Schüler einer Abschlussklasse führen Corona-Schnelltests durch (Foto: picture alliance/dpa | Sebastian Gollnow)

Lernen, Lockdown, Leistungsdruck – Was Corona mit Schülern macht

Tabea Prünte   20.02.2022 | 08:38 Uhr

Aufgrund der pandemiebedingten Ausnahmesituation fordern Schülerinnen und Schüler im Saarland mehr Mitspracherecht. Die Corona-Regeln für Schulen betreffen ihre gesamte Lebenslage, erklärt eine Schulpsychologin. Das werde allerdings zu wenig gesehen, klagen Schülervertreter.

"Ich kann kaum noch zählen, wie viele von uns ein Burn-out haben. Wie viele jeden Tag in Weinen ausbrechen. Das Thema Depression ist immens. Der Leistungsdruck ist immens", sagt Amira Palisch. Sie macht in diesem Jahr ihr Abitur und hätte sich dafür bessere Bedingungen gewünscht.

Bereits im vergangenen Jahr hatte sie gemeinsam mit rund 300 weiteren Oberstufenschülerinnen und -schülern die Schülerinitiative Saarland 2021 gegründet, um auf Schwierigkeiten aufmerksam zu machen.



"Die Forderungen sind lauter geworden"

Eine damals gestartete Petition forderte unter anderem beständigere Corona-Regeln in Schulen, eine Anpassung der Zulassungsbeschränkungen für Studiengänge, mehr Anlaufstellen für die mentale Gesundheit sowie mehr Mitspracherecht für Schülerinnen und Schüler. Die Fortschritte seitdem? "Eher mau", findet Palisch.

Noch immer seien Missstände in den Schulen zu beklagen, die Initiative nennt wiederholt das Thema Lüftungsfilter sowie die verzögerte Ausgabe der Leihgeräte. Es fehle in all den bereits bekannten Bereichen noch immer an nachhaltigen Lösungen, äußert sich die Initiative. "Unsere Forderungen sind nicht gleich geblieben. Sie sind lauter geworden, sie sind mehr geworden."

Stärkere psychische Belastungen

Palisch ist der Meinung, die psychischen Belastungen seien über die Zeit sogar noch schlimmer geworden. Zwar seien einige Maßnahmen hilfreich gewesen, zum Beispiel die Kürzungen des Unterrichtsstoffs. "Doch für viele ist der Schaden bereits angerichtet, es wurde zu spät gehandelt." Der Effekt schlage sich in den Leistungen nieder, weiß die Abiturientin.

"Viele sind überarbeitet, motivationslos und können einfach nicht mehr." Die Schülerinnen und Schüler hätten viele Pflichten zu tragen, jedoch kaum die Möglichkeit, für ihre Rechte einzustehen. Vieles gehe unter - auch die psychischen Belastungen, so Palisch: "Aufgrund unseres Alters tut man vieles als 'Begleiterscheinungen der Pubertät' ab und nimmt uns schon wieder nicht ernst genug."

Ängste der Kinder vielseitig

Schulangst, Schulvermeidung, Angst vor einer Infektion, Angst vor schlechten Noten - eigentlich "alles, was mit Ängsten zu tun hat", zählt die Schulpsychologin des Regionalverbands Saarbrücken, Andrea Spies, die Belastungen der Kinder und jungen Erwachsenen auf. All das habe immense Auswirkungen: von depressiven Verstimmungen bis hin zu psychischen Störungen. Bei einigen zeige sich das auch psychosomatisch, also an körperlichen Symptomen.

Spies beschreibt, dass sich die Schülerinnen und Schüler jeden Tag auf neue Realitäten einstellen müssten - mal sei es der Lockdown und das Homeschooling, dann doch zurück in den Präsenzunterricht, bei dem man aber auch nie wüsste: 'Muss ich wohl demnächst in Quarantäne?' oder 'sind morgen alle meine Freunde noch da?'

Gefühl von Ausgrenzung

"Durch die wiederholten Lockdowns konnten viele Schülerinnen und Schüler nicht gut lernen, haben nun Konzentrationsprobleme, sind unmotiviert, reizbar, teilweise aggressiv. Ohne dass wir uns darum kümmern, ist eine Wissensvermittlung nicht nachhaltig", lautet die Einschätzung der Expertin. Aber: "Dass der Unterricht wieder in Präsenz stattfindet, ist zumindest eine Entlastung für die sozialen Bedürfnisse."

