Ein blinder Mann mit Blindenstock ertastet den Bordstein. (Foto: IMAGO / f8 das Bild)

Mehr Tempo beim Ausbau von Barrierefreiheit im Saarland gefordert

Tabea Prünte   05.05.2022 | 06:28 Uhr

Auf Gehwegen, in Geschäften oder an Bahnhöfen - Menschen mit Behinderung stoßen dort oft auf teils unüberwindbare Hürden. Verbände im Saarland fordern von Bund, Land und Kommunen, die Barrierefreiheit mehr in den Fokus zu nehmen.

"Es geht um Menschenrechte, die mitten in Deutschland noch mit Füßen getreten werden, wenn die Würde von Menschen mit Behinderung nicht mitgedacht wird", sagt Dunja Reichert vom Landesverband Selbsthilfe Körperbehinderter Saarland (LSKS) und stellvertretende Vorsitzende des Behindertenbeirats der Stadt Saarbrücken.

Zum Europäischen Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung soll die Barrierefreiheit in den Fokus gerückt werden. Denn auch im Saarland gibt es dem Verband zufolge noch viele Hürden im Alltag von Menschen mit Behinderung.

Video [aktueller bericht, 05.05.2022, Länge: 2:38 Min.]
Europäischer Protesttag zur Gleichstellung feiert 30. Jubiläum

Saarland "schlecht ausgestattet"

Wie Reichert erklärt, können das ganz alltägliche Dinge in allen möglichen Bereichen sein: Stühle von Restaurants, die blinden Menschen den Weg und vor allem das Blindenleitsystem versperren - Bürgersteigkanten, die für Menschen mit Rollstuhl stellenweise unüberwindbar sind - oder auch Geschäfte, an deren Eingang Stufen, aber keine Rampe, zu finden sind.

Egal ob in der Landeshauptstadt oder in eher ländlichen Gebieten im Saarland - "überall ist es gleichermaßen schlecht ausgestattet" - Barrierefreiheit eher Fehlanzeige, sagt Reichert.

Fehlende Barrierefreiheit im Alltag

Dazu nennt sie noch konkretere Beispiele: In Dudweiler sei es Menschen im Rollstuhl zum Beispiel erschwert worden, Briefe oder Päckchen zur Post zu bringen. Denn immer mehr Postfilialen würden ausgelagert und seien dann in anderen Geschäften auffindbar - allerdings ohne dass dabei die Voraussetzungen der Barrierefreiheit eingehalten würden.

Der Weg zu Fachärztinnen und -ärzten würde für gehbeeinträchtigte Menschen häufig noch vor der Praxistür enden - da von dort aus nur noch Stufen hineinführen.

Bei Zugreisen seien oftmals weder Haltestellen noch Fahrzeuge barrierefrei, "das bedeutet, dass Menschen mit Behinderung gar nicht erst zum Bahnsteig kommen oder sich vorher schon schlau machen müssen: Von wo kann ich überhaupt fahren." Auch der Mobilitätsservice der Bahn müsse teils 48 Stunden im Voraus, spätestens aber am Abend vor der Reise angemeldet werden. "Die Spontanität geht dabei komplett verloren", so Reichert.

Und noch zahlreiche weitere Beispiele gebe es im Saarland.

Hürden bei der Wohnungssuche

So auch bei der Wohnungssuche. Menschen, die zum Beispiel aufgrund eines Rollstuhls genügend Platz in einem Badezimmer brauchen, haben dabei kaum Auswahl. Es mangele an barrierefreiem Wohnraum.

Dabei gibt es in der Landesbauordnung im Saarland Vorgaben dazu, ab wann in Gebäuden wie viele Wohnungen barrierefrei zugänglich sein müssen. Die Umsetzung und Einhaltung dieser Vorschriften würde aber zu wenig kontrolliert, so der Vorwurf von Reichert.

Hürden auch für Menschen mit Sehbehinderung

Auf alltägliche Hürden treffen nicht nur Menschen mit Rollstuhl, sondern unter anderem auch Menschen mit Sehbehinderungen. Heinz-Peter Engels vom Blinden- und Sehbehindertenverein für das Saarland und ebenfalls stellvertrendender Vorsitzender des Behindertenbeirats der Stadt Saarbrücken spricht zum Beispiel von Pollern auf Gehwegen, "wo sie nicht hingehören" oder von anderen Gegenständen, von denen Verletzungsgefahren ausgehen.

Auch bei der voranschreitenden Digitalisierung würden blinde Menschen oftmals nicht mitbedacht. Websites oder Apps seien entweder schwer oder gar nicht zu bedienen. Das stelle blinde Menschen sowohl im beruflichen als auch im privaten Kontext vor erhebliche Herausforderungen.

Ähnlich problematisch sei auch das Einkaufen. Obwohl für Barrierefreiheit eigentlich auch bei Verpackungen gesorgt werden müsste, erklärt Engels. Zum Beispiel durch die Möglichkeit, Produkte einscannen zu können, um per App und Sprachausgabe die Produktinformationen zu erhalten. Auch die Brailleschrift würde helfen.

Mehr Kontrollen und Sanktionen

Die UN-Behindertenrechtskonvention, durch die eben verschiedene Formen der Diskriminierung von Menschen mit Behinderung beendet werden sollten, finde noch an vielen Stellen wenig bis keine Beachtung, warnt Reichert. Das liege an ganz simplen Gründen: zu wenig Kontrollen, zu wenig Sanktionen.

Im Ländervergleich falle das Saarland zwar nicht ganz hinten herunter - aber "Deutschland hat insgesamt einen riesen Nachholbedarf", so Reichert.

Engels vom saarländischen Blinden- und Sehbehindertenverein ist außerdem der Meinung, dass sich Kommunen bei Bauprojekten besser mit Behindertenbeiräten und Verbänden austauschen und absprechen müssten. So würde die Gleichberechtigung und Teilhabe von Menschen mit Behinderung von Beginn an mehr Bedeutung erhalten.

"Barrierefreiheit muss in den Köpfen entstehen"

Die Belange von Menschen mit Behinderung umzusetzen sei "keine Sozialpolitik, sondern Menschenrechtspolitik", betont Dunja Reichert. "Es geht nicht um Almosen, sondern um Würde und Gleichbehandlung und gleiche Chancen." Man müsse "Tempo reinbringen", und daher ist sich Reichert sicher, wird es auch 2023 wieder einen Protesttag geben.

"Behinderte Menschen sind nur so behindert, wie sie von ihrem Umfeld gemacht werden", sagt Engels. "Barrierefreiheit muss in den Köpfen entstehen."

Landesregierung will mehr Teilhabe

Das Sozialministerium teilte auf SR-Anfrage mit, die neue Landesregierung habe es sich zum Ziel gesetzt, sukzessive mehr Teilhabe auf dem Weg zur inklusiven Gesellschaft zu ermöglichen.

Der Zugang zu digitalen Dokumenten und die Internetseiten würden durch das Deutsche Institut für Menschenrechte stichprobenartig überprüft, so das Ministerium. Darüber hinaus habe das Saarland 2019 als erstes Land eine unabhängige Monitoringstelle eingerichtet, die die Landesregierung hinsichtlich der UN-Behindertenrechtskonvention kontrolliere und berate.

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