An einem Whiteboard steht das Wort Kursteilnehmer in verschiedenen Gender-Schreibweisen. (Foto: picture alliance/dpa | Uli Deck)

Was sich bei der Gender-Debatte durchsetzen könnte

Tabea Prünte   16.08.2022 | 11:04 Uhr

Mit Gendersternchen, Doppelpunkt, Binnen-I oder doch beiden Versionen ausgeschrieben? Gendern kann man auf verschiedene Arten. So zahlreich die Möglichkeiten - so weit gehen auch die Meinungen dazu auseinander. Was gilt aus sprachwissenschaftlicher Perspektive?

Gendern sei nur "Wichtigtuerei von Leuten, die von Sprache keine Ahnung haben", auf diese Äußerung von Sprachkritiker Wolf Schneider in einem Interview mit der Bild-Zeitung gab es zuletzt viel Resonanz.

Ein Angestellter eines Autokonzerns ist kürzlich noch einen Schritt weitergegangen. Weil er sich durch die Vorgaben im Unternehmensleitfaden von Audi zum Gendern in seinen Persönlichkeitsrechten verletzt sah, hat er den Fall bis vor Gericht gebracht und 100.000 Euro Schadenersatz gefordert. Das Landgericht Ingolstadt wies die Klage aber zurück.

Saarländische Frauenbeauftragte uneins

Im juristischen Sinne wird das Thema Gendern auch im Saarland aufgegriffen - und zwar im Landesgleichstellungsgesetz. Das hält zumindest für öffentliche Institutionen fest, dass geschlechtsneutrale Sprache für mehr Gleichstellung sorgen soll.

Darauf verweisen auch einige der Frauenbeauftragten für das Saarland und positionieren sich mit Verweis darauf klar zum Gendern, zum Beispiel mit dem Gendersternchen. Doch komplette Einigkeit zwischen allen Frauenbeauftragten gibt es auch hier nicht. Warum gibt es so viel Diskussion um dieses Dauerbrenner-Thema und wieso spaltet es scheinbar so sehr die Gemüter?

Sprache etwas Persönliches

"Sprache ist etwas sehr Persönliches", erklärt der Sprachwissenschaftler von der Universität des Saarlandes Philipp Rauth. "Und wenn mein Sprachgebrauch kritisiert wird, nehme ich das als Kritik an meiner Person wahr." Diese Kritik könne schnell als Unterstellung verstanden werden, dass der eigene bisherige Sprachgebrauch nicht angemessen war.

Vermeiden lässt sich das Thema Gendern kaum, denn um Personengruppen geht es in Gesprächen häufig. War man mit Freunden unterwegs, erzählt man von den Kolleginnen oder den Mitschülern. Deshalb treffen die verschiedenen Lager stets aufeinander und das Thema flammt immer wieder in Diskussionen auf.

Sternchen, Doppelpunkt und Co.

In gesprochenen Diskussionen kann man nun entweder stets die männliche Form nehmen, die männliche und weibliche aussprechen oder mit einem Glottisschlag, also einer kurzen stockenden Sprechpause, die weibliche von der männlichen Form abgrenzen.

In der geschriebenen Sprache gibt es da noch mehr Möglichkeiten. Die älteste Variante ist laut Rauth die Form des Binnen-I, also "SaarländerInnen". Schwierig sei dabei, dass man bei Großbuchstaben keinen Unterschied mehr feststellen könne, dann sehe man nur noch die weibliche Form "SAARLÄNDERINNEN".

Sternchen und Unterstriche dienen dazu, auch nichtbinäre Personen, also Menschen, die sich weder vollständig der männlichen noch der weiblichen Geschlechtsidentität zuschreiben, einzuschließen, also "Saarländer*innen" oder "Saarländer_innen". Hier gebe es aber die Kritik von manchen, dass das in Textblöcken unschön aussehe, da diese Gender-Formen deutlich herausstechen. Außerdem sagt Rauth, dass diese Form gerade für sehbeeinträchtigte Menschen, die auf Vorleseprogramme angewiesen sind, ungünstig sein könnte. Sternchen oder Unterstrich würden schließlich mitausgesprochen: "Saarländer-Sternchen-innen".

Ähnlich bewertet er die Doppelpunktform ("Saarländer:innen"). Vorleseprogramme lesen dort zwar die Pause, diese sei dann aber zu lang.

