Passanten gehen in einer Einkaufstraße an Geschäften vorbei. (Foto: picture alliance/dpa | Arne Dedert)

Warum die Coronazahlen trotz Impfungen steigen

Thomas Braun   28.11.2021 | 10:23 Uhr

Die Coronazahlen im Saarland und in Deutschland klettern derzeit von einem Rekordhoch zum nächsten - und das trotz Impfung. Für diese Entwicklung gibt es vermutlich gleich mehrere Gründe.

Die Coronalage in Deutschland und insbesondere auch im Saarland ist derzeit außer Kontrolle. Täglich werden alleine im Saarland mehrere hundert neue Fälle gemeldet, die Gesundheitsämter können die Kontaktnachverfolgung nicht mehr gewährleisten - und auch in den Kliniken steigt die Patientenzahl.

Während viele Bürgerinnen und Bürger von der Entwicklung überrascht sind, wie die zahlreichen Kommentare in den sozialen Netzwerken zeigen, hatten Experten schon vor Monaten vor dieser Entwicklung gewarnt. Dass die Zahlen aktuell so viel höher sind als im vergangenen Corona-Winter, hat mehrere Gründe.

Viel weniger Beschränkungen

Vor einem Jahr, als es noch keine Schutzimpfung gegen das Coronavirus gab, wurde das Infektionsgeschehen vor allem durch sogenannte "Nicht Pharmazeutische Interventionen" gedämpft. Alle Bundesländer hatten strikte Coronabeschränkungen eingeführt. Im Saarland zum Beispiel wurden Anfang November Kinos, Theater und Diskotheken geschlossen, die Gastronomie durfte nur noch einen Lieferservice anbieten. Großveranstaltungen waren verboten, im privaten Bereich durfte man sich nur noch mit maximal zehn Personen gleichzeitig treffen.

In diesem Herbst, als sich das öffentliche Leben langsam wieder in die Innenräume verlagerte und die Zahl der Infektionen stieg, gab es lange Zeit keine vergleichbaren Einschränkungen. Veranstaltungen im Freien durften sogar komplett ohne Beschränkungen durchgeführt werden.

Zahl der Kontakte auf Höchststand seit Pandemiebeginn

Viele Menschen haben diese Freiheiten nach anderthalb entbehrungsreichen Jahren auch genutzt. Studien aus Deutschland zeigen, dass die Anzahl der Kontakte insbesondere an den Wochenenden seit Juli stetig gestiegen war und Ende Oktober den höchsten Wert seit Beginn der Pandemie erreicht hatte.

Ebenso beobachtete das RKI, dass die Zahl der Atemwegserkrankungen allgemein deutlich gestiegen ist - was ebenfalls darauf schließen lasse, dass die Zahl der Kontakte, bei denen Infekte übertragen werden können, noch vor kurzem wieder genauso hoch war wie in den beiden Wintern vor Beginn der Coronapandemie.

Delta-Variante deutlich ansteckender

Hinzu kommt, dass die seit einigen Monaten dominierende Delta-Variante des Coronavirus deutlich ansteckender ist als der Wildtyp, der noch im vergangenen Herbst und Winter zirkulierte. Das bedeutet: Ein infizierter Mensch kann deutlich mehr andere Personen anstecken als früher, die Verbreitung beschleunigt sich.

Impfquote zu niedrig

Um das Infektionsgeschehen einzudämmen und vor allem schwere Krankheitsverläufe zu verhindern, steht seit Anfang des Jahres eine Schutzimpfung zur Verfügung. Die Impfquote ist allerdings viel zu niedrig, um die Coronaverbreitung angesichts der zahlreichen Lockerungen und der ansteckenderen Virusvariante in Schach zu halten. Der Homburger Virologe Jürgen Rissland erklärte es mit dem Bild einer Waage: Impfquote und Lockerungen müssten im Gleichgewicht gehalten werden, was allerdings nicht der Fall war.

