Der Kurort in Weiskirchen aus der Vogelperspektive (Foto: SR)

Weiskirchen: Vom Niedergang eines Kurortes

Tobias Seeger / Onlinefassung: Sandra Schick   06.06.2022 | 19:37 Uhr

Weiskirchen im Nordsaarland war früher ein Aushängeschild des Landes im Gesundheitstourismus. Ein heilklimatischer Kurort mit dem Prädikat „Premium Class“. Heute ist der einstige Premium-Kurort finanziell ein Sanierungsfall.

In den 60er Jahren wurde Weiskirchen zum Luftkurort erklärt. Die Hochwald-Kliniken siedelten sich an und mit ihnen kamen die Kurgäste. Der kleine Ort erlebte einen richtigen Boom, nach dem Motto: Morgens Fango, abends Tango.

Damals war richtig was los im Ort, erinnert sich der langjährige Kurdirektor Kurt Meyer: "Wir hatten vier Lokale, in denen abends Tanzmusik gemacht wurde. Die Ferienwohnungen waren voll von Familienmitgliedern der Gäste. Das waren wirklich tolle Zeiten."

Gesundheitsreformen und Sparmaßnahmen

Doch dann kamen die Gesundheitsreformen der 80er und 90er Jahre. Die Krankenkassen mussten sparen, bezahlten deutlich weniger Kuren als vorher. Die Hochwald-Kliniken mussten sich neu aufstellen und spezialisierten sich auf Reha-Patienten. Anders als Kurgäste gingen die aber kaum noch in den Ort.

"Das war auch ein relativer Niedergang", so Kurt Meyer. Der Betrieb in den Lokalen sei immer weniger geworden. Auch die Übernachtungszahlen gingen trotz der Ansiedlung des Parkhotels in den letzten 20 Jahren um 30 bis 40 Prozent zurück.

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Heute: schön aber pleite

Das hatte auch Auswirkungen auf die Einnahmen der Gemeinde. Schön aber pleite - So lässt sich die aktuelle Lage der Gemeinde Weiskirchen zusammenfassen. Der Haushalt für dieses Jahr wurde von der Kommunalaufsicht wegen zu hoher Ausgaben nicht genehmigt.

Bürgermeister Wolfgang Hübschen versucht nun alles, um irgendwie Geld herbei zu schaffen. "Wir haben vor allem die Realsteuern extrem angehoben, Grundsteuer A, Grundsteuer B und die Gewerbesteuer. Aber es reicht immer noch nicht, damit wir diese Defizitobergrenze erreichen. Es fehlen immer noch 200.000 Euro und die bekommen wir nicht ohne externe Hilfe runter."

Problem: Zu wenige Einwohner

Ein weiteres Problem ist die geringe Einwohnerzahl: Bei der Gebiets- und Verwaltungsreform in den 70ern hat Weiskirchen rund die Hälfte seiner Einwohner verloren. Orte wie Steinberg und Nunkirchen waren Nachbargemeinden zugeteilt worden.

Bürgermeister Hübschen: "Warum das so war, kann ich Ihnen leider im Nachhinein nicht mehr sagen. Man hat wahrscheinlich gedacht: Weiskirchen soll sich auf den Fremdenverkehr, Tourismus konzentrieren, und die brauchen keine so große Kommune." Mit nur rund 6500 Einwohnern ist das Steueraufkommen gering.

Die Ausgaben als Kurort sind aber nach wie vor hoch. Anlagen wie Kurpark, Bäder oder der Wild- und Wanderpark kosten die Gemeinde richtig viel Geld. Der Bürgermeister zählt auf: "Wir haben ein Bäderzentrum mit momentan rund 500.000 Euro Defizit im Jahr. Wir haben einen Wild- und Wanderpark mit rund 180.000 bis 200.000 Defizit im Jahr. Das können wir uns so nicht mehr leisten."

Land will Kurorte nicht mehr unterstützen

Und es kann noch schlimmer kommen. Bisher hat das Land die drei saarländischen Kurorte über den so genannten "Kurorte-Ansatz" finanziell unterstützt. Allein bei Weiskirchen waren das jährlich rund 700.000 Euro. Doch nun denkt das Innenministerium darüber nach, diese Förderung zu streichen.

Der Innenminister des Saarlandes, Reinhold Jost (SPD), hält den Kurorte-Ausgleich nach eigener Aussage für "nicht zielführend und auch nicht begründbar." Die neue Landesregierung wolle die Streichung des Kurorte-Ansatzes mit der geplanten Reform des kommunalen Finanzausgleiches aber auffangen. Nach früheren Berechnungen hätte die Gemeinde dann ein Plus von 230.000 Euro gehabt, so Jost.

Touristik fordert mehr Geld

Doch auch das wäre nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Um sich fit für die Zukunft zu machen, bräuchte Weiskirchen deutlich mehr Geld. Für die Hochwald-Touristik investiert die saarländische Politik einfach zu wenig in ihre Kurorte.

Michael Trouvain von der Hochwald-Touristik Weiskirchen hofft auf mehr Geld: "In anderen Bundesländern ist es durchaus so, dass dort die Politik die Kurorte sehr stark unterstützt." Im Saarland fehle das leider.

Über dieses Thema hat auch Wir im Saarland - Das Magazin am 02.06.2022 berichtet.

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