Blick über Neunkirchen (Foto: Alexander M. Gross)

100 Jahre Neunkirchen - Was war, was kommt?

Tabea Prünte   01.04.2022 | 08:23 Uhr

Von der Stahlstadt zur Dienstleistungsstadt, vom Bundesligisten zum sechstklassigen Saarlandligisten, von der Stadt der blühenden Industrie zur Stadt, die mit den Folgen der Stahlkrise zu kämpfen hat. Neunkirchen hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Über die vergangenen und die nächsten 100 Jahre der zweitgrößten Stadt im Saarland.

Eine "urbane", aber "naturnahe" Stadt, "interessant", "langweilig", "geschichtsträchtig", "vertraut", "dreckig", eine "Musicalstadt", eine "Arbeiterstadt mit ehrlichen Schaffern" oder doch nicht mehr als "eine Ansiedlung von Menschen um ein Eisenwerk und den Bergbau"? Die "Neinkeijer" verbinden ganz Verschiedenes mit ihrer Heimatstadt. Doch - da sind sie sich sicher: Es ist "eine Stadt zum Leben".

Mit drei Personen, die die Stadt in den vergangenen Jahrzehnten geprägt haben, blicken wir nostalgisch auf die Geschichte zurück und wagen einen Blick in die Zukunft.

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Neunkirchen wird zur Stadt

Es ist eine Stadt, die noch gar nicht so alt ist - gerade einmal 100 Jahre. An einem Freitag kurz vor Weihnachten im Jahr 1921 stand fest: Neunkirchen wird Stadtrechte erhalten. Am 1. April 1922 - vor genau hundert Jahren also - war es schließlich soweit: Das ehemals größte Dorf Preußens wurde zur künftigen Stadt, indem sich die Gemeinden Wellesweiler, Niederneunkirchen und Kohlhof mit der Gemeinde Neunkirchen vereinigten. Rund 38.000 Einwohnerinnen und Einwohner zählte Neunkirchen zu dem Zeitpunkt laut der Stadtgeschichte.

Innerhalb dieses vergangenen Jahrhunderts hat die Stadt, aus der saarländische und über-saarländische Bekanntheiten wie Erich Honecker, Günter Rohrbach, Thomas Hayo oder Tobias Hans hervorgegangen sind, eine bewegte Geschichte hinter sich gebracht: Es entwickelte sich von der Stahlstadt zur Dienstleistungs- und Einkaufsstadt, vom Fußball-Bundesligisten zum sechstklassigen Saarlandligisten, von der Stadt der blühenden Industrie zur Stadt, die - wie so viele Orte - um die Auswirkungen des demografischen Wandels fürchten muss.

Erich Honecker zu Besuch in seiner Heimat Neunkirchen
Video [SR.de, Felix Schneider, 01.04.2022, Länge: 03:37 Min.]
Erich Honecker zu Besuch in seiner Heimat Neunkirchen


Der industrielle Anfang der Stadt

Zwei Faktoren haben nicht nur das Saarland als Ganzes, sondern vor allem auch die Industriestadt Neunkirchen während des vergangenen Jahrhunderts geprägt: Kohle und Stahl. Beides verhalf der Stadt sowohl zum wirtschaftlichen Auftrieb - der Niedergang dieser Industriezweige drohte aber ebenso, ihren wirtschaftlichen Absturz zu verursachen. Strukturwandel lautete der Schlüssel der damaligen sowie noch immer der heutigen Zeit.

Der ehemalige Oberbürgermeister Friedrich Decker (im Amt von 1990 bis 2009) bezeichnet die städtischen Anfänge Neunkirchens als "eine Ansiedlung von Menschen, die hier gearbeitet haben und dafür von überall herkamen". Im Zuge der Industrialisierung sei die Stadt dann schnell gewachsen.

Neunkirchen mit allen Sinnen

"Die Verzahnung zwischen Werk und Stadt war in Neunkirchen schon extrem mit all den Folgen", die laut Decker mit allen Sinnen zu spüren waren: Staubemissionen, Hochofenabstich, Kokerei - all das habe den "durchschlagenden Geruch" der Stadt ausgemacht, erinnert sich Decker. Die Stadt war laut, der Staubniederschlag war "gewaltig" und an Wäschetrocknen an der Luft sei an manchen Tagen gar nicht zu denken gewesen, "und zwar nicht nur in unmittelbarer Nähe zum Eisenwerk, sondern im ganzen Stadtgebiet der Innenstadt."