Laut Blindenverein kein Problem

Christa Rupp vom Blinden- und Sehbehindertenverein für das Saarland sieht da aber kein Problem. "Ja, das Sternchen wird mitausgesprochen", sagt sie - "das finde ich aber nicht schlimm." Sie selbst gendert konsequent, entweder mit beiden ausgeschriebenen Formen ("Saarländerinnen und Saarländer") oder mit Sternchen. Beschwerden gab es von Vereinsmitgliedern bislang nicht.

"Ich bin fürs Gendern. Von Anfang an gewesen", sagt sie. Seit Jahren sei es ein Problem, dass man männlich denkt. "Es ist an der Zeit, das zu ändern." Natürlich werde Sprache dadurch anders. "Das darf aber auch sein. Wir werden uns auch ans Gendern gewöhnen", ist sich Rupp sicher. Und "das erwarte ich auch von meinen sehbehinderten Mitmenschen".

Gendern und Grammatik

Auf dem Weg hin zu einem Konsens sei vieles aber noch nicht zu Ende gedacht, sagt Rauth. Aus sprachwissenschaftlicher Perspektive sei das Gendern noch nicht in allen Fällen mit den geltenden Grammatik-Regeln vereinbar. So sei es vor allem im Singular umständlich, vollständig zu gendern, will Rauth an einem Beispiel verdeutlichen: "Ein*e gute*r Saarländer*in hat Maggi Zuhause".

In einigen Fällen sei die gegenderte Form außerdem grammatikalisch falsch. Deutlich werde das zum Beispiel an der männlichen Form "Franzose", die gegendert und in der Mehrzahl zu "Französ*innen" wird - das o wird also zum Umlaut, was in der rein männlichen Plural-Form nicht der Fall wäre. Rauths Kritik: "Dann fragen sich Männer, warum sie zugunsten der weiblichen Form nicht mehr drinstehen. Männer sollten ihre korrekte Bezeichnung nicht einbüßen müssen, nur weil jahrhundertelang das generische Maskulinum als neutrale Form verwendet wurde", findet er.

Unklar sei aus seiner Sicht auch, wie zusammengesetzte Wörter gegendert werden sollten, etwa "Schüler*innensprecher*innen" oder Wörter wie "Nachbar*innenschaft". "Und wie sieht es mit Adjektiven wie "bürgerlich", "malerisch", "künstlerisch" oder "demokratisch" aus? Da stecken überall Maskulina drin", fügt er hinzu. Auch unklare Beispiele bei Verben gebe es: "verarzten", "anfreunden", "bewirten".

Welche Gender-Form am wahrscheinlichsten?

In anderen Sprachen sei das Ganze einfacher. Im Englischen zum Beispiel gibt es nur den einen Artikel "the" ohne Geschlechtszuschreibung. Im Deutschen komme man aber um das grammatische Geschlecht nicht herum, es sei eine Genus-Sprache. In bestimmten Dialekten in Deutschland zeige sich zwar schon eine ähnliche Entwicklung wie im Englischen, zum Beispiel, dass im norddeutschen Dialekt alle Artikel "de" lauten. Im Standarddeutschen seien aber die unterschiedlichen Genusformen etabliert. "In 1000 Jahren könnte das vielleicht anders aussehen", so der Sprachwissenschaftler.

Durchsetzen werden sich laut Rauth bis dahin wahrscheinlich geschlechtsunspezifische Formen wie "die Lehrkräfte" oder Partizipialformen wie "Lehrende" oder "Studierende", "weil es für diese Begriffe keine männlich-weiblich-Pendants gibt".

Langwieriger Prozess

Im Kern steht die Frage, wer mit welcher Geschlechtsform gemeint ist. Sind Frauen und andere nicht männlich gelesene Personen nun Teil einer Gruppe von Teilnehmern?

Doch von heute auf morgen wird es wohl keine Antwort auf solche Fragen geben. Die Debatte sei noch im Gange, "weil auch die Wissenschaft noch debattiert", sagt der Saarbrücker Sprachwissenschaftler Philipp Rauth. Und die Debatte zugunsten eines der beiden Lager zu beenden, dafür sei es "noch viel zu früh".

