Eine Mordwaffe liegt auf dem Boden. (Foto: Pixabay/Free-Photos)

Steckt der Mörder in uns?

Das Interview führte Leonie Rottmann   11.08.2019 | 09:39 Uhr

Nachrichten über einen Mord erschüttern uns immer wieder. Für die meisten ist es unvorstellbar, einen anderen Menschen umzubringen. Und trotzdem passiert es immer wieder. Gabriella Cornelius, Kriminologin und Psychologin aus Saarbrücken, erklärt, warum Menschen zum Mörder werden und ob Töten menschlich ist.


SR.de: Frau Cornelius, wer ist ein Mörder?

Gabriella Cornelius: Ein Mörder ist jemand, der einen Menschen aus einem besonders verwerflichen Beweggrund, auf besonders verwerfliche Art und Weise oder zu einem besonders verwerflichen Zweck tötet – das sind sogenannte Mordmerkmale. Liegt kein Mordmerkmal vor, handelt es sich um einen Totschlag. Ob ein Täter ein Mörder oder ein Totschläger ist, wird von einem Gericht bewertet. Dennoch sollte man eins nicht vergessen: Am Ende ist ein Mensch tot.

SR.de: Der Mensch ist ein Säugetier – töten sich andere Säugetiere gegenseitig?

Cornelius: Auch andere Säugetiere töten ihre Artgenossen, die Menschen übertreffen aber die Tötungshandlungen aller anderer Lebewesen. Ein neues Alpha-Tier tötet gerne die Jungtiere, die es nicht selbst gezeugt hat. Bei Schimpansen wurde zum Beispiel beobachtet, wie junge Schimpansen getötet und teilweise gefressen wurden. Bei fast allen wehrhaften Tieren konnten Tötungen innerhalb ihrer Art als Folge von Revier- und Rangordnungskämpfen und bei Futterknappheit beobachtet werden.

SR.de: Was sind mögliche Beweggründe, die einen Menschen zum Mörder werden lassen?

Cornelius: Die Beweggründe, einen Menschen zu töten, sind vielfältig: Mögliche Tatmotive sind unter anderem Gewinnabsicht, Rache, Verdeckung einer anderen Straftat oder Erlangung von Sexualität. Die Handlungen entstehen in bestimmten Kontexten, zum Beispiel im sozialen Nahraum, wenn der Partner getötet wird. Außerdem in oder zwischen Gruppen gewaltbereiter junger Männer, die dann Täter und Opfer gleichermaßen sind, oder im Rahmen psychischer Erkrankungen wie paranoide schizophrene Erkrankungen.

Manchmal gibt es aber keine echten Motive, sondern die aktuelle Lebenssituation oder Stimmung des Täters wie bei einem aggressiven Durchbruch ist ausschlaggebend. Manchmal kommt es dann auch bei bis dahin völlig unauffälligen Personen zu einer solchen Tat.

SR.de: Welche Gefühle löst ein Mord beim Täter aus?

Cornelius: Das hängt vor allem vom Tatmotiv ab. In der Regel bereitet Aggression Erregung. Geplante, zielgerichtete Aggression aus Machtmotiven und aus sich selbst heraus kann zudem Genugtuung und Zugewinn an Lust verschaffen. Weitere Gefühle können ein gestärktes Ego bei einer Gewalthandlung zur Stabilisierung des Selbstwerts sein. Auch explosiv-entladende Gefühle bei impulsiven, reaktiven Aggressionen kommen vor.

Manchmal kommt es nach der Tat dann aber zu Gefühlen von tiefer Schuld, Scham, Verzweiflung und Trauer. Als Folge laufen Täter zum Beispiel weg, begehen einen Suizid oder erleiden einen Zusammenbruch. Sehr selten gibt es Fälle, in denen die Täter eine echte Befriedigung aus der Handlung ziehen. Das zugehörige Mordmotiv ist die Mordlust

SR.de: Sind Mörder psychisch krank?

Cornelius: Die psychisch kranken Täter machen etwa ein Prozent der Taten aus. Bei dieser Minderheit liegen Hirnerkrankungen, organisch bedingte Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen – auch Demenz zählt dazu –, schizophrene Erkrankungen oder Vollrausch vor. Andere Täter sind nicht psychisch krank, weisen aber unter Umständen zum Tatzeitpunkt zum Beispiel tiefgreifende Bewusstseinsstörungen auf. Der Rest der Täter ist aus psychologischer Sicht gesund. Der Täter hat dann beispielsweise eine kriminelle Identität entwickelt, ist ungünstig sozialisiert oder impulsgestört.

SR.de: Aber ist es nicht wider der Natur, einen Artgenossen umzubringen?

Cornelius: Auch wenn wir es nicht gerne hören, Aggressivität gehört zum Leben dazu, Die menschliche Haltung verbietet es uns, einen Menschen zu töten. Wenn Soldaten in Kriegsgebiete beordert werden oder wir auf die großen Kriege zurückschauen, ist die Vernichtung eines Gegners für einen festgelegten Zeitraum zum allgemeinen und legitimen Ziel geworden. Sich an das Töten anderer Menschen zu gewöhnen, konnte dort das Überleben sichern. Nach ihren Einsätzen litten viele Soldaten aber an Posttraumatischen Belastungsstörungen.

SR.de: Kann jeder Mensch zum Mörder werden?

Cornelius: Nur sehr theoretisch. In der Realität und der Welt, in der wir leben, werden die meisten Menschen nicht zu Mördern oder Totschlägern werden können. Dafür sind die Hemmungen zu tief verankert. Auch das Wissen, dass man sich selbst aus dem normal-zivilisierten Leben ausschließen würde, hält den Großteil davon ab.

SR.de: Vielen Dank für das Gespräch.

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