Jedoch dürfe man dabei die Angst der Jugendlichen, sich selbst zu infizieren und das Virus nach Hause zu tragen, nicht unterschätzen. Die regelmäßigen Tests sollen auf der einen Seite zwar für eine gewisse Sicherheit sorgen, stünden aber symbolisch auf der anderen Seite genauso für eben diese Unsicherheiten. Denn das Testergebnis hat immer auch soziale Auswirkungen: Positiv zu sein, bedeutet, aus dem sozialen Gefüge der Schule herauszufallen - denn dann geht es erst einmal in Isolation. „Ausgrenzung wird dabei nicht aktiv von der sozialen Gruppe betrieben, sondern ist eine Folge der Testungen“, so Spies.

Dikussionsthema Impfung

Eine andere soziale Auswirkung bringe die Frage nach der Impfung mit sich, die unter Schülerinnen und Schülern sowie innerhalb der Familien laut Spies offen diskutiert werde, weiß Spies aus Beratungsgesprächen.

Ab 16 Jahren haben Jugendliche die freie Wahl und können sich auch ohne die Einwilligung ihrer Eltern impfen lassen. Wenn sich also die Kinder anders entscheiden als die Eltern, "kann der Haussegen schonmal schiefhängen", so Spies.

Mehr Suizidphantasien seit Corona

Das gehe an den Betroffenen natürlich nicht spurlos vorüber. Zur Beratung bei der Schulpsychologin kommen Schülerinnen und Schüler aller Altersgruppen. „Kinder kriegen schon ganz viel mit an Themen, die gerade relevant sind. Sie versuchen, sich ein Bild zu machen und 'richtig' zu handeln", sagt Spies. "Je älter sie sind, desto eher nehmen sie am gesellschaftlichen Leben Teil und bilden sich ihre eigene Meinung." In Pandemiezeiten seien daher vermehrt auch ältere Schülerinnen und Schüler zur psychologischen Beratung gekommen.

Dass Sorgen und Ängste unter Kindern und Jugendlichen zugenommen haben, zeigt sich auch in einer Studie des Universitätsklinikums Hamburg. Spies erwähnt außerdem, dass in den vergangenen beiden Pandemiejahren Suizidphantasien oder selbstverletzendes Verhalten zugenommen haben.

Forderungen an die Politik

Die Erfahrungen der Schülerinnen und Schüler sowie der Schulpsychologin zeigen, dass es im pandemiegeprägten Schulalltag noch an zu vielen Stellen hake. Auch aus der aktuellen bundesweiten Petition "#WirWerdenLaut" geht hervor: "Die Situation ist an unseren Schulen unerträglich geworden". Sie wurde gestartet von Landesschülervertretungen verschiedener Bundesländer und richtet sich an die Entscheidungstragenden auf Bundesebene.

Innerhalb kurzer Zeit wurde die Petition mehrere Zehntausend Mal unterschrieben und hat auch in den Medien einige Wellen geschlagen. "Wir haben unsere Belastungsgrenze erreicht", lautet die Message der Unterzeichnenden.

Die saarländische Landesschülervertretung hat sich bisher nicht an der Petition beteiligt. "Wir gehen nicht mit allen Forderungen mit", begründet Lennart-Elias Seimetz als Landesschülersprecher. Er spricht sich zum Beispiel gegen die geforderte Aufhebung der Präsenzpflicht aus, außerdem sieht er keinen Mehrwert in PCR-Pooltestungen. Mitgehen würde er aber bei der Forderung nach kostenlosen FFP2-Masken und fügt hinzu, dass es den Schülerinnen und Schülern in einigen Punkten durch das Saar-Bildungsministerium schon leichter gemacht wurde, zum Beispiel dadurch, dass es für Haupt- und Mittelschulen erneut dezentrale Abschlussprüfungen geben wird.

Kein dezentrales Abitur

Dass auch die Abiturprüfungen dezentral durchgeführt werden, schließt das saarländische Bildungsministerium aus. Denn das würde dazu führen, "dass das saarländische Abitur in den anderen Bundesländern nicht mehr anerkannt werden kann", heißt es aus der Pressestelle. "Mit einem solchen 'Corona-Abitur' würden die saarländischen Abiturienten und Abiturientinnen einen Nachteil erleiden."

Das Bildungsministerium nennt als alternative Maßnahmen für die Abiturprüfungen die freiwillige zusätzliche Lernzeit sowie die Zeitverlängerung während der Prüfungen selbst. Auch seien seit Beginn des Schuljahres in allen Fächern bereits thematische Schwerpunkte für die Prüfungen gesetzt worden.

