Demonstrantinnen auf der Frauentagsdemo am 8. März 2021 vor dem Brandenburger Tor (Foto: IMAGO/Bildgehege)

Warum wir den Weltfrauentag brauchen

Tabea Prünte   08.03.2022 | 07:03 Uhr

Zum 111. Mal macht der Weltfrauentag auch in diesem Jahr auf die Ungleichberechtigung zwischen den Geschlechtern aufmerksam. Ist das in einer modernen Gesellschaft tatsächlich noch notwendig? Ja, betonen verschiedene Expertinnen und nennen zahlreiche Gründe - besonders im Saarland.

In Artikel drei des Grundgesetzes steht es geschrieben: Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung oder aus anderen Gründen benachteiligt oder bevorzugt werden. Der Staat hat sich also dazu verpflichtet, allgemeine Gleichberechtigung durchzusetzen.

Video [aktueller bericht, 07.03.2022, Länge: 2:50 Min.]
Equal-Pay-Day-Aktion in Neunkirchen

Doch so schön das klingt: "Wir haben es leider noch nicht geschafft", lautet das bittere Fazit von Heike Neurohr-Kleer, der kommunalen Frauenbeauftragten des Landkreises Neunkirchen.

Gründe für den Weltfrauentag

Zum 111. Mal jährt sich in diesem Jahr am 8. März der Internationale Frauentag. Mehr als ein Jahrhundert lang soll er schon die Aufmerksamkeit auf die Gleichberechtigung der Geschlechter lenken. Braucht es nach so langer Zeit tatsächlich noch immer einen extra Tag dafür? Neurohr-Kleers Antwort fällt sehr deutlich aus: Für einen solchen Gedenktag gebe es noch viele Gründe.

Heike Neurohr-Kleer, Kommunale Frauenbeauftragte des Landkreises Neunkirchen (Foto: Privat)
Heike Neurohr-Kleer, Kommunale Frauenbeauftragte des Landkreises Neunkirchen

Sie listet auf: Noch immer gibt es den Gender-Pay-Gap, den Gender-Care-Gap, den Gender-Pension-Gap.

Anders gesagt: Frauen verdienen im Durchschnitt immer noch weniger als Männer - im Jahr 2021 lag der Unterschied im Saarland laut Statistischem Landesamt bei rund 20 Prozent. Frauen verdienten demnach im Schnitt 17,58 Euro brutto, Männer 21,87 Euro.

Zudem übernehmen Frauen durchschnittlich mehr Tätigkeiten im Haushalt oder bei der Pflege von Angehörigen. Und Frauen sind gleichzeitig in vielen gesellschaftlichen Bereichen unterrepräsentiert, sodass ihre Belange weniger thematisiert werden, sie im Durchschnitt zum Beispiel eine schlechtere Altersvorsorge haben. "Und da das ein Kreislauf ist, sind Frauen auch eher von Armut betroffen."

Rollenmuster fest verankert

Wieso dieses Ungleichgewicht in vielen Bereichen noch immer andauert, sei gar nicht so leicht zu beantworten, erklärt Professorin Astrid Fellner vom Forum Geschlechterforschung der Universität des Saarlandes. Die binäre Rollenvorstellung von Frau und Mann habe sich bereits jahrhundertelang etabliert und sei daher fest im gesellschaftlichen Denken verankert. Auf diesen Rollenmustern bauen seitdem zahlreiche gesellschaftliche Strukturen auf, die nach so langer Zeit schwer aufzubrechen seien.

Ein Beispiel: die veraltete Vorstellung der Aufgabenverteilung in der traditionellen Ehe. Der Mann geht arbeiten, während die Frau sich Zuhause um die Kinder kümmert.

Problem der traditionellen Ehe

Auch die Neunkircher Frauenbeauftragte ist der Ansicht, dass sich viele der Ungleichberechtigungen auf diese veraltete Vorstellung stützen. Statt die Sorgearbeit Zuhause gleichberechtigt aufzuteilen, bleibe vieles an den Müttern hängen.

Dahinter stecken häufig finanzielle Gründe. Denn junge, neue Familien entscheiden sich meist so, dass die Person bei den Kindern bleibt, die ein geringeres Einkommen hat. Das seien meistens die Mütter. Lückenhafte Betreuungsstrukturen oder Problematiken beim Thema Elternzeit machten den Frauen den Wiedereinstieg in den Beruf dann schwer.

Strukturen erneuern

Dabei sei der Wille der Väter, die Sorge und Erwerbstätigkeit partnerschaftlich zu teilen, oftmals durchaus gegeben, ist die Erfahrung von Neurohr-Kleer. "Aber sie stoßen an Grenzen", zum Beispiel dann, wenn es den Vätern seitens der Arbeitgeber erschwert wird, Elternzeit in Anspruch zu nehmen.

Das Saarland ist diesbezüglich bundesweit Schlusslicht. Von den Personen, die im Saarland Elterngeld beziehen, macht der Anteil der Väter rund 19 Prozent aus, meldete das Statistische Bundesamt für das Jahr 2020. Beim Spitzenreiter Sachsen lag der Anteil demnach bei 30 Prozent.

Ist die Industriekultur im Saarland schuld?

Dafür gibt es verschiedene mögliche Gründe. Neurohr-Kleer vermutet, dass es zum Beispiel an der saarländischen Industriekultur liegen könnte: "Wir haben eine starke Stahlwerk-, Metall- und Grubengeschichte. Da haben die Männer immer relativ gut verdient und ich glaube, das hat dazu geführt, dass die Frauen im Saarland ein sehr kleines Einkommen haben." Ähnliches könnte für Arbeitgeber wie Ford oder die ZF gelten, mutmaßt sie.

