SAARTHEMA extra - Wege aus der Krise

Wege aus der Krise

  16.04.2020 | 21:42 Uhr

Seit sechs Wochen bestimmt das Coronavirus das Leben der Saarländerinnen und Saarländer – jetzt soll es die ersten Schritte auf dem Weg hin zu einer Normalisierung geben. Experten haben Ihre Fragen zu den Lockerungen beantwortet.

Die Corona-Krise stellt unser Leben auf den Kopf. Doch nach starken Beschränkungen soll es nun bald die ersten Lockerungen geben. Kleinere Geschäfte dürfen wieder öffnen, und auch der Schulbetrieb soll Schritt für Schritt beginnen. Wie genau, haben Experten beantwortet. Hier die Fragen und Antworten im Überblick.



Bildung

Die Fragen beantwortete Christine Streichert-Clivot (SPD), Bildungsministerin des Saarlandes


Wie ist die Bilanz nach drei Wochen Fernunterricht?

Alle Schulen sind schnell an den Start gegangen mit Lernangeboten. Wir haben freitags kommuniziert, dass die Schulen geschlossen werden und montags gab es die ersten Lernmaterialien. Ich bin froh und glücklich, dass das sehr gut funktioniert hat und die Schulen auch kreativ waren, Leistung gezeigt und sehr schnell für Lösungen gesorgt haben.

Was ist mit Familien, die die technische Ausrüstung für Fernunterricht nicht haben?

Das Thema der technischen Ausstattung muss dringend gelöst werden. Auch in der Kultusministerkonferenz wird das Thema diskutiert. Die Schulschließungen haben gezeigt, was Schüler für ihren digitalen Rucksack brauchen. Das wird auch in den nächsten Monaten Thema bleiben.

Zur Teilung der Klassen: Heißt das kleinere Klassen, mehr Lehrer oder Konzentration auf die Fächer, die später auch geprüft werden?

Wir haben intensiv mit den Schulträgern diskutiert und sind mit Virologen im Austausch darüber, welche Hygienestandards gesetzt werden müssen und welche Abstandsregeln es gibt. Das wird auch innerhalb der Kultusministerkonferenz festgelegt.

Die Ministerpräsidenten und die Kanzlerin haben uns den Auftrag gegeben, bis zum 29. April ein entsprechendes Konzept vorzulegen. Mein Ministerium hat jetzt eins erarbeitet, das wir auch mit den Gesundheitsbehörden abstimmen und dort sind alle Details geregelt. Da wird es auch Aussagen geben zu den Abständen, das heißt, man kann abhängig von den Raumgrößen, die man an einer Schule hat, sehr leicht ausrechnen, wie viele Schüler in einen Klassenraum passen.

Bei einer durchschnittlichen Raumgröße von 54 Quadratmetern sind das zehn Schülerinnen oder Schüler. Das heißt, die Lerngruppen werden verkleinert, und dafür brauchen wir dann auch mehr Lehrkräfte, die dann die Prüfungsvorbereitungen machen können. Das wird in den nächsten Tagen entwickelt.

Wird es Prüfungen zum mittleren Bildungsabschluss geben und wie?

Wir haben vor wenigen Wochen entschieden, dass wir Hauptschulabschluss, mittlere Bildungsabschlüsse und Abitur etwas nach hinten verlegen. Wir werden eine entsprechende Prüfungsvorbereitung ab dem 4. Mai anbieten - in kleineren Lerngruppen, etwa 20 Stunden die Woche. Wir lassen den Lehrkräften auch die Möglichkeit, individuelle Hilfe anzubieten.

Wird man Prüfungen mit Gesichtsmasken schreiben müssen?

Es gibt eine Empfehlung, Gesichtsmasken im öffentlichen Bereich zu tragen. Für Prüfungen werden wir das noch einmal konkretisieren. Aber wer fünf Stunden in einer Prüfung sitzt, muss nicht zwangsläufig eine Maske während der Zeit tragen. Aber beim Toilettengang zum Beispiel wäre es zu empfehlen.

Wann beginnen die Viertklässer?

Auch die Viertklässler beginnen ab dem 4. Mai, ebenfalls in kleineren Lerngruppen. Außerdem wird es individuelle Angebote geben. Der Unterricht wird aber nicht so sein, wie er vor der Corona-Situation aussah.