"Belastende Zeit für alle"

Landesschülersprecher Seimetz betont noch die Forderung nach mehr psychologischen Hilfsangeboten. "Im privaten und im schulischen Bereich sind die Belastungen gestiegen", bezieht er sich auf Ergebnisse einer Umfrage der Landesschülervertretung aus dem vergangenen Jahr. "Es ist eine belastende Zeit für alle."

Dem gestiegenen Bedarf an Unterstützung für Schülerinnen und Schüler pflichte das Bildungsministerium bei, so die Pressestelle. "Deshalb setzen wir uns für eine Stärkung der multiprofessionellen Teams an unseren Schulen ein" - dazu gehörten auch Personen aus dem Bereich der Schulsozialarbeit, die als Schnittstelle zur Jugendhilfe und zum schulpsychologischen Dienst gelten.

Mehr Mitspracherecht

Kritisch betrachtet Landesschülersprecher Seimetz die Quarantäneregeln. Seit einiger Zeit müssen nur noch die positiv getesteten Schülerinnen und Schüler selbst in Quarantäne, statt ganze Klassen. "Da entsteht das Gefühl, dass man d'accord geht damit, dass alle durchseucht werden", lautet Seimetz' Kritik.

Auf die Frage, ob sich die Schülerinnen und Schüler im Saarland genügend gesehen und gehört fühlen, antwortet er nur: "Wir fühlen uns informiert" und spricht von mehr nachträglicher Aufklärung als tatsächlicher Teilhabe am Entscheidungsprozess.

Ähnlich empfindet die Schülerinitiative Saarland 2021: "Es geht um unsere Leben, unsere Abschlüsse und dennoch werden wir nicht wahrgenommen."

Verweis auf Schulmitbestimmungsgesetz

Auf Nachfrage verweist das Schulministerium auf den regelmäßigen, "auch informellen" Austausch mit der Landesschülervertretung. Auch solle das Schulmitbestimmungsgesetz mehr Entscheidungsmöglichkeiten in die Schulen bringen und Schülerinnen und Schülern vermitteln, dass sie "handlungsfähige und wirksame Individuen sind – gerade an dem Ort, an dem sie den Großteil ihres Tages verbringen", wie Bildungsministerin Christine Streichert-Clivot (SPD) zum Gesetz zitiert wird.

Impfquote steigern

Neben dem Mitspracherecht spricht Seimetz auch an, ob es nicht einfacher sein sollte, sich schon ab 14 Jahren ohne auf die Eltern angewiesen zu sein, impfen zu lassen.

Auch schlägt er vor, an Schulen mehr über die Impfung aufzuklären. So könne man die Impfquote unter Schülerinnen und Schülern steigern und das noch große Infektionsgeschehen an Schulen eindämmen. Im Vergleich zu anderen Bundesländern sei die Impfquote an Saar-Schulen nämlich noch vergleichsweise gering, findet Seimetz. Laut Zahlen des RKI sind zwar im Saarland knapp mehr Minderjährige als im Bundesdurchschnitt geimpft (am Freitag lag die Quote bei 41,6 Prozent im Saarland und bei 40,7 Prozent bundesweit). Jedoch liegen einzelne Bundesländer noch deutlich darüber (Spitzenreiter bei der Impfquote unter den 5- bis 17-Jährigen ist Schleswig-Holstein mit 52,7 Prozent).

Lehrkräfte am Limit

"Corona ist eine Schulkrise. Das gilt seit der Omikron-Welle mit den hohen Zahlen in besonderem Maße", sagt die Schulpsychologin Spies. Neben den Schülerinnen und Schülern selbst seien auch die Lehrkräfte stark belastet, gibt sie zu bedenken.

Ihnen gibt sie den Hinweis: "Sie sollten auch auf die unausgesprochenen Themen und Probleme der Kinder achten, damit die Kinder sich gesehen fühlen. Denn das ist das wirklich wichtige Schulfach im Moment", so Spies. "Wenn das wieder mehr in den Fokus rückt, entsteht wieder ein Fundament zum Lernen mit Freude und für seelische Gesundheit." Noten sollten ihrer Ansicht nach dabei zunächst nicht an erster Stelle stehen.

Bald eine Studierendeninitiative?

Auch die Schülerinitiative 2021 hofft auf baldige Besserung der Schulsituation - aber auch allgemein für junge Menschen. Die Abiturientin Amira Palisch kündigt schon an, sonst eine "Studierendeninitiative" gründen zu müssen - das möchte sie eigentlich vermeiden.

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