Ein weiteres Problem im Saarland sei der Mangel an Kita- und Betreuungsplätzen. "Da kommen Familien natürlich an ihre Grenzen", so die Einschätzung der Frauenbeauftragten - und nicht selten bliebe die Betreuungsverantwortung dann an der Mutter hängen.

Im Saarland müssten die Kommunen also finanziell gefördert werden, damit mehr Kitas entstehen könnten, lautet ein Lösungsansatz der Frauenbeauftragten.

Die nächsten Schritte

Zudem müsse der Status des Minijobs abgeschafft werden, fordert Neurohr-Kleer. Denn während die Männer einer Familie häufig vollzeit arbeiteten, "hängen die Frauen in einer Teilzeit-, oder noch schlimmer, in einer Minijobgeschichte fest." Das bringe finanziell sowie versicherungstechnisch zahlreiche Nachteile.

Zahlen der Regionaldirektion Rheinland-Pfalz-Saarland der Bundesagentur für Arbeit bestätigen die ungleiche Verteilung. Stand März 2021 waren mehr als 80 Prozent der Teilzeitangestellten im Saarland Frauen. "Wenn das kein Indiz ist", schätzt Gertrud Schmidt von der Arbeitskammer - "natürlich liegt das zuerst an familiären Verpflichtungen bei Frauen." Würden sich Männer und Frauen die Sorgearbeit Zuhause gleich aufteilen, würde sich auch die Verteilung der Erwerbstätigkeit verlagern.

Frauen mit deutlich geringeren Renten

Die derzeitige finanzielle Situation von Frauen laufe nicht zuletzt auf den bereits genannten Gender-Pay-Gap hinaus, sondern spiegele sich deutlich auch in den Rentenbeiträgen wider.

Auch hier sind die Zahlen im Saarland deutlich: Mit Daten der Deutschen Rentenversicherung von 2019 hat die saarländische Arbeitskammer berechnet, dass Frauen im Durchschnitt monatlich 532 Euro bekommen. Das ist weniger als die Hälfte der Rentenbeiträge, die Männern durchschnittlich mit 1245 Euro ausgezahlt wird.

Was sich also in der Arbeitswelt im Saarland ändern müsste, das sei "ein unendliches Thema", so Schmidt. Man müsse den Hebel an privaten, betrieblichen sowie gesellschaftlichen Bereichen ansetzen.

Abgeschafft werden müsse auch das Ehegattensplitting, das die Person, die innerhalb einer Ehe weniger verdient, ebenfalls benachteiligt. Beim Ehegattensplitting wird das gemeinsame zu versteuernde Einkommen der Ehepartnerinnen und -partner durch zwei geteilt. Auf Grundlage des abgerundeten halbierten Betrages wird der Steuerbetrag berechnet und anschließend verdoppelt.

Die richtige Richtung

Damit Frauen weniger Care-Arbeiten übernehmen müssen, müsse weiterhin gegen den Mangel an Fachkräften in Pflege- und Erziehungsberufen im Saarland vorgegangen werden, fordert die Frauenbeauftragte Heike Neurohr-Kleer. Dies betonten auch die frauenpolitischen Sprecherinnen der Saar-Parteien bei einer Diskussionsrunde am vergangenen Donnerstag.

Es gebe aber durchaus auch Bereiche, in denen es schon bergauf ginge. "Ich glaube, dass es im medizinischen Bereich angekommen ist, dass Frauenkörper anders reagieren als Männerkörper und dass es nicht richtig ist, Medikamente nur an Männerkörpern zu testen", so Neurohr-Kleer.

Auch beim Gewaltschutz von Frauen habe sich durch die Istanbul-Konvention schon einiges verbessert. Sie verpflichtet Länder dazu, gegen alle Formen von Gewalt gegen Frauen vorzugehen.

111. Weltfrauentag und Intersektionalität

111 Jahre, nachdem 1911 der erste Weltfrauentag stattgefunden hat, seien trotz alledem traditionelle Rollenbilder noch immer in der Gesellschaft verankert. Es brauche einige Generationen, damit sich das ändert. "Ich sehe schon Veränderungen, die einfach in kleinen Schritten gehen", so Neurohr-Kleer. "Und solange sie in kleinen Schritten in die richtige Richtung gehen, ist es für mich auch nicht frustrierend, sondern in Ordnung."

Auch die stetige Forderung, politische Gremien paritätisch zu besetzen, sei wichtig. "Ich denke schon, dass die Hälfte der Macht den Frauen zustehen sollte. Und ich denke, da ist noch Luft nach oben." Bei einer paritätischen Besetzung müsse man sich aber noch weiter öffnen "und zwar nicht nur nach Geschlecht, sondern ich finde es auch wichtig, dass man auf andere Differenzierungsmerkmale schaut. Krankheit, Herkunft, Religion - weil ja jeder Mensch einen anderen Blick hat."

Warum ein Weltfrauentag?

Die Probleme intersektional angehen zu müssen, betont auch Professorin Astrid Fellner. Dabei müsse zugleich die Frage aufgeworfen werden, wer überhaupt in die Kategorie Frau falle. Viele Bereiche müssten sich außerdem weiterhin für eine non-binäre Vorstellung der Geschlechter öffnen.

Stereotype im Denken könne man ändern, sagt sie. Das müsse aber sehr klar mit den Änderungen der Strukturen einhergehen. Ein wiederkehrender Weltfrauentag könnte genau dafür das Bewusstsein stärken.

Über dieses Thema hat auch die SR 3-Sendung "Guten Morgen" am 08.03.2022 berichtet.

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