Gibt es eine Perspektive, wann Kitas wieder öffnen?

Leider im Moment nicht. Aber wir bauen die Notbetreuung aus, das heißt, wir nutzen die Kapazitäten, die derzeit noch nicht nachgefragt sind. An den Kitas, an denen wir mehrere Gruppen anbieten, prüfen wir mit den Trägern, wie wir das hinkriegen. Also eine Öffnung der Notbetreuung, aber leider noch keine der Kitas.

Künstler stellen sich die Frage: Wann dürfen wir wieder auftreten, bei kleineren Veranstaltungen zum Beispiel?

Das hängt davon ab, wie es mit den Ausgangsbeschränkungen weitergeht. Wir haben aber auch Projekte entstehen sehen, zum Beispiel Künstler in leeren Kneipen, die ihre Auftritte im Internet streamen. Die Ordnungsämter muss man da aber einbeziehen. Auch in der Krise zeigt sich, dass vieles möglich und umsetzbar ist. Mit Vorschlägen und Ideen darf man gerne ans Ministerium herantreten. Wir schauen dann, wo wir unterstützen können.


Gesundheit

Die Fragen beantwortete Dr. Jürgen Rissland, Virologe am Universitätsklinikum des Saarlandes


Wie beurteilen Sie die Maßnahmen ab Montag?

Zunächst bin ich ganz froh darüber, dass wir überhaupt darüber diskutieren können. Wir haben Teilerfolge erzielt, die Maßnahmen haben dazu beigetragen, eine Überlastung des Gesundheitswesens zu verhindern, anders als in anderen Staaten wie Spanien oder Frankreich. Wir werden das in zwei Wochen noch einmal prüfen, um sagen zu können, ob die Lockerungen etwas bringen oder auch Schwierigkeiten aufwerfen.

Wie bewerten Sie die Idee der schrittweisen Öffnung der Schulen?

Ich finde die Idee der schrittweisen Öffnung der Schulen absolut sinnvoll. Dass man noch über Details diskutieren muss, z.B. wie groß die Klassen sein dürfen, ob man Anfangszeiten verschieben kann, wie Kinder ohne Schulbus in die Schule kommen, darauf braucht es noch Antworten. Aber man muss auch da mit Augenmaß antworten. Wir beraten das Bildungsministerium an der Stelle.

Sind kleine Kinder wirklich weniger gefährdet und weniger Überträger?

Sie sind weniger gefährdet für schwere Verläufe, das können wir inzwischen eindeutig nachweisen. Sie haben auch weniger Infektionen als die ältere Bevölkerung. Sie zeigen häufig keine Symptome, das macht die Sache problematisch. Jemand, der keine Symptome zeigt, aber das Virus verbreiten kann, das kann natürlich Öl ins Feuer gießen.

Sind wir jetzt über den Berg?

An der Stelle bin ich noch zurückhaltend. Ich glaube nicht, dass wir an der Stelle Entwarnung geben können.

Müssen wir damit rechnen, dass Corona ähnlich wie die Grippe jedes Jahr leicht verändert wiederkommt und wir uns dann immer wieder impfen lassen müssen?

Nach dem jetzigen Stand der Dinge hat das neuartige Coronavirus wie andere Coronaviren auch nicht diese Veränderungstendenz wie die Influenza. Wenn wir eines Tages einen Impfstoff haben, erwarten wir zumindest, dass der auch relativ lange Schutz bietet. Es kann aber durchaus sein, dass uns das Virus noch in den nächsten Jahren begleiten wird.

Was ist mit anderen Medikamenten, z.B. dem Ebola-Medikament Remdesivir, hilft das?

Da muss ich die Hoffnung und die Euphorie leider bremsen. Es gibt noch keine wirklich belastbaren Erfahrungen, auch nicht bei uns am Universitätsklinikum. Wir haben uns natürlich bemüht, dieses Medikament zu bekommen. Da sind ein paar Formalitäten zu lösen, weil es eben kein für diesen Zweck, also die Corona-Erkrankung, zugelassenes Medikament ist. Wir werden damit sicherlich Erfahrungen sammeln, aber bislang sind die noch sehr überschaubar.

