Erdwärme-Bohrung (Foto: picture alliance/dpa | Frank Rumpenhorst)

Wärme ohne Kohle, Öl und Gas aus der Tiefe?

Yvonne Schleinhege   19.01.2023 | 17:22 Uhr

Wie können wir uns unabhängiger machen von Gas, Öl und Kohle? Eine Möglichkeit: Geothermie. Mit entsprechenden Anlagen lässt sich Wärme aus dem Erdinneren nach oben holen und zum Heizen oder zur Stromerzeugung verwenden. Jahrelang wurde diese Möglichkeit kaum beachtet, doch Experten sehen darin eine Chance – auch für das Saarland.

Wenn man Mathias Bauer von der RWTH Aachen und dem Saarbrücker Ingenieur Thomas Neu zuhört, dann merkt man schnell: Sie sind mehr als überzeugt von den Potenzialen der Geothermie.

„Was uns ein bisschen geladen macht, ist, dass die tiefe Geothermie als möglicher Energieversorger im Bereich Strom und Wärme in den vergangenen Jahren in der Politik viel zu kurz gekommen ist“, sagte Bauer am Mittwoch bei einem Vortrag in der Union Stiftung in Saarbrücken.

Erst jetzt – mit Blick auf die gestiegenen Energiekosten und der Frage der Versorgungssicherheit – käme sie wieder ins Gespräch.

Geothermie - auch Potenzial im Saarland?
Audio [SR 3, Yvonne Schleinhege, 19.01.2023, Länge: 03:10 Min.]
Geothermie - auch Potenzial im Saarland?

Unbegrenzt verfügbar 

Dabei ist eigentlich naheliegend, die Wärme dort herzuholen, wo sie unbegrenzt und immer verfügbar ist, nämlich tief im Boden. Denn unten im Erdkern herrschen Temperaturen von mehreren tausend Grad Celsius, so wird das Wasser unter der Erdoberfläche aufgeheizt.

Um dieses Wasser zu nutzen, werden bei der sogenannten tiefen Geothermie zwei Löcher gebohrt – und zwar jenseits der 400 Meter. „Die eine Bohrung ist eine Förderbohrung, dort holen sie das heiße Wasser hoch und schicken es dann über einen Wärmetauscher. Da hängt dann hinten dran ein Kraftwerk oder eine Fernwärme. Und dann schicken sie das abgekühlte Wasser wieder durch eine zweite Bohrung ins Erdreich“, erklärt Ingenieur Neu.

Die Erdwärme kann so ohne große Verluste etwa in Fernwärme umgewandelt werden. Aber es lässt sich auch Strom erzeugen. Dabei hat die Geothermie mehrere Vorteile: Sie ist CO2-neutral und, im Gegensatz zu Sonne und Wind, auch ständig verfügbar, erklärt Bauer. „Die Versorgungssicherheit ist ein wichtiger Aspekt. Die Energie liegt immer unter den eigenen Füßen.“

Eckpunktepaper aus dem Bundeswirtschaftsministerium

Diese Technologie ist nicht neu, sie sei nur jahrelang nicht beachtet worden, auch weil man russisches Gas hatte, so die Kritik. Nun kommt das Thema wieder auf die Agenda: Erst im November hat Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) die Eckpunkte für eine Erdwärme-Kampagne vorgestellt. Man sehe das große Potenzial der Geothermie für eine klimaneutrale Wärmeversorgung, die Deutschland bislang nur unzureichend erschlossen habe, heißt es darin.

Bisher gibt es in Deutschland nur etwa 40 Kraftwerke, die Energie aus großen Tiefen, sprich aus 2000, 3000 oder auch 5000 Metern nutzen. Ein Grund: Die Erschließung einer geothermischen Anlage ist teuer und aufwendig.

Mit 15 bis 30 Millionen Euro werden die Kosten für die Bohrung von Experten beziffert. Daneben sind auch umfangreiche geologische Untersuchungen und Probebohrungen nötig. Möglich ist, dass die gewählten Standorte wieder verworfen werden müssen.