All das war in Neunkirchen aber geduldet, blickt Decker zurück. An Protestaktionen könne er sich nicht erinnern. Denn: All das habe die Arbeitsgrundlage der dort lebenden Menschen bedingt: "Das Neunkircher Eisenwerk war der Mittelpunkt, die Seele und die Erwerbsbasis für die Stadt. Die Stadt hat im Takt des Eisenwerks gelebt und gearbeitet."

Die Katastrophe mitten in der Stadt

Am 10. Februar 1933 ist dann der Takt der Stadt aus dem Rhythmus geraten: Der Gasometer des Neunkircher Eisenwerks explodierte. Ein großer Knall, zitternde Scheiben, eine mächtige Stichflamme, Rettungsmannschaften überall in der Stadt - so erinnern sich Zeitzeugen an die Katastrophe, bei der mehr als 60 Menschen sterben, etwa 190 Menschen schwerverletzt, hunderte weitere Personen leicht verletzt wurden.

Das Ereignis habe sich in das Gedächtnis dieser Generation "eingebrannt", so Friedrich Decker als späterer Oberbürgermeister Neunkirchens.

Neunkirchens schwarze Stunde – Die Gasometer-Explosion
Video [SR.de, Felix Schneider, 01.04.2022, Länge: 00:54 Min.]
Neunkirchens schwarze Stunde – Die Gasometer-Explosion

"Das macht doch nie zu"

Ebenso das für viele plötzliche Ende des Eisenwerks im Jahr 1982. Decker, der in der Stadtverwaltung als Stadtplaner angefangen hatte, erinnert sich noch an eine Frage aus seinem Vorstellungsgespräch 1975: Was machen Sie, wenn das Eisenwerk schließt? "Was schwätzt du denn für ein dummes Zeug, das macht doch nie zu", seien die anderen Anwesenden beim Vorstellungsgespräch seiner Antwort zuvor gekommen, erinnert er sich. "Das hat damals niemand geglaubt, weil 74 das beste Stahljahr war. Die haben nochmal neue Leute eingestellt", sagt Decker heute.

Als dann 1982 doch die Schließung kam, sei die Stimmung unter den Leuten anfänglich "depressiv" gewesen. Nicht nur, aber auch, weil zahlreiche Arbeitsplätze an dem Eisenwerk hingen. Sozialpläne wurden erstellt, die die Folgen der Schließung für die Arbeitnehmer auffangen sollten. Dadurch sei das Ende "sozial abgefedert" verlaufen, sagt Decker.

Das Ende einer Ära

Doch nicht nur die Stahlproduktion hat das Leben der Menschen in Neunkirchen bestimmt, auch der Bergbau. Der typische Neunkircher sei der Hüttenmann gewesen.

Als die Hütte dann geschlossen hat, "das war schon ein Schock, auch für mich", sagt dazu Friedrich Decker. Der Strukturwandel als ein Akt "gewaltiger Arbeit" sei das Hauptaugenmerk seiner gesamten Amtszeit gewesen. Rein städtebaulich galt es, die Stadt rundum neu zu gestalten, zu sanieren und zu modernisieren. Denn nach der Zerstörung, die Neunkirchen im Zweiten Weltkrieg erlitten hatte, sei vieles zwar sehr schnell, aber dadurch eben auch in alten Strukturen aufgebaut worden. "Was damals hopplahopp ging, hat sich 30 Jahre später dann schon in Baumängeln bemerkbar gemacht."

Das Stadtbild allgemein beschreibt Decker ähnlich einer Lunge: Ein Lungenflügel sei die Innenstadt gewesen, den anderen hätten die Industriestandorte ausgemacht. Mit dem Ende des Eisenwerks sollte eine Teilfläche zur Erweiterung des Innenstadt-"Lungenflügels" genutzt werden, der andere Teil sollte für Gewerbeansiedlungen, die öffentliche Infrastruktur und auch zur Begrünung aufbereitet werden.

Der Gedanke sei dann gewesen: Der Wegfall des Industriezweigs muss durch einen anderen Wirtschaftsbereich aufgefangen werden. Neunkirchen sollte zur Einkaufsstadt werden. Wo das Werk stand, sollten Geschäfte hin - Einkaufszentrum statt Eisenwerk.


Neunkirchens Weg zur Einkaufsstadt

Die Idee des Saarpark-Centers entstand. "Wir haben dann Investoren gesucht und die ECE gefunden", so Friedrich Decker. Die Eröffnung erfolgte im Sommer 1989. Zweierlei Zwecken sollte das Einkaufszentrum dienen: Neue Arbeitsplätze und ein neues Image für die Stadt.

