Gestellte Aufnahme zum Thema Hasskommentare in Sozialen Netzwerken.  (Foto: Image/Photothek)

Wie Menschen in ihren "Blasen" beeinflusst werden

Melina Miller   03.10.2021 | 10:00 Uhr

Ein Mann in Idar-Oberstein erschießt einen Kassierer - offenbar, weil dieser ihn auffordert, eine Maske zu tragen. Nicht erst seit diesem Fall wird darüber diskutiert, wie sich Menschen so weit radikalisieren können und welche Rolle dabei bestimmte Gesinnungen spielen. Wir haben darüber mit der Sozial- und Rechtspsychologin Pia Lamberty gesprochen.

Nach der Gewalttatat in Idar-Oberstein am 20. September sind noch viele Fragen offen. Zwar gibt es erste Hinweise darauf, dass sich der mutmaßliche Täter in sozialen Netzwerken ablehnend gegenüber den Corona-Maßnahmen äußerte und verschiedenen Accounts in der sogenannten Querdenker-Szene folgte. Doch welchen Einfluss können solche Gruppen und Netzwerke im Internet generell auf die eigene Haltung haben?

Cemas untersucht Twitter-Aktivität

Pia Lamberty, Sozial- und Rechtspsychologin, Geschäftsführerin Cemas. (Foto: CeMAS/Daniel Pasche/Pressefoto)
Pia Lamberty, Sozial- und Rechtspsychologin und Geschäftsführerin des Cemas.

Darüber haben wir mit Pia Lamberty gesprochen. Sie ist Doktorandin für Rechts- und Sozialpsychologie an der Universität Mainz und Geschäftsführerin des gemeinnützigen Center für Monitoring, Analyse und Strategie (Cemas).

Das Cemas ist auf Verschwörungsideologien im Netz spezialisiert und hat sich konkret mit dem Fall in Idar-Oberstein beschäftigt. Dafür haben die Expertinnen und Experten unter anderem das Verhalten des Tatverdächtigen auf Twitter analysiert.

SR.de: Immer wieder hören wir davon, dass sich Menschen in ihren "eigenen Blasen" bewegen. Wie entsteht dieses Phänomen?

An sich umgibt sich der Mensch grundsätzlich lieber mit Menschen, die die eigene Meinung vertreten. Das ist keine Besonderheit des Internets. Man bewegt sich ja auch offline in relativ homogenen Gruppen, zum Beispiel im Studium oder in der Elterngruppe.

Algorithmen verstärken Einfluss

Im Netz sorgen dann zusätzlich die Algorithmen dafür, dass man vorrangig und viel mit Informationen konfrontiert wird, die der eigenen politischen Haltung und der persönlichen Meinung entsprechen. Das verstärkt den "Offline-Effekt" nochmal.

SR.de: Was kann das bewirken, gerade im Bereich von Verschwörungen?

Wir wissen aus der psychologischen Forschung, dass es einen Einfluss hat, wenn Menschen mit Verschwörungserzählungen konfrontiert werden, egal ob offline oder online. In Experimenten hat sich das zum Beispiel so gezeigt, dass schon die einmalige Konfrontation mit Anti-Impf-Erzählungen dazu geführt hat, dass die Probanden weniger bereit waren, sich und ihre Kinder impfen zu lassen. Das ist erst einmal ein genereller Effekt.

Feindbilder geschaffen

Noch ein wichtiger Punkt: In den unterschiedlichsten sozialen Netzwerken wurden gerade in der Coronazeit permanent Feindbilder geschaffen. Gegen die Wissenschaft, die Politik oder in die antisemitische Richtung. Das kann dann auch Konsequenzen haben, wenn Menschen immer wieder mit diesen Feindbildern gefüttert werden.

Ein Beispiel ist die Maske: Das ist ja erst einmal ein neutraler Gegenstand, der verhindert, dass man Viren weitergibt. In der Pandemie wurde dieser Gegenstand dann politisiert, vor allem von Rechtspopulisten und Verschwörungsideologen. Und zwar zum einen als Symbol einer angeblichen Unterdrückung. So hatten zum Beispiel Mitglieder der AfD Masken als "Maulkorb" bezeichnet.

Verzerrte Realität

Zum anderen wurde die Maske beziehungsweise das Nicht-Tragen der Maske zum Symbol eines scheinbaren Widerstandes. Das heißt, man wird auf einmal zu einem angeblichen Helden, weil man im Supermarkt oder beim Arzt keine Maske trägt.

Das ist dann auch eine relativ simple Möglichkeit, sich selbst aufzuwerten. Man neigt dann auch dazu, sich selbst und auch das Gewicht, das man in der Gesellschaft hat, zu überschätzen. Das führt zu einer verzerrten Wahrnehmung der Realität.

SR.de: Jetzt sind wir ja schon beim Thema Maske. Bei so einer Tat wie in Idar-Oberstein, die Sie ja auch untersucht haben - welche Rolle spielt in diesem speziellen Fall die Beeinflussung in der "Blase" des mutmaßlichen Täters?

