Illustration: verschiedene saarländische Begriffe (Foto: SR/Knöbber)

Saarländische Begriffe und ihre Herkunft

  21.02.2019 | 10:52 Uhr

Freckert, Huddel, Dirmel – Begriffe, die jedem Saarländer geläufig sind. Aber woher stammen sie? Der Sprachwissenschaftler von der Universität des Saarlandes, Philipp Rauth, hat Antworten.

Philipp Rauth ist Mitarbeiter in der Abteilung Neuere deutsche Sprachwissenschaft und hat seine Doktorarbeit über ein syntaktisches Phänomen in den deutschen Dialekten geschrieben. Regelmäßig bietet er ein Seminar für Studenten an. In diesem beschäftigt er sich mit allen Facetten der Grammatik der saarländischen Dialekte. Für SR.de hat er sich ein paar typische saarländische Begriffe angeschaut und die Wortherkunft erklärt.


oonschäärisch/orscheerisch

Beispiel: Leefd denne ihrer soo oonschäärisch doorumm. (Saarbrücken-Ensheim)

Die Herkunft dieses Wortes ist unsicher, da es heute nur noch dialektal verwendet wird. Wahrscheinlich ist eine Herleitung vom Verb schirren, das heißt im Sinne von etwas anordnen, in Ordnung bringen. Wenn jemand unschirrig ist, dann handelt es sich also von der Grundbedeutung her um einen unproportionierten, zu großen, oder unansehnlichen Menschen. Daraus haben sich weitere Bedeutungen entwickelt, sodass man heute damit auch Charaktereigenschaften von Menschen bezeichnet: ungezogen, ungepflegt, roh, anstößig, böse.


Freck/frecken/Freckert

Beispiele: Er hot die Freck am Hals. (St. Wendel-Niederkirchen). Et es Werrer for et Frecken! (Ensdorf)

Die Herkunft des Wortes ist denkbar simpel. Denn es handelt sich um eine lautliche Verkürzung von die Verrecke, ein Substantiv zum auch im Standarddeutschen gebräuchlichen Verb verrecken. Die Freck bezeichnet ursprünglich auf verächtliche Weise eine Krankheit, die zum Tode führt. Im Laufe der Zeit ist sie auch auf weniger dramatische Krankheiten wie Husten oder Schnupfen übertragen worden. Je nach Leidensfähigkeit des erkrankten Menschen können diese Krankheiten aber ebenfalls als "todbringend" eingeschätzt werden.

Im gleichen Bedeutungsfeld gibt es auch noch das Verb frecken ‚sterben’ und das Substantiv Freckert als Bezeichnung für ein kränkelndes Lebewesen oder als Schimpfwort für freche Knaben (‚Lausbub’).


Huddel

Beispiel: Seit de Gebietsreform hann mir nix wie Huddel.

Huddel leitet sich von dem mittelalterlichen Wort Hudel für (alte) Lumpen oder Lappen ab. Auch minderwertige Kleidung konnte damit bezeichnet werden, was dazu geführt hat, dass im übertragenen Sinne auch Menschen, die sich unansehnlich kleiden, unordentlich beziehungsweise leichtsinnig sind oder sich nicht gesellschaftskonform verhalten, als Huddel bezeichnet werden können. Eng damit verwandt sind das Verb hudeln ‚etwas übereilt tun / pfuschen’ und das Adjektiv hudelig ‚schludrig’. Im Saarland und in der Pfalz kam noch eine dritte Bedeutung hinzu: Hier kann Huddel das Wort auch für abstrakte Dinge, die unangenehm sind, stehen, zum Beispiel für Durcheinander oder Wirrwarr, für unnötige Arbeiten und Umstände, oder für Ärger und Verdruss.



