Kinder malen und spielen mit einem intelligenten Spielzeug (Foto: Pressfoto Toniebox)

Auf einen Plausch mit Barbie

Das Interview führte Katrin König   14.03.2019 | 08:34 Uhr

Smartphones und Co. haben längst Einzug in die Kinderzimmer gehalten. Vernetzte Geräte überwachen den Schlafrhythmus, sie unterhalten oder informieren. Welche Chancen und Risiken das digitale Kinderzimmer birgt, erklärt Wissenschaftsjournalist Dr. Jakob Vicari.


SR.de: Herr Dr. Vicari, früher war es für Jugendliche das Größte, wenn sie den Eltern den alten Fernseher für das eigene Zimmer abluchsen konnten. Diese Zeiten sind längst vorbei. Was gehört denn heute alles in ein richtig gut ausgestattetes digitales Kinderzimmer?

Dr. Jakob Vicari: Auf der einen Seite sind das klassische „Überwachungsanwendungen“ wie beispielsweise Babyphones, die heute häufig über die Smartphones der Eltern funktionieren. Auf der anderen Seite Smartphones, mit denen die Kinder selbst zu tun haben. Das ist heute das primäre Gerät, mit dem die Kinder ab einen bestimmten Alter Medien konsumieren. Hinzu kommen weitere Geräte, die in der Diskussion häufig außer Acht gelassen werden, wie beispielsweise Amazons Alexa und andere smarte Assistenten.

SR.de: Was machen solche Sprachassistenten denn in Kinderzimmern?

Vicari: Diese ganzen Sprachassistenten sind für Kinder sehr intuitiv zu bedienen – anders als Smartphones oder Tablets –, weil sie mit ihnen sprechen können und nicht erst lernen müssen, wie die Menüführung funktioniert. Deswegen interagieren Kinder gerne mit diesen Geräten, die eine einfache Möglichkeit sind, um Hörspiele oder Musik zu hören, aber auch, um per Smart-Home-Steuerung das Licht ein- oder auszuschalten. Das Problem für Eltern: Sie wissen häufig nicht, ob die Kinder vielleicht getrackt werden und zu welchen Inhalten sie noch Zugang bekommen. Denn man muss sich darüber bewusst sein, dass die ganze große Welt des Internets über diese Geräte zur Verfügung steht – inklusive der Möglichkeit, Abos abzuschließen oder zu shoppen, was ja durchaus im Interesse der Plattformen ist, die die Geräte zur Verfügung stellen.

SR.de: Für Hörspiele also ganz ok, allerdings auch mit gewissen Risiken verbunden. Was gibt es denn noch für Dinge?

Vicari: Na, zum Beispiel „Connected Toys“, also vernetzte Spielzeuge. Da gab es mal diese Puppen, die mittlerweile verboten wurden, die mitgehört und einfach nur das Internet vorgelesen haben. Heute geht das deutlich smarter und vor allem sicherer: Da gibt es zum Beispiel eine Barbie, mit der man richtige Gespräche mit gescripteten Dialogen führen kann – allerdings kann die nur englisch. Aber tatsächlich ist sie recht weltgewandt und man kann sich eigentlich ganz gut mit ihr unterhalten. Der Haken an der Sache: Die Eltern bekommen einmal pro Woche eine Zusammenfassung der Konversation zwischen dem Kind und der Barbie per Mail zugeschickt. Das finde ich persönlich etwas fragwürdig und ist mir zu überwachungsmäßig.

Dann gibt es Lösungen wie die Toniebox. Das ist ein in weichen Stoff eingepackter Lautsprecher, auf den man ganz unterschiedliche Spielfiguren draufstellen kann. Sie lesen dem Kind Geschichten wie „Räuber Hotzenplotz“ oder „Pippi Langstrumpf“ vor. Im Prinzip also eine Art Nachfolger des CD-Players, aber mit dem Internet verbunden, aus dem es die Geschichten bezieht. Für Kinder ist das faszinierend, wenn die Spielfigur ihnen etwas erzählt. Das verleiht den Geschichten auch eine gewisse Magie.

SR.de: Und diese Boxen sind sicher?

Vicari: Die verfolgen einen ganz anderen Ansatz als andere Geräte. Sie tracken die Kinder nicht, sie hören nicht mit, sondern ermöglichen einen sehr positiven und kindgerechten Zugang zum Internet. Den Erfolg dieses Audiowürfels begründe ich damit, dass es sich hierbei um ein geschlossenes System mit ganz klar definierten Inhalten handelt. Die Eltern wissen also sehr genau, worauf ihre Kinder zugreifen können und müssen keine Angst haben, dass sie die Kontrolle verlieren.

SR.de: Diese Angst scheint ein ganz großes Thema zu sein. Ist sie begründet?

Vicari: Irgendwie natürlich schon. Andererseits kann es auch nicht sein, dass Eltern die Aktivitäten ihrer Kinder ständig überwachen und sich beispielsweise auf Handyuhren der Kinder einklinken und alles mithören können. Das ist in Deutschland einfach nicht erlaubt. Ich glaube, dass Eltern sich bewusst darüber werden müssen, dass die Kinder ganz anders aufwachsen als wir, die maximal einen Fernseher in der Ecke stehen hatten, der an- und ausgeschaltet werden konnte. Das ist eine völlig andere Welt, wenn heute Spielzeugfiguren oder interaktive Stifte Geschichten erzählen.

SR.de: Besteht dabei nicht die Gefahr, dass die soziale Komponente zu kurz kommt? Wenn ich also eine Puppe oder ein anderes Spielzeug habe, mit dem ich mich unterhalten kann, das mit mir kommuniziert, wozu brauche ich dann noch eine Freundin oder einen Freund aus Fleisch und Blut?

Vicari: Diese Annahme ist mir zu spekulativ. Genauso gut könnte man andersrum argumentieren und sagen, dass die Freundinnen gerade deswegen zusammenkommen, weil die eine von ihnen eine ganz tolle sprechende Puppe hat. Denkbar ist auch, dass dadurch die Fantasie angeregt wird, die Geschichte, die die Puppe erzählt, gemeinsam nachzuspielen und weiterzuerzählen und und und.

Es ist wie bei der Digitalisierung im Allgemeinen: Eigentlich überwiegen die Vorteile die Nachteile. Die großen Risiken im digitalen Kinderzimmer liegen zweifelsohne im Datenschutz und im Zugang zu Inhalten, die die Eltern nicht kontrollieren können. Da gibt es ganz große Defizite in der Bildung. Wir warten ja immer noch darauf, dass Schulen mit Rechnern ausgestattet werden. Dabei hat die Entwicklung schon die nächste Stufe erreicht. Eigentlich müsste in den Schulen vermittelt werden, wie das Internet der Dinge funktioniert. Dass also auch die Glühlampe, der Lautsprecher und viele andere Dinge vernetzte Geräte sind, die mehr können und tun, als nur das Licht einzuschalten oder Musik abzuspielen.

SR.de: Vielen Dank für das Gespräch.

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