Illustration: Hirnthrombose (Foto: IMAGO / agefotostock)

Was wir über Blutgerinnsel und AstraZeneca wissen

Melina Miller   25.03.2021 | 10:50 Uhr

Nach einem kurzen Stopp sind die Impfungen mit dem AstraZeneca-Impfstoff auch im Saarland wieder angelaufen. Ausgesetzt wurden sie, weil nach der Impfung in einigen Fällen Thrombosen aufgetreten sind. Ein Überblick über die wichtigsten Fragen rund um das Thema Blutgerinnsel im Gehirn.

Insgesamt sind nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Neurologie nach einer AstraZeneca-Impfung in Deutschland bis Mitte März 13 Fälle von Blutgerinnseln im Gehirn festgestellt worden. Aufgetreten sind die Thrombosen im Sinus, einem Blutleiter im Gehirn, oder in Hirnvenen.

Welche Anzeichen gibt es?

Das Leitsymptom einer Sinus- oder Venenthrombose sind Kopfschmerzen. Nach Angaben von Dr. Andreas Binder, Chefarzt für Neurologie am Klinikum Saarbrücken, kommt eine Thrombose infrage, wenn diese Kopfschmerzen folgende Charakteristika erfüllen:

  • die Schmerzen nehmen stetig zu
  • die Schmerzen treten innerhalb von zwei bis drei Wochen nach der Impfung auf
  • die Schmerzen dauern mehrere Tage an
  • die Schmerzen fühlen sich anders an als andere, bisherige Kopfschmerzen
  • übliche Schmerzmittel wirken nicht oder nur kaum
  • es können Lähmungserscheinungen, Sprach- oder Gefühlsstörungen oder epileptische Anfälle hinzukommen

Diese Symptome nennt auch die Deutsche Gesellschaft für Neurologie. Wichtig sei dabei vor allem der zeitliche Zusammenhang mit der Impfung, erklärt Binder. Kopfschmerzen, die ein bis drei Tage nach der Impfung auftreten und sich nicht "neuartig" anfühlen, seien eine sehr häufige Nebenwirkung der Impfung. Sie trete bei rund 50 Prozent der Geimpften auf und sei kein Anzeichen für eine mögliche Thrombose.

Menschen, die über "normale" Kopfschmerzen nach der Impfung klagen, müssen sich also erst einmal keine Sorgen machen, so die Experten. "Die Aufklärung ist hier sehr wichtig", betont Andreas Binder - auch, um die Notaufnahmen nicht zu überlasten.

Herausforderung für Kliniken

"Das wird uns vor Herausforderungen stellen", sagt Umut Yilmaz, Leitender Oberarzt der Klinik für diagnostische und interventionelle Neuroradiologie des Universitätsklinikums in Homburg. Schon jetzt sei die Nachfrage nach Untersuchungen auf Hirnthrombosen in der Uniklinik gestiegen.

Diese Entwicklung sieht auch das Winterberg-Klinikum: Seit Bekanntwerden der Thrombosefälle nach Impfungen kämen mehr Menschen als vorher in die Notaufnahme, um sich darauf untersuchen zu lassen. "Bei noch keinem einzigen dieser Fälle wurde tatsächlich eine derartige Thrombose festgestellt", sagt Binder.

Wie wird eine Hirnthrombose diagnostiziert?

Bei wem die Symptome allerdings der obigen Auflistung entsprechen, der sollte einen Arzt aufsuchen. "Die Diagnose ist letztlich nur über eine Bildgebung möglich, nicht über die Symptomatik", betont Umut Yilmaz. Bildgebung heißt, dass ein CT oder ein MRT mit einer Gefäßdarstellung gemacht wird. So könne das Blutgerinnsel erkannt werden.

Wird eine Sinus- oder Venenthrombose festgestellt, gibt es den Medizinern zufolge gute Behandlungsmöglichkeiten. "Wir geben dann Blutverdünner - die Prognose ist meist gut", erklärt Andreas Binder.

Nach Angaben von Umut Yilmaz liegt die Wahrscheinlichkeit, an einer Sinus- oder Hirnthrombose zu sterben, bei fünf bis zehn Prozent.

Zielgerichtete Bluttests möglich

Forscher aus Greifswald, die sich mit den Komplikationen nach den AstraZeneca-Impfungen beschäftigt haben, haben bereits eine mögliche Ursache für die aufgetretenen Thrombosen gefunden - und damit auch eine zielgerichetete Behandlungsmöglichkeit, so Binder.

Demnach hat der AstraZeneca-Impfstoff bei den Probanden zu einer Abwehrreaktion der Blutplättchen geführt. Das habe zur Folge, dass sich die Butgerinnsel im Gehirn gebildet haben.

"Diese Art von Abwehrreaktion lässt sich leicht über Bluttests feststellen", erklärt Binder. Diese seien in den Kliniken sowieso vorhanden, ebenso wie die Medikamente zur Blutverdünnung. "Dass dieser Mechanismus hinter den Komplikationen nun offenbar bekannt ist, ist beruhigend." Denn so könne mit entsprechenden Medikamenten reagiert werden.

"Klassische" Thrombose meist in Beinen

Grundsätzlich gebe es - bis auf den Ort, an dem sich das Blutgerinnsel bildet - keinen Unterschied zwischen einer "klassischen" Thrombose, die meist in den Beinen auftritt, und einer Hirnthrombose.

Die Ursachen der Blutgerinnsel seien prinzipiell dieselben, erkärt Andreas Binder. Dazu zählen unter anderem eine angeborene Gerinnungsstörung, Rauchen oder die Einnahme von Hormonen.

Bei den Fällen nach den Impfungen gehe man den neusten Erkenntnissen aus Greifswald zufolge davon aus, dass diese Faktoren keine bedeutsame Rolle spielen. Stattdessen spielt die Immunreaktion die entscheidende Rolle.

Vor allem junge Frauen betroffen

Unabhängig von der Impfung treten Hirnthrombosen häufig bei jungen Frauen auf. "70 bis 75 Prozent der Patienten sind junge Frauen", sagt Umut Yilmaz.

Auch bei den Komplikationen nach den Impfungen waren Frauen überproportional betroffen. Von den insgesamt 13 aufgetretenen Thrombosen in Deutschland wurden zwölf bei Frauen festgestellt - alle im Zeitraum von vier bis 16 Tagen nach der Impfung, wie das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) mitteilte. Das PEI ist in Deutschland für die Arzneimittelsicherheit zuständig.

Risiko insgesamt gering

Insgesamt ist das Risiko für eine Sinus- oder Venenthrombose gering, sind sich die Experten einig. "Auch, wenn es durch die Impfung leicht erhöht zu sein scheint", sagt Umut Yilmaz.

Laut der Europäischen Arzneimittelagentur EMA und dem Paul-Ehrlich-Institut überwiegt der positive Nutzen der Impfung. Dem schließt sich auch das Forschungsteam aus Greifswald an.

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