Blick in einen Wald mit mehreren kahlen Bäumen (Foto: SR/Sebastian Knöbber)

Wie das Klima das Saarland wandelt

Felix Schneider / Christian Leistenschneider   17.11.2020 | 16:30 Uhr

Monatelange Dürre oder aber Rinnsale, die sich in Minutenschnelle zu Sturzbächen entwickeln: Der Klimawandel und seine Folgen machen sich auch im Saarland immer stärker bemerkbar. Noch ist Zeit zum Umsteuern - doch sie schwindet.

Auf den ersten Blick sieht die Ackerlandschaft des Hartungshof bei Kleinblittersdorf schön grün aus. Doch für den Fachmann stellt sich der Boden, der 2018 bei einem Starkregen abgetragen wurde, ganz anders dar. "Wenn wir uns genau auf diese Fläche konzentrieren, dann sehen wir, dass überall sehr viele Steine an die Oberfläche gekommen sind", sagt der Geografieprofessor Rüdiger Glaser von der Uni Freiburg, der für den SR die Folgen des Klimawandels im Saarland inspiziert.

INTENSIV - Klimawandel im Saarland - Gespräch mit Klimageograf Prof. Glaser
Video [SR.de, 17.11.2020, Länge: 16:44 Min.]
INTENSIV - Klimawandel im Saarland - Gespräch mit Klimageograf Prof. Glaser

"Wir nennen es einen skelettreichen Boden, weil der Oberboden abgespült wurde. Normalerweise sind da zehn bis zwanzig Zentimeter Boden drauf. Das macht das Kapital von dieser Fläche auch aus: Auf der kann dann Vegetation wachsen."

Massive Schäden im Wald

In kurzer Zeit wurde auf dem Acker zerstört, was sich über Jahrzehnte aufgebaut hat. Und das ist kein Einzelfall. In den Wäldern lässt sich ein ähnliches Phänomen begutachten - nur ist es hier nicht ein Zuviel an Wasser, das Schäden verursacht, sondern ein Zuwenig.

"Wir haben überall in Deutschland in den letzten drei Jahren mit den lange Dürrephasen und dem ausbleibenden Regen massive Schäden im Wald", sagt Glaser beim Gang durch das Waldstück Ensheimer Gelösch, bei dem er zahlreiche abgestorben Fichten entdeckt. "Es trifft vor allen Dingen die Fichten, die eigentlich von ihrer Herkunft an kühlere Standorte gewöhnt waren. Die sterben jetzt in breiter Front ab."

Energiezufuhr bringt Natur an ihre Grenzen

Starkregen und Dürre - so gegensätzlich diese Tendenzen scheinbar sind, sie sind doch zwei Seiten derselben Medaille, sagt Glaser. Und beide Extreme gingen auf eine gemeinsame Ursache zurück: Die durch den hohen CO2-Austoß der Menschen befeuerte Erwärmung der Atmosphäre. "Dadurch, dass mehr Energie in der Atmosphäre ist, die Atmosphäre stark aufgewärmt ist, kann sie auch mehr Wasserdampf aufnehmen. Wenn mehr Wasser aufgenommen wird, dann regnet es auch wieder stärker ab. Das passiert eben mittlerweile überall zunehmend mehr", erklärt Glaser.

Die Temperaturerhöhung bringe die Natur insgesamt an Grenzen. "Das ist bei uns Menschen auch so: Wenn man so 37 oder 38 Grad hat, dann hat man gut Temperatur. Ab 39 oder 40 wird es schon etwas kritischer. Ab 41 Grad muss man dann den Arzt aufsuchen. Das ist bei den anderen Lebewesen genauso. Die kommen an ihre vitalen Grenzen ran und drei Jahre hintereinander unter Hitze und Trockenheit sind einfach zu viel. Das ist Ausdruck des Klimawandels."

20 Jahre bleiben

Noch könnten die Menschen umsteuern, um den Kollaps von Klima und Natur zu verhindern, doch der Spielraum ist begrenzt, warnt Glaser. "Bei ungefähr weiteren 800 Milliarden Tonnen, die in die Atmosphäre emittiert werden, zeigen die Modelle Signale, die wir nicht interpretieren können. Da scheint sich das Klimaregime tatsächlich so zu verändern, dass wir nicht sehen, was da passiert ist." Bei einer jährlichen Emission von 40 Milliarden Tonnen blieben noch ungefähr 20 Jahre, in denen die entscheidenden Weichen gestellt werden müssten, um die Folgen des Klimawandels noch einigermaßen beherrschbar zu lassen.

Was zu tun ist, sei allgemein bekannt, sagt Glaser: "All die Dinge, die auch diskutiert werden: Von Elektro- oder Wasserstoffmobilität, bis hin zum Ausstieg aus den Subventionen für fossile Energien." Außerdem müsse es neue Haltungen zu bestimmten Werten geben: "Dass das Fliegen nicht mehr so State of the Art ist. Dass die Arbeit von Landwirten geschätzt wird. Und dass es dabei wieder Bezüge zum Gang der Natur gibt."

Gewinn an Lebensqualität

Daneben gebe es aber noch viele weitere Hebel: So müsste Gelder aus schadbringenden Investitionen abgezogen werden, also aus den Finanzholdings, die sich mit CO2 und fossilen Energieträgern beschäftigen, schlägt Glaser vor. Und es müsse die Frage angegangen werden, wie die Städte und Siedlungen umgebaut werden könnten, um CO2-Neutralität zu erreichen.

Obwohl die Situation ernst ist, hält sie Glaser nicht für aussichtslos: "Die Programme, die Projekte und Ideen sind da. Sie werden auch zum Teil schon umgesetzt. Wir haben auch 30 Prozent weniger CO2-Emissionen in Deutschland in diesem Jahr gegenüber 1990 erreicht. Es ist also möglich, ohne dass wir auch an Lebensqualität verlieren. Das ist das Entscheidende. Man denkt ja immer, das ist ein bisschen Doomsday und man muss auf alles verzichten, alles wäre so mühsam und beschwerlich. Aber man gewinnt eben was an Umweltqualität, an Lebensqualität und auch an Gesundheit. Das sollte uns das eigentlich wert sein."

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