Dirmel

Der Dirmel leitet sich vom mittelalterlichen Wort Turmel her, das einen Taumel- oder Schwindelzustand meint, insbesondere vom Alkoholgenuss verursacht. Es kann aber auch ganz allgemein der Schlafzustand damit gemeint sein, was eine Herkunft vom französischen dormir nahelegen würde. Die genaue Herkunft ist aber nach wie vor ungeklärt. Die Bezeichnung für den Gemütszustand ging schließlich auch auf den Menschen selbst über, sodass schläfrige, schwächliche, träge oder schwankende Personen damit bezeichnen werden. Als Schimpfwort dient es zudem auch für Taugenichtse, Dummköpfe, Faulenzer und Personen mit geistigem oder körperlichem Handicap.


dapper

Beispiel: Aweile awwa dabba!

Das Adjektiv dapper ist die dialektale Variante vom standarddeutschen tapfer mit der Bedeutung ‚mutig im Kampf’. Im süddeutschen Raum wurde das ursprüngliche -p- zu -pf- verschoben, und diese Variante ist auch ins Standarddeutsche eingegangen. In den mitteldeutschen und norddeutschen Dialekten hat sich – genau wie bei Appel vs. Apfel – das das -p- noch erhalten. Neben ‚mutig’ kann es auch noch ‚tüchtig / flink / schnell’ bedeuten, was insbesondere die Arbeits-, Ess- oder Trinkgeschwindigkeit der Menschen beschreibt.


Schnäkes/schnäken

Beispiele: Ich honn da’ss schunn gudd hunnerdmohl gesaad, dasse voorm Esse nix  schnääge sollschd! (Saarbrücken-Ensheim)

Das Wort geht zurück auf das mittelalterliche Verb snöuken beziehungsweise schnäuken, was so viel bedeutet wie ‚heimlich gehen’. Es wird wohl zunächst für das heimliche Suchen nach oder Naschen an (verbotenen) Leckereien gestanden haben. Außerdem sind schnäkelige Personen sehr wählerisch beim Essen picken sich immer nur die besten Sachen heraus. Das saarländische Verb schnäken steht ganz nah an der Grundbedeutung immer noch für das Naschen/Essen/Kaufen von Süßigkeiten. Aber auch die Süßigkeiten selbst können mittlerweile mit dem Substantiv Schnäkes bezeichnet werden.


Fubbes

Beispiel: Mach net so en Fubbes!

Das Wort Fubbes hängt mit dem Verb fuppen zusammen, was so viel wie ‚springen/hüpfen’ bedeutet. Ein Fupp ist folglich ein Hüpfer oder Sprung. Insbesondere Narren oder Clowns sind dafür bekannt, dass sie sich meist wild hin und her bewegen. Entsprechend ist ein Fubbes jemand, der Quatsch macht oder sich wie ein Narr verhält. Im Saarland kann mittlerweile auch der Quatsch selbst, den man veranstaltet, als Fubbes bezeichnet werden. Im Merziger Raum findet sich zudem die Bedeutung einer etwas beleibteren Frau beziehungsweise eines beleibteren Hinterteils, das beim Gehen wackelt.


Bucks

Beispiel: Sie hat die Buckse an [in der Ehe]. (Saarbrücken-Ensheim)

Das Wort Bucks ist im Saarland die allgemeine und neutrale Bezeichnung für das Kleidungsstück ‚die Hose’. Die Herkunft ist nicht sicher geklärt. Wahrscheinlich ist es als Lehnwort aus dem norddeutschen Raum, wo es in der Form Bokse/Bökse dieselbe Bedeutung trägt, ins Saarland gelangt.


lue/luen

Beispiel: Luu moo doo/loo!

Das Verb lugen wird im heutigen Standarddeutschen nicht mehr verwendet. Es bedeutet ‚schauen/gucken/aussehen’ und wird vor allem noch in den Dialekten im Saarland, in Südwestdeutschland und in der Schweiz gebraucht. Die Schweizer haben das -g- in der Mitte des Wortes noch beibehalten (Uf wiederluege ‚Auf Wiedersehen’), während es im Saarland weggefallen ist. Auch das englische Verb to look ‚blicken/erscheinen’ ist gleichen Ursprungs.


Artikel mit anderen teilen