Beispiel München – Möglichkeiten im Saarland

Dass es geht, zeigt das Beispiel München. Seit den 1990er Jahren sind hier mehrere Kraftwerke entstanden, auch weil die geologischen Gegebenheiten besonders gut sind. Das Ziel der örtlichen Stadtwerke: den durchschnittlichen Grundbedarf an Wärme für die Stadt mit Geothermie decken. Viele weitere Projekte werden derzeit in Bayern geplant.

„Es gibt bevorzugte Gebiete, wo das heiße Wasser oberflächennäher liegt. Die Bayern sind bevorzugt, aber auch der Oberrheingraben und ein großer Teil des norddeutschen Beckens. Und dann gibt es abgestuft Regionen, die dahinter kommen und dazu gehört das Saarland“, sagt Bauer.

Muss bei den Geothermie-Anlagen im Raum München etwa 2000 oder 3000 Meter in die Erde bohren, wären es im Saarland etwa 5000 Meter. Dass das Saarland eine Bergbauregion sei, bringe Nachteile, aber auch Vorteile mit sich, berichtet Neu, der selbst jahrelang im Bergbau tätig war. „Wir kennen die Geologie aus den Bohrungen für den Bergbau, und das hilft geothermische Anlagen zu planen.“

Chancen und Risiken der Geothermie

Aber auch im Saarland wurden die Möglichkeiten der tiefen Geothermie zuletzt nicht mehr beachtet. 2011 hat die damalige Saar-Umweltministerin Simone Peter (Grüne) die Möglichkeiten der Erdwärme-Nutzung zwar in einen Masterplan Energie aufgenommen. Doch umgesetzt wurde in diese Richtung nichts.

Dabei seien die Chancen auch für das Saarland groß, sind Bauer und Neu überzeugt. Die Geothermie habe Vor- und Nachteile, und man müsse natürlich auch die Risiken benennen. Denn jeder Eingriff in den Untergrund birgt eben solche. So gibt es durchaus Bedenken, dass das Ab- und Zurückpumpen des Wassers Erdbeben oder Bodenbewegungen auslösen könne.

„Wenn wir uns auf der Richterskala bewegen, dann gibt es durchaus Ereignisse von 2 Komma, etwa in Landau 2009 “, so Bauer. Dort habe man aber auch technische Fehler gemacht. Energiegewinnung sei eben nie ohne Risiko, doch die allermeisten Anlagen würden ohne Probleme laufen – in Frankreich seit den 1950er Jahren.

Über dieses Thema hat auch die SR 3-Region am Mittag am 19.01.2023 berichtet.


Weitere Themen im Saarland

Rede im Bundestag
Rehlinger regt europäische Energiegemeinschaft an
Die saarländische Ministerpräsidentin und Frankreichbevollmächtigte des Bundes, Anke Rehlinger, hat im Deutschen Bundestag eine Europäische Gemeinschaft für Wasserstoff und erneuerbare Energien vorgeschlagen. Deutschland und Frankreich könnten dabei als "Motor" fungieren. Rehlinger nahm an der Debatte des Parlaments zum 60. Jubiläum des Élysée-Vertrages teil.
Geldtransporter in Saarlouis gesprengt
Weiterer Verdächtiger und dessen Partnerin nach Raubüberfall festgenommen
Die Ermittlungen nach dem Raubüberfall auf einen Geldtransporter in Saarlouis weiten sich aus. Laut Medienberichten ist in Frankreich ein weiterer Verdächtiger mit seiner Partnerin festgenommen worden.
In Saarbrücken an der Wilhelm-Heinrich-Brücke
Fußgänger auf A620 von Lkw erfasst
Auf der Stadtautobahn in Saarbrücken hat es am Morgen einen schweren Unfall gegeben. Ein Fußgänger wurde von einem Lkw erfasst. Durch die anschließende Sperrung war es im Berufsverkehr zeitweilig zu einem langen Stau gekommen.

Artikel mit anderen teilen


Push-Nachrichten von SR.de
Benachrichtungen können jederzeit in den Browser Einstellungen deaktiviert werden.

Datenschutz Nein Ja