Ein Rentner zählt sein Kleingeld am Eingang zu einem Einkaufsmarkt. (Foto: Imago Images/Future Image)

Sozialberater im Saarland rechnen mit mehr hilfsbedürftigen Menschen

Sarah Sassou   07.08.2022 | 16:14 Uhr

Viele Menschen fürchten sich schon jetzt vor den Heizkosten in Herbst und Winter. Wer kein Finanzpolster hat und auch keine Möglichkeiten, sich noch etwas dazu zu verdienen, der wird den Gürtel noch enger schnallen müssen. Dazu gehören auch Rentner.

Hinter der Kirche in der St. Ingberter Fußgängerzone steht ein weißer Altbau, hier bietet die Caritas verschiedene Dienstleistungen an. Über eine Treppe geht es nach oben, unter dem Dach liegt das Büro von Carmen Gasper. Sie ist Sozialarbeiterin und berät Menschen, welche staatlichen Hilfen sie in ihrer persönlichen Situation in Anspruch nehmen können und füllt mit ihnen Formulare aus.

Heute sitzt Frau M. vor ihr, eine kleine, schmale Frau mit feinen graublonden Haaren und kleinen Fältchen um die Augen, wenn sie leise lacht. Auch wenn sie im Moment mehr Anlass zu Sorge als Freude hat. Frau M., sie will ihren vollen Namen lieber nicht öffentlich nennen, hat eine Mieterhöhung für ihre kleine Single-Wohnung bekommen. „50 Euro muss ich ab sofort jeden Monat mehr bezahlen“, klagt sie. Insgesamt zahlt sie dann 450 Euro für ihre kleine Wohnung.

Steigende Preise lassen Nachfrage der Sozialberatung steigen
Audio [SR 3, (c) SR 3 / Sarah Sassou, 06.08.2022, Länge: 03:00 Min.]
Steigende Preise lassen Nachfrage der Sozialberatung steigen

Frau M. bekommt zwar Wohngeld. „Aber das wird anteilig berechnet“, erklärt Sozialberaterin Carmen Gasper. „Bei der Rente von 950 Euro sind das 87 Euro Wohngeld, die sie bekommt.“ Den Rest muss die Rentnerin selbst drauf legen.

"Kaufe nur das Billigste vom Billigen"

Doch da sind noch Nachzahlungen, denn schon im vergangenen Jahr sind die Energiekosten teurer geworden. „Mein Vermieter will für das vergangene Jahr noch 630 Euro von mir. Wie ich das bezahle? Ich kaufe im Supermarkt nur das Billigste vom Billigen.“

Obst und Gemüse sind da selten drin. Dabei sollte die 71-Jährige wegen einer früheren Krebserkrankung auf gesunde Ernährung achten. „Ich kaufe das, was satt macht und auch Leitungswasser füllt den Magen.“

Carmen Gasper kann nicht viel mehr für Frau M. tun. Mehr staatliche Leistungen gibt es für sie nicht. Ihre Rente ist ein bisschen zu hoch und ihr Behindertengrad aufgrund der Krebserkrankung ein bisschen zu niedrig.

„Wir tun unser Möglichstes und versuchen, zu helfen“, sagt Carmen Gasper. „Wir halten uns auf dem neuesten Stand, was neue gesetzliche Regelungen und staatliche Hilfen angeht. Denn unsere Ratsuchenden haben oft kein Geld für Tageszeitungen, für Fernsehen oder Internet, um sich auf dem Laufenden zu halten.“

Carmen Gasper von der Allgemeinen Sozialberatung im Caritas-Zentrum Saarpfalz. (Foto: Sarah Sassou)
Carmen Gasper von der Allgemeinen Sozialberatung im Caritas-Zentrum Saarpfalz.

Ältere besonders betroffen

Die Sozialarbeiterin ist schon seit mehr als 20 Jahren in der Sozialberatung. In den vergangenen Monaten hat sie festgestellt, dass sehr viele alte Menschen zu ihr kommen, weil ihr Geld nicht zum Leben reicht. „Das hier ist echt, das ist nicht geschönt. Gleich kommt ein Rentner, der aufstocken muss. Das haben wir immer häufiger hier.“

Matthias Schappert leitet die Angebote der katholischen Organisation Caritas im Saarpfalz-Kreis. Er geht davon aus, dass in den kommenden Monaten immer mehr Menschen die allgemeine Sozialberatung in Anspruch nehmen, auch weil sie kostenlos ist. „Wir sind sehr gespannt, wo es hingeht und beobachten alles mit großer Sorge, gerade was die Heizkosten angeht.“

Damit meint Schappert vor allem die Menschen, für die der Staat die Heizkosten zwar nicht übernimmt, die aber trotzdem nicht viel Geld haben. Ob das Bürgergeld, das die Ampelregierung für den 1. Januar 2023 angekündigt hat, helfen kann, ist noch fraglich. Denn wie genau es ausgestaltet sein wird, ist noch nicht entschieden.

Mehr Personal nötig

Auf jeden Fall wäre in der allgemeinen Sozialberatung mehr Personal notwendig, aber nicht finanzierbar. „Die Kommunen geben Zuschüsse, aber die decken bei weitem nicht die Kosten“, erklärt Schappert. Man sie auf die kirchlichen Mittel angewiesen. „Doch die gehen auch immer mehr zurück, weil wir so viele Kirchenaustritte haben.“ Fördermittel von Land, Bund und der EU gebe es gerade vor allem für die Sozialberatung für Migranten aus beispielsweise der Ukraine.

Auch in der städtischen Sozialberatung des Stadtteilbüros in Alt-Saarbrücken kommen allmählich mehr Anfragen auch von Deutschen, hat die Beraterin Conny Amborst-Winterhagen festgestellt. „Wenn die Menschen jetzt ihre Nachzahlungen aus dem vergangenen Jahr bekommen, rechnen auch wir mit mehr Beratungsbedarf.“ Sie geht davon aus, dass das ab dem Herbst passieren wird.

Heizungswärme als Luxus

In der Sozialberatung in St. Ingbert hat Frau M. für die kommende Heizperiode schon einen Entschluss gefasst, wie sie Kosten sparen kann. „Ich stelle auf keinen Fall die Heizung an. Es gibt Wolldecken und Wärmflaschen!“ Heizungswärme im Winter als Luxus – für viele arme Menschen wird das möglicherweise schon bald Realität.

Frau M. lässt trotzdem den Kopf nicht hängen. „Man muss das Leben nehmen wie es kommt, hat meine Mutter immer gesagt“, erzählt sie und lächelt Carmen Gasper an. „Mit Ihrer Hilfe.“

Über dieses Thema hat auch SR 3 Saarlandwelle am 06.08.2022 berichtet.

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