Selbst im Saarland, das mit rund 75 Prozent die zweithöchste Impfquote bundesweit hat, wäre eine nochmal um fünf bis zehn Prozentpunkte höhere Quote nötig, wie Modellrechnungen des RKI zeigen.

Selbst wenn man Kinder und Jugendliche außen vorlässt, sind aktuell rund 125.000 Erwachsene im Saarland ungeimpft. Darunter sind auch rund 30.000 Menschen über 60 Jahre, also die Altersgruppe, die ein erhöhtes Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf hat. Trotz der hohen Impfquote gibt es also noch sehr viele Menschen, die sich mit dem Coronavirus anstecken können.

Impfschutz lässt schneller nach als erhofft

Hinzu kommt, dass der Impfschutz schneller nachlässt als erhofft. Das bedeutet, dass auch Geimpfte das Virus weitergeben können. Und gerade bei älteren und geschwächten Menschen, deren Impfung schon mehrere Monate zurückliegt, steigt das Risiko für eine Erkrankung wieder an.

Allerdings ist die Inzidenz bei den Geimpften nach wie vor deutlich niedriger als bei Ungeimpften. Im Saarland war die Inzidenz der Ungeimpften zuletzt rund neun Mal höher als bei den Geimpften.

Deutlich werden die Unterschiede auch mit Blick auf die Krankenhauseinweisung. In der zweiten Novemberwoche wurden bundesweit etwa 34 von jeweils 100.000 ungeimpften Menschen im Krankenhaus behandelt, bei geimpften Personen lag die Rate bei etwa sechs Personen pro 100.000, wie aus dem aktuellen RKI-Wochenbericht hervorgeht.

Das Risiko für eine Covid-Erkrankung wird durch eine Impf-Auffrischung noch einmal deutlich gesenkt. Die Ständige Impfkommission empfiehlt daher mittlerweile eine Auffrischung für alle Erwachsenen fünf bis sechs Monate nach Abschluss der Grundimmunisierung.

Starker Anstieg des R-Wertes Ende Oktober

Eine Sonderrolle nimmt - wie schon häufiger im Verlauf der Pandemie - das Saarland ein. Zunächst hatte das Saarland zu Beginn des Herbstes eine der bundesweiten niedrigsten Inzidenzen, mittlerweile verzeichnet das kleinste deutsche Flächenland den mit Abstand stärksten Anstieg.

Aus Sicht des Corona-Experten Professor Thorsten Lehr gibt es zwar keine richtige Erklärung für diese Entwicklung, aber durchaus mehrere Theorien. In seinen Modellrechnungen verzeichneten Lehr und sein Team Ende Oktober einen starken Anstieg des R-Wertes um rund 40 Prozent. Die Herbstferien gingen zu diesem Zeitpunkt zu Ende, es gab mehrere Halloween-Partys - und kurz darauf fanden mehrere Großveranstaltungen statt, etwa das Fußball-Derby zwischen Saarbrücken und Kaiserslautern mit 15.000 Zuschauern und der Fastnachtssessions-Auftakt mit dutzenden Einzelveranstaltungen.

Höherer Anteil an Geimpften mit nachlassender Immunität?

Aus Sicht von Lehr könnte auch das hohe Impftempo, dass das Saarland dank einer Sonderzuteilung von Impfstoff zu Jahresbeginn vorlegen konnte, nun ein Nachteil sein. Der Anteil der Menschen, deren Impfung bereits länger zurückliegt und deren Immunität entsprechend nachgelassen hat, ist im Saarland vermutlich höher als im Bundesvergleich.

Und nicht zuletzt spielt vielleicht auch die geringe Bevölkerungszahl des Saarlandes eine Rolle. Aufgrund der geringen Einwohnerzahl zeigen sich manche Effekte und Entwicklungen hier schneller und deutlicher als beispielsweise in Nordrhein-Westfalen.

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