Verbindliche Regeln notwendig

Wie er oder andere im persönlichen Sprachgebrauch gendern, sei letztlich nicht der Kernpunkt. Eher ginge es um die Frage, was als richtig oder falsch gelte, wie man das zum Beispiel der künftigen Generation Grundschülerinnen und Grundschülern beibringe und wie man deren Klassenarbeiten bewerte. "Ich glaube, das ist zu kompliziert und noch lange nicht zu Ende gedacht. Man müsste sich hinsetzen und verbindliche Grammatik-Regeln zum Gendern ausarbeiten."

Noch ist völlig offen, ob es eine offizielle Reform auch im Gendern geben wird. Aber auch eine Rechtschreibreform hat sich schon einmal durchgesetzt, ausgeschlossen ist Wandel also nicht.


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"Menschenrechte über aktueller Rechtschreibung"
Das viel diskutierte Thema Gendern beschäftigt auch die Frauenbeauftragten im Saarland. Zu einer gemeinsamen endgültigen Position zu kommen, scheint kompliziert. Einige von ihnen äußern sich aber klar für das Gendern. Ihrer Ansicht nach schafft Sprache mehr Gleichstellung der Geschlechter.


Gendern in Studien und Öffentlichkeit

Verschiedene Studien kommen zu dem Schluss, dass bei Sätzen, die mit dem generischen Maskulinum formuliert sind, die meisten Personen an Männer denken. So zeigt sich etwa bei der Frage nach berühmten Musikern, dass Versuchspersonen signifikant mehr Männer als Frauen nennen. Wird dieselbe Frage mit "Musikerinnen und Musikern" formuliert, fällt das Ergebnis anders aus. Eine ähnliche Studie gibt es zu der Frage nach Kandidaten oder Kandidatinnen für das Amt des Bundeskanzlers oder der Bundeskanzlerin.

Die Untersuchungen kommen meist zu dem Fazit, dass das generische Maskulinum vor allem männliche Bilder im Kopf erzeugt. Da dies aber nicht die Diversität der Realität abbildet, lautet die Kritik, dass die Sprache geschlechtergerechter werden muss. Werden verschiedene Geschlechter genannt, erzeugt das laut einer Studie bereits mehr Sichtbarkeit von Frauen. Diese Sichtbarkeit kann laut einer weiteren Studie große Auswirkungen haben: zum Beispiel, dass sich mehr Frauen auf einen Job bewerben, wenn die Stellenausschreibung nicht im generischen Maskulinum formuliert ist.

Einschränkend halten die Studienergebnisse fest, dass dabei der kausale Zusammenhang nicht immer klar ist, es handelt sich vorerst um Korrelationen, also um Zusammenhänge, die aber nicht ursächlich sein müssen.

Klar ist, dass sich Sprache wandelt - so wie sich auch die Gesellschaft wandelt. Allein im Zusammenhang mit der Coronapandemie sind zahlreiche neue Begriffe in den Duden aufgenommen worden. 2021 hat das Rechtschreibwörterbuch außerdem begonnen, bei den Berufsbezeichnungen zu gendern.

Auch der Rat für deutsche Rechtschreibregeln hat sich im vergangenen Jahr zu dem Thema geäußert. Er ist der Auffassung, dass "allen Menschen mit geschlechtergerechter Sprache begegnet werden soll". Das sei allerdings eine gesellschaftliche Aufgabe, "die nicht allein mit orthografischen Regeln und Änderungen der Rechtschreibung gelöst werden kann". Daher habe der Rat bislang nicht empfohlen, das Gender-Sternchen, den Unterstrich oder andere Gender-Zeichen in das Amtliche Regelwerk der deutschen Rechtschreibung aufzunehmen. Denn Texte müssten auch für Personen, die nicht gut lesen können oder Deutsch als Zweit- oder Fremdsprache lernen, gut verständlich bleiben.

Diskussionsthema ist das Gendern auch auf politischer Ebene im Saarland: 2021 hat der Landtag einen Antrag der AfD-Fraktion abgewiesen, der einen Verzicht auf gendergerechte Sprache forderte. CDU, SPD und Linke positionierten sich damals dagegen.

Das Landesgleichstellungsgesetz für das Saarland hält fest, dass in verschiedenen Bereichen wie beim Erlass von Rechtsvorschriften, in amtlichen Schreiben oder auch in Stellenausschreibungen geschlechtsneutrale Bezeichnungen gewählt werden müssen. Das soll dem Grundsatz der Gleichberechtigung von Frauen und Männern dienen.

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