Das ist schwierig zu sagen. Wir kennen ja nicht alle Profile des Mannes. Wir haben uns nämlich überwiegend mit dem Twitter-Account des mutmaßlichen Täters beschäftigt. Die Person folgte vielen rechtsoffenen Accounts, hat dort auch kommentiert. Auf der Plattform Linkedin hat sie auch Beiträge veröffentlicht, die sich gegen die Corona-Maßnahmen richteten.

Noch viele offene Fragen

In diesem Fall aber konkret zu sagen, welche Rolle das Netz oder diese Gruppen spielen, ist schwierig. Weil wir zum Beispiel nicht wissen, in welchen Facebook-Gruppen die Person war, ob sie auf Telegram aktiv war oder ob sie auf Demonstrationen unterwegs war. Da müssen wir einfach noch die Ermittlungen der Strafverfolgungsbehörden abwarten.

SR.de: Würden Sie grundsätzlich sagen, dass sich vorher "unauffällige" Menschen durch bestimmte Gruppen im Netz über Monate hinweg radikalisieren können?

Ich glaube nicht, dass Menschen, die vorher überhaupt keinen Bezug zu Verschwörungsideologien haben, in solchen Kreisen landen und dann auf einmal drei Monate später zum Gewalttäter werden.

Die Menschen sitzen nicht in einem kleinen konspirativen Raum, sondern die stehen quasi auf dem öffentlichen Marktplatz. - Pia Lamberty

Außerdem glaube ich nicht unbedingt, dass die Radikalisierung im Internet unbemerkter als im "realen" Leben vonstattengeht. Wenn wir uns zum Beispiel die Telegram-Gruppen anschauen: Der Großteil davon ist öffentlich zugänglich. Da braucht man nicht mal einen Account, um das zu lesen. Da geht es also gar nicht um das Geheime.

Hetze gegen einzelne Personen

Was man aber sagen kann: Wenn dieses Denken da ist, wird das in solchen Online-Gruppen verstärkt. Da werden dann beispielsweise auch Namen von einzelnen Personen, von Ärztinnen und Ärzten, Politikern oder Wissenschaftlern gepostet, gegen die gehetzt wird. Und das kann leider irgendwann auch zu einer Handlung führen. Entweder gezielt gegen eine Person oder eben so, dass die Person scheinbar etwas repräsentiert.

SR.de: Was machen solche Taten mit den Menschen, die zum Beispiel auf die Corona-Maßnahmen hinweisen müssen?

Ich glaube, dass diese Tat in Idar-Oberstein bei vielen Wut und Frust verursacht hat, weil sie sich schon ganz lange alleine gelassen fühlen. Ein Großteil der Menschen hat ja selber auch schon Aggressionen, zumindest verbal, im Kontext der Maskenpflicht erlebt, zum Beispiel im Öffentlichen Nahverkehr oder beim Einkaufen.

Wir wissen zum Beispiel, dass die Gewalt gegen Mitarbeiter der Deutschen Bahn in der Pandemie deutlich gestiegen ist und auch die Zahl der Angriffe gegen Journalistinnen und Journalisten zugenommen hat. Da ist also Gewalt in dieser Gesellschaft, bei der aber viel zu lange nicht hingeschaut wurde. Hier bräuchten wir zuverlässige Zahlen und Handlungsanweisungen.

Angriffe auch auf Impftzentren

Und insgesamt habe ich schon Sorge, was die kommenden Monate angeht. Gerade spielt zum Beispiel das Thema Impfung und Kinder-Impfung eine große Rolle. Wir hatten ja erst vor Kurzem einen versuchten Brandanschlag auf ein Impfzentrum.

SR.de: Bevor es überhaupt so weit kommt: Wie können Angehörige damit umgehen, wenn sie merken, dass Familie oder Freunde in bestimmte Ideologien abdriften?

Das ist ja etwas, was in den letzten Monaten viele Menschen erlebt haben. Dass Beziehungen belastet wurden, weil Menschen in ihrem Umfeld in Ideologien abrutschen. Dafür schämen sich viele Angehörige auch.

Die erste Frage, die man sich stellen sollte, ist: Wie weit ist diese Person schon ideologisch? Wenn sie noch nicht so weit ist, kann man vielleicht auch mal zusammen recherchieren, nach Faktenchecks schauen und diese anbieten unter dem Motto "Schau mal, denen vertraue ich". Je besser die Beziehungsebene ist, desto eher kann man die Person noch überzeugen.

Hilfe bei Beratungsstellen

Wenn die Person aber schon zu weit abgedriftet ist, funktioniert das nicht mehr. Dann ist das verschwendete Liebesmüh, weil Ideologen auch oft zu Predigern ihrer eigenen Wahrheit werden und eine Diskussion gar nicht mehr möglich ist. Da geht es dann eher darum, die Person wieder ein bisschen aus dieser Welt rauszulocken.

Wenn die Situation so weit ist, dass sie zum Beispiel die Kindererziehung belastet, sollte man sich an Beratungsstellen wenden. Wichtig ist, dass man nicht zu lange wartet.

SR.de: Vielen Dank für das Gespräch, Frau Lamberty.


Wenn Sie das Gefühl haben, Hilfe für sich oder Bekannte oder Familie zu benötigen, können Sie sich beispielsweise an folgende Adressen wenden:

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