Ein vierblättriges Kleeblatt als Glücksbringer (Foto: picture alliance / dpa | Martin Gerten)

"Nur glücklich sein wäre unnatürlich"

Jan Henrich   20.03.2021 | 08:44 Uhr

Zum Weltglückstag haben Forscher eine neue Rangliste veröffentlicht, wo auf der Welt die Menschen am glücklichsten sind. Doch wie lässt sich Glück überhaupt messen? Und wie hat sich das Wohlbefinden im Saarland während der Pandemie verändert?

Inmitten der Generalversammlung der Vereinten Nationen, dort wo normalerweise über Terrorismus, Ressourcen oder Klima gestritten wird, stand im Sommer 2011 ein eher ungewöhnlicher Vorschlag auf der Tagesordnung: Glück als neuer Maßstab für politische Entwicklungen.

Glück ein grundlegendes menschliches Ziel

Bhutan, das kleine Königreich am östlichen Rand des Himalayas, hatte die entsprechende Resolution eingebracht. Nicht mehr bloß Faktoren wie das Bruttoinlandsprodukt oder Konsumzahlen sollten als Gradmesser für den Fortschritt der Welt erfasst werden. Die Mitgliedstaaten der UN sollten sich auch auf andere Merkmale konzentrieren. Beispielsweise auf die Frage, wie gut ein Staat Armut bekämpft, oder wie nachhaltig Wirtschaftswachstum gestaltet ist. Und eben auch auf die Frage, wie glücklich die Menschen sind.

Glück wird in dem Papier festgelegt als grundlegendes menschliches Ziel. Die Resolution wurde angenommen. Verbindlich ist sie allerdings nicht. Ein Jahr später beschloss die Generalversammlung, den 20. März zum Internationalen Tag des Glücks zu erklären.

Finnland 2021 auf dem ersten Platz

Seitdem wird jährlich auch der Welt-Glücks-Bericht herausgegeben, inklusive Ranking. Im nun veröffentlichten Bericht für das Jahr 2021 belegt Finnland erneut den ersten Platz, vor Dänemark und der Schweiz. Deutschland erreicht Platz 13.

Insgesamt habe sich die Rangliste im Corona-Jahr wenig verändert. Es gebe überraschenderweise im Durchschnitt keine Verschlechterung des Wohlbefindens. Gleichzeitig ist allerdings laut den Forschern die Zahl der gemeldeten psychischen Probleme deutlich gestiegen.

Für das Ranking spielen viele Faktoren eine Rolle. Beispielsweise Wohlstand, gesunde Lebenserwartung und freie Persönlichkeitsentfaltung. Wie stark Menschen allerdings tatsächlich subjektiv Glück empfinden wird nicht erfasst. Einfach greifen lässt sich das Glück anscheinend nicht.

Glück durch Training?

Eine, die es versucht ist Robin-Jessica Sanzo. Die aktuelle Miss Saarland bietet Glücksseminare an, als Online-Kurse oder in Saarbrücken vor Ort. Sie ist der Überzeugung, dass man Techniken antrainieren kann, um glücklicher durchs Leben zu gehen. „Glück beginnt mit einer bewussten Wahrnehmung“, sagt sie über ihren Ansatz. Man müsse lernen Dinge zu schätzen, hierbei wolle sie Menschen helfen.

Sanzo ist Ernährungsberaterin, hat Prävention und Gesundheitsmanagement im Master studiert. Vor zwei Jahren hatte sie mit einem Blog zu dem Thema Glück angefangen, später kamen die Kurse und auch ein Podcast dazu. Die Saarbrückerin rät, mehr auf sich selbst zu achten. Man solle sein Glück gerade nicht in äußeren Faktoren suchen.

Glücksempfinden in den letzten 40 Jahren gestiegen

Doch ganz ohne äußere Faktoren geht es dann doch nicht. Die UN hat zusammen mit Wissenschaftlern aus der ganzen Welt sogenannte Glücks-Grundbedingungen aufgestellt: Ein Platz zum Kochen, mindestens sechs Quadratmeter Wohnraum, 2500 Kalorien pro Tag und eine Schulausbildung.

Auch die Gene können eine Rolle spielen. Laut mehrerer Studien könnte das Gen SLC6A4 Einfluss darauf nehmen, wie empfänglich Menschen für eine positive Grundeinstellung sind. Dazu kommen laut Glücksforscher weitere Einflüsse, wie Freundschaften, Gesundheit, finanzielle Stabilität, Arbeitszeiten. Unzählige Studien beschäftigen sich mit dem Thema.

In der „World Database of Happiness“ werden sie gesammelt. Die dahinter stehende Organisation hat mittlerweile über 15.000 Publikationen zusammengefasst. Sie kommt zum Ergebnis, dass sich das Glücksempfinden in den letzten 40 Jahren insgesamt verstärkt hat. Menschen seien in der heutigen Zeit tendenziell eher glücklich als unglücklich, global gesehen.

Im Saarland deutlich mehr Therapiebedarf

Susanne Münnich-Hessel verfolgt in ihrem Alltag die aktuelle Entwicklung im Saarland. Sie ist Psychologin und Psychotherapeutin mit Praxis in Kleinblittersdorf. Sie sagt, der Therapiebedarf habe in den letzten Monaten deutlich zugenommen. Bei der Terminservicestelle der Kassenärztlichen Vereinigung Saarland seien ein Drittel mehr Anfragen eingegangen. Vielen Menschen fehle das Gefühl der Stabilität. Im ersten Lockdown hätten die Menschen noch besser mit der Situation umgehen können, doch gerade wenn sich ein Unglück wiederholt, entstehe oft ein Kreislauf der Hilflosigkeit. 

Zu sehen sei dies auch bei Kindern und Jugendlichen. „Man merkt hier soziale Unterschiede deutlich“, sagt Münnich-Hessel. Je nachdem wie das Umfeld ausgestaltet sei, könne die Pandemie zu Defiziten bei Kindern und Jugendlichen führen.

Nur glücklich sein wäre unnatürlich

Auch soziale Medien könnten allgemein Probleme mit sich bringen. Influencer würden vorleben, wie das Leben sein sollte. Dabei könne vor allem bei jungen Menschen ein enormer Druck aufgebaut werden, immer glücklich aufzutreten. Allerdings sei es wichtig zu lernen, mit verschiedenen Gefühlen umzugehen, betont Münnich-Hessel: „Nur glücklich sein wäre unnatürlich und kann nicht funktionieren.“

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