Mit mehreren hundert Arbeitsplätzen sei der erste Faktor zwar "nicht so gewaltig" bedient, als würde man eine große Firma mit tausenden Arbeitsplätzen ansiedeln. 22.000 Arbeitsplätze seien schließlich nach dem Niedergang der Montanindustrie zu ersetzen gewesen. "Aber es hat eine gewisse Arbeitsplatzsituation befriedigt", ist sich Decker sicher.

Andere Vorschläge gab es zwar, doch war dabei wichtig, dass Neunkirchen ein "geschlossenes Stadtbild" wird. "Es gab ja bis dahin keine Stadtmitte. Stadtmitte war das Eisenwerk, Tor drei", so Decker. Alternativen und weitergehende Pläne seien "damals nicht finanzierbar" gewesen. Und ohne Saarpark-Center hätte die Stadt eine "Riesenlücke" zu befürchten gehabt.

Aus der Hüttenstadt wird die Einkaufsstadt Neunkirchen
Video [SR.de, Felix Schneider, 01.04.2022, Länge: 03:45 Min.]
Aus der Hüttenstadt wird die Einkaufsstadt Neunkirchen

Globuseröffnung in Neunkirchen

Die Denkweise, die schon damals das Saarpark-Center in die werdende Einkaufsstadt Neunkirchen geholt hat, scheint nun erneut Anklang gefunden zu haben: Erst in dieser Woche hat ein neuer Globusmarkt zentral in Innenstadtnähe eröffnet.

"Neunkirchen ist die Einkaufsstadt des Saarlandes und das Saarpark-Center ist das Herz", findet Jörg Aumann, der jetzige Oberbürgermeister der Stadt. "Und mit der Neueröffnung des Globus ist es fast so, als bekomme Neunkirchen noch eine zweite Herzkammer dazu."

Doch gebe es auch besorgte Stimmen, die durch die großen neuen Geschäfte ein Verdrängen der kleineren befürchten und sich mit dem Argument "Leerstand" gegen große Warenhäuser wehren. Mit dem Wissen über diese Befürchtungen habe man mit Globus allerdings "hart verhandelt", hält Aumann dagegen. Man habe einen Branchenmix gefunden, "der gut zu Neunkirchen passt", und man habe sich zum Beispiel gegen einen großen Buchladen oder andere Geschäfte durchgesetzt, die den Läden in der Innenstadt Konkurrenz machen könnten.


Borussia Neunkirchen in der Bundesliga

Für die Identität der Stadt war neben dem wirtschaftlichen Werdegang ein weiterer Bereich, beziehungsweise ein konkreter Ort wichtig: das Ellenfeldstadion, in dem sich die Borussia Neunkirchen in den 60er Jahren in die Bundesliga hochgespielt hat.

"Jeder hat die Mannschaft gekannt, das war also ein wahnsinniger Zusammenhalt hier. Und wenn gesungen wurde, 'Hoch lebe Eisen, hoch lebe Stahl, Borussia noch einmal' - das war gewaltig. Im Ellenfeld war der Teufel los", erinnert sich Friedrich Decker. "Und wie das aussah damals - Bundesligaspiele im Schlamm, das kann man sich gar nicht mehr vorstellen."

Borussia Neunkirchen in der Bundesliga
Video [SR.de, Felix Schneider, 01.04.2022, Länge: 02:30 Min.]
Borussia Neunkirchen in der Bundesliga


Neunkirchen als Kulturstadt

Und einen weiteren Identitätsstifter sollte die Stadt in den 2010er Jahren schwerpunktmäßig entwickeln: die Kultur. So wurde Neunkirchen unter dem damaligen Oberbürgermeister Jürgen Fried zur Musicalstadt. Mit der Eröffnung der Neuen Gebläsehalle verfügte die Stadt nun über eine passende Veranstaltungshalle. Die Aufführung des ersten Musicals dort habe Fried "auch ein bisschen stolz gemacht".

Eine nachhaltige Stadtentwicklung, die Neunkirchen nötig gehabt habe, funktioniere nicht ohne Kulturentwicklung, ist er sich sicher. "Deshalb haben wir uns damit sehr viel Mühe gemacht." Denn ein großes Kulturangebot fördere ein gutes Image der Stadt.

Vielfalt mit Abstrichen

Es sei nicht nur das kulturell vielfältige Angebot in der Stadt, sondern die Vielfalt allgemein, die die Stadt lebenswert mache, findet Jürgen Fried. Die Mischung aus Freizeitangeboten, dem schulischen Angebot, den Vereinen. Die Mischung aus städtischer und ländlicher Umgebung.

