Chance, so tiefgreifend am Alltag von anderen teilzunehmen?"

So kommt die Welt eben zu uns.

Dominique und Rahel bauen seit vier Jahren Biogemüse an. Kennengelernt haben sich der Franzose und die Schweizerin auf dem Jakobsweg in Spanien. Dort hörte die 37-Jährige durch eine andere Pilgerin auch zum ersten Mal von Wwoofing. Vor knapp zwei Jahren beschlossen sie, das Konzept auszuprobieren. Mit Erfolg, erzählt Rahel. "Ich liebe es. Ich finde den kulturellen Austausch einfach toll. Und den hätte ich sonst nicht, weil wir kaum Zeit zum Reisen haben. So kommt die Welt eben zu uns."

Koreaner, Japaner, Mexikaner, Amerikaner, Kanadier – Freiwillige aus den unterschiedlichsten Ecken der Welt haben den beiden schon beim Anbau ihres Gemüses geholfen. Auch zwei Wwoofer aus dem Saarland waren hier. "Das schöne ist, dass alle motiviert und neugierig sind. Sie kommen ja freiwillig und wollen mithelfen und etwas lernen", sagt Rahel.

Freiwillige als Teil der Familie

Motivation braucht es auch für das anstrengende Leben auf dem Land. Bis zu 150 Gemüsekisten liefern Rahel und Dominique wöchentlich aus. Damit sie voll werden, müssen die Helfer richtig mit anpacken. Spätestens um acht Uhr morgens stehen alle auf dem Feld. Sebastian nimmt das gerne in Kauf. "Klar, die Arbeit ist sehr anstrengend, aber mir gefällt's sehr gut hier. Ich find die Familie total nett. Wir führen abends oft spannende Diskussionen. Und das Essen ist super lecker.“

Dominique ist es wichtig, dass sich die Freiwilligen als Teil der Familie fühlen. "Die jüngeren Wwoofer behandele ich eigentlich wie meine eigenen Kinder." Seit er und Rahel mit dem Wwoofen begonnen haben, ist fast durchgehend jemand da. Das Bedürfnis nach Privatsphäre habe sie schon manchmal, gibt Rahel zu. „Aber normalerweise haben die Leute ein gutes Gespür für Nähe und Distanz."

Das Konzept

Wwoof steht für World-wide opportunities on organic farms, weltweite Möglichkeiten auf Biobauernhöfen. Das Konzept entstand Anfang der 70er in England. Es soll Menschen zusammenbringen, die sich für einen naturverbundenen Lebensstil interessieren. Wwoofing wird in über 60 Ländern angeboten. Jedes Land hat seine eigene Homepage mit Informationen zur Anmeldung.

Sebastian zieht in ein paar Tagen wieder weiter. Sein Fazit bisher ist durchweg positiv. "Für mich ist Wwoofen ideal. Ich komme rum, gebe nicht viel Geld aus und bessere mein Französisch auf. Und so langsam kriege ich auch ein ganz gutes Gefühl für landwirtschaftliche Sachen."

In den Vogesen wartet schon der nächste Biohof auf Sebastian. Nächstes Jahr will er noch in Italien und Norwegen wwoofen. Dominique ist ein kleines bisschen neidisch. Er lacht. "Irgendwann will ich auch mal selbst Wwoofer sein."

Wwoofen in Grostenquin

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