Wie entscheidet sich, welche Menschen schwere und welche leichte Verläufe haben?

Das können wir noch nicht mit letzter Gewissheit sagen. Es gibt aber statistisch ein paar Faktoren, z.B. höheres Alter oder Vorerkrankungen. Das heißt aber nicht, dass jeder, der solche Faktoren hat, auch einen schweren Verlauf haben muss. Im Umkehrschluss ist es so, dass jemand, der keine Risikofaktoren hat, der auch etwas jünger ist, nicht geschützt ist vor einem schweren Verlauf.

Auch das haben wir auf den Intensivstationen leider sehen müssen. Also von daher sind das eigentlich nur Hilfsmittel, die uns bis zu einem gewissen Grad helfen, aber eine richtige Differenzierung können wir bislang noch nicht durchführen.

Wann werden geplante OPs wieder freigegeben?

Ich glaube, wir müssen die Lockerungen im öffentlichen Leben beobachten und schauen, wie sich das auf die Versorgungssituation im Gesundheitswesen auswirkt. Danach wird man entscheiden können, ob man wieder Operationen durchführt. Ich glaube nicht, dass wir über Jahre reden, sondern über Monate.

Was bringen Reihenuntersuchungen in Alten- und Pflegeheimen?

Davon versprechen wir uns, dass wir früher erkennen, ob Leute die Infektion in sich tragen. Dann können wir früher entsprechende Maßnahmen ergreifen. Das heißt, wir müssten nicht erst warten, bis in einem Altenheim viele Fälle aufgetreten sind, sondern wir können proaktiv werden. Da verspreche ich mir viel davon.

Könnte man mit Schutzausrüstung wie Masken und Handschuhen wieder ein normales Leben führen?

Für das, was wir früher gewohnt waren, wird die Menge an Masken nicht ausreichen. Wenn wir hochrechnen, wir haben etwa 200.000 Infizierte plus Dunkelziffer. Wir können aber nicht 82 Millionen Menschen Masken tragen lassen. Man muss sie dort einsetzen, wo sie wirklich gebraucht werden, zum Beispiel im Gesundheitswesen.

Ich habe FFP-1 und FFP-2-Masken von einer Renovierung übrig. Kann ich die immer wieder verwenden?

Das Wort "immer" würde ich streichen, aber ich glaube schon, dass man sie mehrfach verwenden kann, solange sie keine mechanischen Defekte haben. Das macht schon Sinn. Allerdings muss man natürlich aufpassen, dass man auch entsprechende Trocknungszeiten einhält. Also ich denke schon, dass man die Maske 1-2 Tage zur Seite legt und dann erst wieder anzieht, das ist vertretbar.


Sonstiges

Die Fragen beantwortete Janek Böffel, SR-Journalist


Wann darf ich wieder ins Kino und das Theater?

Eine Botschaft, die man vermitteln muss: Es wurden Lockerungen beschlossen, aber die Kernbotschaft: Sonst bleiben mindestens bis zum 3. Mai die strengen Ausgangsbeschränkungen. Bis dahin wird es mindestens nicht gehen.

Darf man für die Grabpflege auf den Friedhof?

Ja, das durfte man übrigens schon die ganze Zeit. Man darf vor die Tür gehen, um sich um Verstorbene zu kümmern.

Wann öffnen Fitnessstudios und was ist mit dem Sport?

Das wissen wir noch nicht, Fitnessstudios wahrscheinlich in den nächsten Wochen oder Monaten irgendwann. Alle Sportarten, auch die mit wenig Kontakt, z.B. Tennis oder Leichtathletik, sind vorerst leider nicht möglich.

Wann werden Wertstoffhöfe und Kompostieranlagen wieder geöffnet?

Grundsätzlich am Montag, 20. April. Da machen die meisten auf.

Friseure dürfen unter Auflagen ab 4. Mai ja wieder öffnen, was ist mit Nagelstudios?

Stand jetzt dürfen die nicht, aber es wird drüber nachgedacht, das auch ab dem 4. Mai zu öffnen.

Wie sieht es mit Fahrschulen aus?

Die bleiben vorerst zu.


Über dieses Thema wurde in der Sendung "Saarthema extra" vom 16.04.2020 berichtet.

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