Halbe Schweine hängen in einem Schlachthof (Foto: dpa)

Fleischbranche vor großen Veränderungen?

Karin Mayer   28.09.2020 | 09:26 Uhr

Jahrelang hat das Geschäftsmodell funktioniert: Die Fleischbranche hat Arbeiten ausgelagert und an Werkvertragsunternehmen vergeben. Das will Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) nun verbieten. Das Geschäftsmodell der Werkvertragsunternehmer steht damit vor dem Aus. Das trifft auch den Unternehmer Christian Daems, der als Dienstleister für die Fleischbranche im Saarland arbeitet.

Fleischbranche vor großen Veränderungen?
Audio [SR 3, Karin Mayer, 28.09.2020, Länge: 03:41 Min.]
Fleischbranche vor großen Veränderungen?

Christian Daems hat mehrere Firmen gegründet. Mit Maxx Pac übernimmt er Werkverträge, mit Flexx Personalleasing und Zeitarbeitnehmer. Außerdem betreibt er eine Firma in Rumänien und ein Fitnessstudio. Seit elf Jahren arbeitet er als Dienstleister für die Fleischbranche im Saarland.

Seine Mitarbeiter rollen Kohlrouladen oder verpacken Fleisch und Würstchen beim Unternehmen Bard. Im Sommer während der Grillsaison vermittelt er bis zu 70 Mitarbeiter ins Saarland. Wie lange das noch möglich ist, weiß er nicht. Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) will Werkverträge und Leiharbeit in der Fleischbranche verbieten. Der Gesetzentwurf soll im Oktober vorgelegt werden. 

Drei Zimmer Küche Bad für Werkvertragsbeschäftigte

Daems ist ein streitbarer Mann, einer dem schon mal der Kragen platzt, wenn er die Vorwürfe der Gewerkschaft NGG gegen die Werkverträge hört. Kein einziges Mal habe die Gewerkschaft bisher mit ihm gesprochen. Dass sie Mindestlohn für die Beschäftigten fordert, obwohl er mehr bezahlt, und dass sie Unterkünfte kritisiert, die sie nicht kennt, will er nicht auf sich sitzen lassen. 

Die Werkvertragsbeschäftigten, die Daems vermittelt, kommen aus Rumänien. Sie können in Mietwohnungen wohnen, die er angemietet hat. Eine davon hat er dem SR gezeigt. Der erste Eindruck: Küche und Möbel sind neu, alles ist sauber, zwei von drei Zimmer sind bei unserem Besuch ungenutzt. 

Zweibettzimmer in einer Mietwohnung für Zeitvertragsarbeiter (Foto: Karin Mayer/SR)
Zweibettzimmer in einer Mietwohnung für Zeitvertragsarbeiter

Eigene Mietwohnung ist möglich

Wer bei ihm arbeitet, kann in so eine Wohnung einziehen, wenn er will. So steht es auch im Arbeitsvertrag. Die Mietpauschale beträgt 300 Euro. Sie beinhaltet alle Nebenkosten und den Transport zur Arbeit in Kleinbussen. Man bekommt dafür ein Bett in einem Doppelzimmer, kann Küche und Bad mit anderen teilen. Weil die Wohnungen für das ganze Jahr angemietet sind, aber nur teilweise genutzt sind, mache er damit keinen Gewinn, so der Unternehmer. 

Daems legt dem SR bei einem Treffen Arbeitsverträge und Lohnabrechnungen vor. Der Stundenlohn liegt je nach Vertrag bei zehn oder elf Euro. Im August hat er an seine Mitarbeiter eine Corona-Prämie ausgezahlt. Arbeitszeiten werden dokumentiert, bisher aber nicht elektronisch, sondern in Exceltabellen. 

Mehrere Dienstleister im Saarland aktiv 

Christian Daems ist der einzige Werkvertragsunternehmer, der zu einem Gespräch mit dem SR bereit war. Andere beschweren sich im Telefongespräch darüber, dass Werkverträge verboten werden sollen und die Branche schlecht geredet werde. Ein persönliches Treffen war in diesen Fällen nicht möglich.

Im Sommer wurden rund 500 Werkvertragsmitarbeiter aus der Fleischbranche im Saarland zum freiwilligen Corona-Test aufgefordert. Mit dem Ende der Grillsaison sinkt die Zahl der Beschäftigten in der Regel. 

Flugblattaktionen vor Werkstor 

Die Gewerkschaft NGG und die Beratungsstelle für Wanderarbeiter hatten in den vergangenen Wochen immer wieder den Kontakt zu Beschäftigen in der Fleischbranche gesucht. Mehrfach haben sie auf Arbeitnehmerrechte, auf Mindestlohn und Arbeitszeitregeln hingewiesen. Der Verdacht: Menschen, die aus Osteuropa kommen, werden nicht ausreichend informiert. Sie wohnen häufig in Wohnungen, die der Arbeitgeber für sie angemietet hat. 

Bei der letzten Flugblattaktion hat ein rumänisches Ehepaar sich vor dem Werkstor mit einer Beraterin der Arbeitskammer unterhalten. Sie haben sich in diesem Gespräch auch darüber beschwert, dass Arbeitsstunden nicht korrekt abgerechnet wurden. Einen Tag später wurde den Betroffenen von einem Vorarbeiter mitgeteilt, dass sie nicht mehr weiterbeschäftigt werden. Die Begründung: sie hätten zu viel geredet. Wenn es Probleme gäbe, sollten sie nicht mit anderen Leuten reden. Laut Beratungsstelle der Wanderarbeiter waren sie beim Dienstleister Gamo GmbH mit Sitz in Saarbrücken beschäftigt. 

Heiner Weber von der Beratungsstelle für Wanderarbeiter der Arbeitskammer fordert bessere Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten. NGG-Geschäftsführer Mark Baumeister appelliert an die Branche, Tarifverträge abzuschließen und die Beschäftigten festanzustellen. 

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