Doch eben hier gibt es auch Mankos. Mancherorts fehle die Nahversorgung. Ohne Auto kann es schwierig werden, wenn die nächste Bushaltestelle weit weg ist.

Als in Neunkirchen noch die Straßenbahn fuhr
Video [SR.de, Felix Schneider, 01.04.2022, Länge: 02:07 Min.]
Als in Neunkirchen noch die Straßenbahn fuhr

Gerade Neunkircher Jugendliche bemängeln, dass es für sie zu wenig Angebote gebe. Der 15-jährige Gaetano Gelardi würde sich zum Beispiel eine Disco wünschen. "Mich stört, dass es hier in der Stadt langweilig ist. Wenn man abends nach 20.00 Uhr in die Stadt gehen möchte, dann hat alles schon zu." Skateparks, Basketballfreiplätze, mehr Sportplätze generell oder einen Park, ähnlich des Deutsch-Französischen Gartens in Saarbrücken, wünschen sich auch andere Jugendliche.

Niklas Dony, 13 Jahre alt, wirft außerdem ein, dass in der Stadt viel Müll herumliege. "Wenn das nicht so wäre, wäre es eine schöne Stadt."

Trotzdem sind sich die Jugendlichen beinahe einig darin, auch später in Neunkirchen bleiben zu wollen - dann aber eher in den Stadtteilen etwas außerhalb, wegen der "dörflichen und ruhigen Atmosphäre", sagt die 16-jährige Cindy Diener.


Die nächsten 100 Jahre?

100 Jahre hat Neunkirchen als Stadt hinter sich - 100 Jahre voller Wandel. Ist die große Herausforderung gelungen: der Strukturwandel? "Ja, das ist uns gelungen, so wie wir es uns vorgenommen haben", meint Friedrich Decker. Dass die Stadt "noch über Jahrzehnte" im Strukturwandel sein wird, sieht Jürgen Fried. Der "äußere Strukturwandel", also neue Gewerbeansiedlungen und städtebauliche Maßnahmen, sei bereits behoben. Langfristig werde der "innere Strukturwandel" und damit ein Imagewandel der Stadt und der identitäre Wandel der Menschen noch länger andauern.

Strukturwandel sei "kein Sprint, das ist ein Marathon" und daher "noch lange" nicht abgeschlossen, meint auch Jörg Aumann. Ihren Industrieschwerpunkt habe die Stadt zudem nicht vollständig aufgegeben, betont er mit Verweis auf dort angesiedelte Unternehmen wie die ZF, Saarstahl oder Eberspächer.

Welche Zukunft hat die Stadt?
Video [SR Fernsehen, (c) SR, 31.03.2022, Länge: 05:22 Min.]
Welche Zukunft hat die Stadt?

Innenstadt beleben

Nun bleibe es jedoch herausfordernd, die Innenstadt weiter zu beleben. Jürgen Fried habe sich seinerzeits zum Beispiel zum Beispiel durch den Bau der Bliesterrassen für mehr Aufenthaltsqualität eingesetzt.

Man müsse außerdem dafür sorgen, dass sich die Menschen sicher fühlen und gerne in die Innenstadt kommen. Zwar geht die Kriminalität laut polizeilicher Statistik sogar zurück, trotzdem müsse sich die Stadtverwaltung auch für ein "subjektives Sicherheitsgefühl" einsetzen, betont Aumann - zum Beispiel durch mehr Polizeipräsenz.

Außerdem bleibt Neunkirchen vom demografischen Wandel nicht verschont. Die Menschen werden älter, durch die Geburtenrate könne dies kaum kompensiert werden. Zuwanderung aus anderen Städten und Ländern könnte dem Trend entgegenwirken. Herausfordernd sei dadurch aber, die Menschen weiterhin zueinander zu bringen. "Der Schlüssel liegt langfristig in guter Bildung, nur dann kann Integration funktionieren", so Aumann.

Ein bisschen träumen

Was die nächsten 100 Jahre bereithalten werden - die mögliche Antwort auf diese Frage sei aus heutiger Perspektive kaum nachvollziehbar, ist sich Decker sicher. Ähnlich äußert sich auch sein damaliger Amtsnachfolger Jürgen Fried: "Ich glaube, so weit kann man nicht vorausschauen."

Wäre dies doch möglich, so gerät Jörg Aumann ins Träumen: "Borussia Neunkirchen spielt Champions League, uns gelingt es, CO2-freien Stahl zu produzieren, der weltweit nachgefragt ist und Neunkirchen hat eine Altstadt, wo die Leute gerne gemeinsam hingehen."

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