Sprengstoff TNT (Foto: Niklas Resch/SR)

Sprengstoff-Fund bei Bundespolizei in Homburg

Thomas Gerber und Niklas Resch   22.03.2021 | 05:00 Uhr

In der Hundezwingeranlage der Bundespolizei in Homburg-Beeden wurden Anfang Februar mehrere hundert Gramm Sprengstoff entdeckt. Teile mussten aus Sicherheitsgründen vor Ort gesprengt werden. Die Staatsanwaltschaft sah keinen Anlass für Ermittlungen. Schlamperei oder ein strukturelles Problem? Viele Fragen sind noch offen.

"Alles völlig ungefährlich", sagt Hundeführer Christian Wilhelm. Der Bundespolizist trainiert gerade mit seinem Hund "Junior" das Aufspüren von Sprengstoff auf dem Übungsgelände in Beeden. Vier Holzkisten hat Wilhelm aufgestellt - in einer befindet sich eine kleinere Menge TNT. "Junior" macht die Schnüffelei sichtlich Spaß. Der drei Jahre alte Rüde, der in der Ausbildung zum Schutz- und Spürhund ist, läuft aufgeregt zwischen den Holzkisten hin und her. Plötzlich macht "Junior" Platz - vor der Kiste, in der die TNT-Proben deponiert sind. Zur Belohnung bekommt er von seinem "Dienstherrchen" sein Spielzeug, das er brav und wedelnd apportiert.

Video [aktueller bericht, 22.03.2021, Länge: 3:13 Min.]
Sprengstoff bei der Bundespolizei gelagert

Sprengstoff eigentlich streng kontrolliert

Bundespolizei: Sprengstofffund im Hundezwinger
Audio [SR 3, Thomas Gerber, 19.03.2021, Länge: 03:12 Min.]
Bundespolizei: Sprengstofffund im Hundezwinger

Die TNT-Probe, so Wilhelm, könne nicht einfach so in die Luft gehen. Aber natürlich werde peinlich darauf geachtet, dass der Sprengstoff nicht in die falschen Hände komme. Morgens werde das Material aus dem Bunker in Bexbach abgeholt und nach dem Training abends dann grammgenau dort wieder abgeliefert. Dieser Dienstweg wurde aber offenbar von einem Kollegen von Wilhelm nicht immer eingehalten.

Brisanter „Zufallsfund“ in Hundezwingeranlage

Am 3. Februar hatten Beamte der Koblenzer Direktion die Hundezwingeranlage der Bundespolizei inspiziert. Dies geschah im Rahmen einer "innerbehördlichen Dienst- und Fachaufsicht", erklärt die Koblenzer Direktion auf SR-Anfrage. Was der ursprüngliche Hintergrund bei dieser Inspektion war, dazu wollte die Direktion keine Angaben machen.

Nach SR-Informationen ging es eigentlich zunächst um die umstrittenen Methoden bei der Hundeausbildung und um Belange des Tierschutzes. Vor Ort in Beeden haben die Inspekteure dann aber offenbar nicht schlecht gestaunt, machten einen "Zufallsfund". In einer Holzkiste und einem Tresor entdeckten sie "Substanzen, die von den Aufsichtsführenden nicht unmittelbar eindeutig zugeordnet werden konnten." Allerdings handelte es sich um Sprengstoff. Spezialisten der Landespolizei wurden hinzugezogen, um "jegliche Gefahr auszuschließen".

Am Tag danach wurden die Substanzen "delaboriert" und "fachgerecht entsorgt" - also kontrolliert zur Detonation gebracht. Die Bundespolizei spricht zunächst von Substanzen im "Grammbereich", bestätigt dann aber auf Nachfrage SR-Informationen, wonach es sich um folgende Mengen handelte: 140 Gramm TNT, 70 Gramm C4 (Hexogen) und 30 Gramm Schwarzpulver.

Zwar kein Zünder, aber „beachtliche Mengen“

Für Pyrotechniker Oliver Wetzstein, den die Sprengstoffexperten der Landespolizei hin und wieder als Berater konsultieren, sind das keine "Riesenmengen, aber doch beachtlich“. So benötige man für eine Handgranate rund 60 Gramm TNT - ein Sprengstoff, der wie C4 allerdings nicht von selbst in die Luft gehe, sondern nur mit Hilfe eines Zünders seine verheerende Wirkung erziele.

Ein Teil des Materials im Beedener Hundezwinger war zudem ganz offensichtlich "überlagert", so die Bundespolizei. Pyrotechniker Wetzstein erklärt: "Das Schwarzpulver kristallisiert, ist instabil und kann leichter explodieren.“ Die Sprengkraft von Schwarzpulver sei aber deutlich geringer als von TNT oder C4.

Schwarzbestände oder Übungsmaterial?

Auch wenn von dem Zufallsfund in Beeden keine akute Gefahr ausgegangen sein mag, für die Bundespolizei ist dennoch Gefahr im Verzug. Denn es bleiben viele Fragen offen: Wie kann es sein, dass TNT und Co. einfach so in einer Hundezwingeranlage lagern - nicht für jeden, aber doch relativ leicht zugänglich? Woher stammt das Material? Hat da jemand Sprengstoff gehortet - vielleicht ja gar mit krimineller Energie? Ein Skandal wie der Bundeswehrelite-Einheit KSK?

Darauf gibt es keine konkreten Hinweise, die Bundespolizei-Direktion gibt Teilentwarnung. Es handele sich um "dienstliche, für die Fortbildung (Hundeausbildung) erforderliche Stoffe", um "Riechproben". Da es sich nicht um "Schwarzbestände" sondern um zugewiesenes Material handelte, sah auch die Staatsanwaltschaft Saarbrücken keine Veranlassung, ein Ermittlungsverfahren einzuleiten. Denn das Sprengstoff-Gesetz gelte für die Bundespolizei so nicht, für diese Behörden würden andere Regeln gelten.

Interne Prüfung wegen Sprengstoff-Fund

Allerdings muss die Bundespolizei dann auch dafür sorgen, dass mit den Substanzen ordnungsgemäß umgegangen wird. Der Sachverhalt, insbesondere "die Art und Weise der Lagerung", sei Gegenstand einer "internen Prüfung" - teilt die Koblenzer Direktion dazu mit. Schon jetzt aber steht wohl fest: Eine "grammgenaue" Kontrolle des Übungsmaterials, das eigentlich nach Bexbach in den Bunker gehörte, hat nicht stattgefunden.

Ob die Bundespolizei ein strukturelles Problem hat, ob Vorschriften und Kontrollen zu lax sind oder ob es schlichtweg menschliches Versagen und Schlamperei waren, ist offen. Nach SR-Informationen laufen inzwischen Vorermittlungen für ein Disziplinarverfahren gegen den damals verantwortlichen Hundeführer und Polizeihauptkommissar. Der ist inzwischen nicht mehr in Beeden stationiert, sondern macht sich in Ostdeutschland bei der Ausbildung von Kadaverhunden im Kampf gegen die Schweinepest verdient.

Über dieses Thema haben auch die SR-Hörfunknachrichten am 22.03.2021 berichtet.

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