Über die Hälfte der Deutschen hat keinen Organspendeausweis. (Foto: Imago/Steinach)

"Sorry, aber ich will meine Niere behalten"

Felicitas Fehrer   02.06.2018 | 08:00 Uhr

Weit über die Hälfte der Deutschen hat keinen Organspendeausweis. Die Gründe dafür sind vielseitig, der moralische Druck der Gesellschaft groß. SR.de hakt nach: Was bringt Menschen dazu, sich gegen eine Organspende zu entscheiden?

Rund 30 Millionen Deutsche tragen es stets bei sich: ein kleines, orangefarbenes Kärtchen, auf dem steht, was nach dem eigenen Tod mit den Organen passieren soll. Aufgepasst: Nur weil man einen Organspendeausweis bei sich trägt, heißt das nicht, dass man einer Organspende zustimmt. Wer sich gegen eine Organspende entscheidet, kann auch das auf dem Organspendeausweis vermerken. Er dient zu Informationszwecken.

52 Millionen Deutschen haben also kein solches Kärtchen in ihrer Brieftasche. Entweder, weil sie sich bisher nicht mit dem Thema auseinandergesetzt haben, nicht auseinandersetzen wollten, oder weil sie sich bewusst gegen eine Organspende entschieden haben.

Eine Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung aus dem Jahr 2016 zu diesem Thema hat ergeben, dass 20 Prozent der Befragten Angst vor einer Organentnahme haben. Sie fürchten zum Beispiel, dass sie bei der Entnahme noch Schmerzen empfinden könnten, auch wenn sie schon als hirntot erklärt wurden. Zwölf Prozent lehnen eine Organspende aus ethischen oder religiösen Gründen ab. In ethischer Perspektive geht es vor allem um die Frage, wann Eingriffe in den menschlichen Körper zum Zwecke der Organentnahme ethisch vertretbar sind.

Und was ist mit den Saarländern, die sich bewusst gegen eine Organspende entschieden haben? SR.de hat sich umgehört.

"Der Familie wird ein Moment genommen"

Johannes Meier aus Saarbrücken (Name geändert, red) hält es für einen feinen Zug, nach dem eigenen Ableben jemand anderem helfen zu wollen. Dennoch hat er sich gegen eine Organspende entschieden.

Im Interview: Prof. Eckard Nagel
"Vertrauen ist die wichtigste Währung in der Transplantationsmedizin"
Ethikexperte und Transplantationsmediziner Professor Eckard Nagel im Gespräch.

Ich finde es nicht ganz fair gegenüber den Angehörigen, die eventuell dabei sind, wenn man stirbt. Ich stelle mir das schwierig vor: Die Angehörigen werden raus gebeten, Ärzte bereiten die OP zur Organentnahme vor. Das nimmt den Leuten, denen du eventuell wichtig bist, die Gelegenheit, bis zum ‚Ende‘ dabei zu bleiben.

"Packt die Moralkeulen wieder ein"

Weil sich Marie Kerling aus St. Wendel (Name geändert, red) gegen die Organspende entschieden hat, spürt sie immer wieder moralischen Druck aus ihrem Umfeld.

Themenschwerpunkt Organspende
Wie läuft eine Organspende ab?
Seit 36 Jahren tourt der Tag der Organspende durch die Bundesländer. Trotzdem liegen die Spenderzahlen in Deutschland auf niedrigem Niveau.

Jeder hat das Recht, sich für oder gegen eine Organspende zu entscheiden, und ich habe meine Entscheidung zu dem Thema getroffen. Sorry, aber ich will meine Niere behalten. Das sollten andere respektieren. Ich verurteile sie ja auch nicht, weil sie der Organentnahme zustimmen. Dieser Druck von außen macht mich krank. Ich bin kein schlechterer Mensch, nur weil ich meine Niere nach dem Tod behalten will. Die Leute sollen ihre Moralkeulen bitte wieder einpacken.

"Ich will nicht an meinen Tod denken"

Mareike Waller aus Saarlouis (Name geändert, red) versucht, das Thema Organspende zu verdrängen.

Ehrlich gesagt habe ich diesen Gedanken bisher immer möglichst weit von mir weggeschoben. Ich glaube, ich bin noch nicht bereit, um mich mit meinem eigenen Tod und dem was danach passiert, auseinanderzusetzen.

"Spiel mit dem Leben kranker Menschen? Nein danke"

Sebastian Anselm aus Haustadt (Name geändert, red) ist der Organspende-Skandal von vor sechs Jahren negativ im Gedächtnis geblieben.

Der Grund, aus dem ich aktuell einer Organspende eher nicht zustimmen würde, ist der Skandal von Göttingen. Als Ärzte Diagnosen ihrer Patienten verfälscht haben, um schneller an Organe zu kommen, während andere Jahre auf ein Spendenorgan warten. Die wenigen Fälle, die aufgedeckt wurden, endeten oft in Freisprüchen. Überall gibt es diese Kärtchen zum Ausfüllen. Doch wer erklärt mir, wie das ganze System in Zukunft überwacht wird? Meine Familie und Angehörigen wissen, was ich aktuell von Organspende halte. Dazu brauche ich keine Karte. Erst wenn ich weiß, wie betrügerisches Verhalten mit Spenderorganen in Zukunft verhindert werden soll, werde ich einen Ausweis ausfüllen, um im Falle des Falles meine Organe zur Verfügung stellen.

Artikel mit anderen teilen