Eine Frau mit Mundschutzmaske steht nachdenklich vor dem Weihnachtsbaum. (Foto: Imago Images/Mis)

Was gegen Einsamkeit zu Weihnachten hilft

Melina Miller   06.12.2020 | 08:57 Uhr

Im Jahr 2020 ist vieles besonders – auch die Vorweihnachtszeit und das Fest selbst werden von der Corona-Pandemie beeinflusst: Weihnachtsfeiern fallen aus, Märkte finden nicht statt, Partys sind abgesagt und die Kontakte eingeschränkt. Welche Auswirkungen das auf die menschliche Psyche hat und was helfen kann, erzählen zwei saarländische Psychotherapeutinnen.

Die Verlängerung der Corona-Maßnahmen auf den Dezember und die damit verbundenen Einschränkungen des öffentlichen Lebens treffen viele Saarländer mitten in der eigentlich besinnlichen Adventszeit. Vor allem Menschen, die alleine leben, sehen die Vorweihnachtszeit oft als Zeit der Gemeinschaft und der Veranstaltungen, sagt Susanne Münnich-Hessel, Vizepräsidentin der Psychotherapeutenkammer des Saarlandes.

Tipps gegen Einsamkeit an Weihnachten
Video [SR Fernsehen, (c) SR, 23.12.2020, Länge: 01:28 Min.]
Tipps gegen Einsamkeit an Weihnachten

Wenn diese Einladungen und gemeinsamen Erlebnisse allesamt ausfallen, könne das zu mehr Einsamkeit führen. Das zeigt sich auch in der verstärkten Nachfrage nach psychologischen Hilfsangeboten in Münnich-Hessels Praxis in Saarbrücken. "Das Aufkommen ist sowieso schon hoch, aber jetzt in der Vorweihnachtszeit leiden die Menschen noch mehr", erklärt die Psychologin. Weihnachtliche Stimmung komme selten richtig auf.

Soziale Kontakte enorm wichtig

Was kann man tun, damit das Gefühl von Einsamkeit nicht überhand nimmt?
Audio [SR 3, Melina Miller, 14.12.2020, Länge: 02:45 Min.]
Was kann man tun, damit das Gefühl von Einsamkeit nicht überhand nimmt?

Auch Martina Heinze, Psychotherapeutin in der Landeshauptstadt, spricht von einem erhöhten Aufkommen an Hilfegesuchen in ihrer Praxis. Aufgrund der langen Wartezeiten sei es immer schwierig, akut einzugreifen.

Wer sich alleine fühlt, soll sich Hilfe suchen und diese auch annehmen, betont Münnich-Hessel. Das könne auch im Bekanntenkreis sein: "Es ist wichtig, soziale Kontakte so weit wie möglich zu nutzen." Die vielen digitalen Angebote könnten dabei helfen, sich weniger allein zu fühlen. Dazu zählen beispielsweise Sportangebote von Vereinen, wie etwa die "digitale Übungsstunde" des Saarländischen Turnerbunds. Aber auch Online-Spieleabende mit Freunden sind mittlerweile auf verschiedenen Plattformen möglich.

Tipps der Expertinnen:

  • keine Scheu, Bekannte oder Freunde anzurufen
  • Für Alleinstehende: sich im Rahmen der erlaubten Kontakte an Weihnachten mit Freunden verabreden
  • kreativ werden: Päckchen packen und Karten schicken statt persönlicher Bescherung
  • digitale Angebote wie Sportkurse, Plattformen für Gruppengespräche, etc. nutzen
  • Bewegung an der frischen Luft
  • virtuelle Verabredungen
  • für die kleinen Dinge dankbar sein

Streit unter dem Weihnachtsbaum

Und auch für Familien und Paare kann die Corona-Situation an Weihnachten zusätzlichen Stress bedeuten. "Die müssen jetzt zum Beispiel überlegen, wen sie einladen, wen sie treffen können und wie sie das Fest organisieren", erklärt Münnich-Hessel. Aufgrund mangelnder Ablenkungsmöglichkeiten kann auch das ständige Zusammensein in dieser Zeit zum Problem werden. Psychotherapeutin Heinze ergänzt: "Das ist eine Art Stresstest für Familien, wie es beispielsweise auch das Homeoffice bei vielen Menschen war. Man ist das Zusammensein so nicht gewohnt und muss erst neue Abläufe finden."

"Corona sorgt für Spaltung"

Hinzu komme, dass das Coronavirus selbst zum Streitthema innerhalb der Familie werden könne. "Corona ist ja nicht nur in der Gesellschaft ein umstrittenes Thema, sondern auch zuhause. Wenn am Weihnachtstisch verschiedene Ansichten aufeinanderprallen, kann das natürlich zu Konflikten führen", sagt Heinze. Das könne schon damit anfangen, wie oft gelüftet werden solle.

Ihr Tipp: bereits vor einem möglichen Aufeinandertreffen Vereinbarungen zu treffen – zum Beispiel darüber, ob bestimmte Themen lieber ganz ausgeklammert werden. Und auch mit der Auswahl der begrenzten Kontakte ließen sich vorprogrammierte Diskussionen in diesem Jahr möglicherweise umgehen. Wenn es doch zum Streit kommt, ist Einfühlungsvermögen gefragt. Münnich-Hessel rät: "Es hilft meist, sich in den anderen reinzufühlen und von reinen Vorwürfen abzusehen."

Auch positive Seiten

Insgesamt könne die entschleunigte Weihnachtszeit in diesem Corona-Jahr aber auch positive Folgen haben, meint Therapeutin Heinze. Zum Beispiel müssten sich Paare möglicherweise nicht entscheiden, wann welche Familie besucht oder welches Dinner für die zahlreichen Gäste gekocht werde: "Weniger Perfektionsdruck kann durchaus positiv sein."

Außerdem könne die Corona-Pandemie eine Chance sein, dankbarer für die kleinen Dinge zu sein, die man habe und machen dürfe, so die Therapeutin. "Wir sehen, auch mit Blick auf unsere Nachbarländer, dass das, was wir haben, nicht selbstverständlich ist." Eine weitere Lehre der Pandemie könne sein, die gemeinsame Zeit mehr schätzen zu lernen.


Bei Sorgen oder Einsamkeit können Sie sich an die Telefonseelsorge wenden. Diese ist per Telefon durchgehend unter der  0800 / 111 0 111,  0800 / 111 0 222 oder 116 123 oder per Mail und Chat erreichbar.

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