SAARTHEMA extra - Das Saarland trotzt Corona

Das Saarland trotzt Corona

  09.04.2020 | 21:10 Uhr

Seit fünf Wochen bestimmt das Corona-Virus das Leben der Saarländerinnen und Saarländer – ihre Gesundheit, ihre Arbeit, ihre Freizeit, ihr Familienleben. Das stellt viele vor große Herausforderungen. Experten haben deshalb Fragen zur Corona-Krise und ihren Folgen beantwortet.

Egal ob im Berufsleben, in der Freizeit oder bei der Erledigung ganz alltäglicher Dinge wie Arztbesuch oder Einkauf: Die Corona-Krise stellt unser Leben auf den Kopf. Und obwohl die starken Einschränkungen nun bereits mehrere Wochen andauern, sind viele Saarländerinnen und Saarländer immer noch verunsichert: Was ist erlaubt? Was verboten? Und was bringt das alles eigentlich? Experten haben dazu Auskunft gegeben. Hier Fragen und Antworten im Überblick.

Gesundheit

Grenzschließungen

Arbeitsleben



Welche Menschen gelten als genesen und wie werden sie ermittelt?

Alexander Birk, Leiter des Regionalverbands-Gesundheitsamtes:

Genesen bedeutet erstmal symptomfrei. Das heißt, dass wirklich keinerlei Atemwegssymptome mehr da sind und keine Viren mehr ausgeschieden werden. Also entweder nach einem negativen Abstrich oder weil eine bestimmte Zeit vergangen ist, von der wir mittlerweile wissen, dass eine Virusausscheidung danach sehr unwahrscheinlich ist.


Konnte man die Logistik der Tests mittlerweile in den Griff bekommen?

Alexander Birk, Leiter des Regionalverbands-Gesundheitsamtes:

Ja, es ist deutlich besser geworden. Erkrankte können jetzt sehr zeitnah getestet werden. Wichtig ist das insbesondere bei den Erkrankten in den Krankenhäusern, bei denen es auch um Therapieentscheidungen geht. Die Labore haben sich sowohl von der Logistik als auch von den maschinellen Voraussetzungen her jetzt deutlich besser an die Lage angepasst. Zu Beginn wurden sie überrumpelt und mussten sich erstmal auf die Situation einstellen.


Wäre es nicht einfacher und besser auf Herdenimmunität zu setzen, also auf ein kollektives Anstecken und Isolation der Risikogruppe?

Alexander Birk, Leiter des Regionalverbands-Gesundheitsamtes:

Nein, denn wir können nie vorhersagen welchen Verlauf eine Erkrankung nehmen wird. Wir haben zwar die Erfahrung gemacht, dass überwiegend die Risikogruppe schwere Verläufe durchmacht, aber eben nicht nur sie, sondern auch Kinder und junge Erwachsene. Sich auf Herdenimmunität zu verlassen, ist meiner Ansicht nach unverantwortlich. Und selbst wenn wir das täten, dann hätten wir nur für den Virenstamm, der jetzt kursiert, Immunität. Wie es dann aber im nächsten Jahr oder dem darauf aussieht, weiß niemand.


Wie kann ich mich davor schützen, dass Viren zum Beispiel über meine Einkäufe bei mir zuhause landen? Ich kann ja nicht alles desinfizieren.

Alexander Birk, Leiter des Regionalverbands-Gesundheitsamtes:

Als erstes muss man festhalten, dass wir nach wie vor keinen Nachweis von Schmierinfektionen haben. Wir wissen, dass die allermeisten Infektionen durch Tröpfcheninfektionen übertragen wurden. Auch über Oberflächen kann das Virus theoretisch übertragen werden. Es überlebt dort eine gewisse Zeit, aber nur sehr kurz. Außerdem ist es nicht sonderlich resistent gegenüber mechanischen Einwirkungen und Seife. Im Alltag hilft am besten Händewaschen. Von Desinfektionsmittel rate ich ab, weil die wenigsten Menschen wissen, wie man es benutzt und weil Händewaschen die Haut weniger schädigt.


Warum haben wir keine Maskenpflicht?

Alexander Birk, Leiter des Regionalverbands-Gesundheitsamtes:

Die Masken, die zur Verfügung stehen, werden im Gesundheitssystem benötigt. Sie sind wichtig für die Krankenhäuser und auch in Altenheimen gibt es nun einen großen Bedarf. Es ist also eine Frage der Verfügbarkeit. Außerdem dienen Masken dem Fremdschutz und schützen nicht den Träger selbst.


Ich habe seit vier Tagen Krankheitssymptome, bekomme aber keine Überweisung vom Arzt. Was kann ich machen?

Alexander Birk, Leiter des Regionalverbands-Gesundheitsamtes:

Das ist schwierig, weil es die Entscheidung des Arztes ist. Vom Grundsatz her kann man sich natürlich an den nächsten Arzt wenden. Auch die Gesundheitsämter stehen zur Verfügung. Man kann auch direkt bei der Kassenärztlichen Vereinigung noch mal nachfragen.


Warum scheint das Baugewerbe nicht betroffen zu sein? Sind die Mitarbeiter, die dort arbeiten, weniger gefährdet?

Alexander Birk, Leiter des Regionalverbands-Gesundheitsamtes:

Das wäre eine schöne Frage für eine wissenschaftliche Studie. Das Coronavirus wird an offener Luft schlechter übertragen und mag auch keine UV-Strahlung. Auch sind die Oberflächen an Baustellen für eine Schmierfunktion nicht prädestiniert. Und ich würde behaupten, dass der Bauarbeiter, der in der Regel an der frischen Luft ist und sich den ganzen Tag bewegt, auch ein stabileres Immunsystem hat.


Wie lange soll das mit den Beschränkungen noch so weitergehen?

Alexander Birk, Leiter des Regionalverbands-Gesundheitsamtes:

Konkrete Planung gibt es nicht. Wenn Corona uns eins gelehrt hat, dann, dass wir nur kurzfristig Entscheidungen treffen können. Wahrscheinlich wird es als erstes Lockerungen im Bereich des beruflichen Verkehrs und der Grundversorgung geben. Aber ich kann nicht in die Glaskugel schauen, dazu ist die Situation viel zu dynamisch.



Frankreich hat seine Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus verschärft. Wer aus dem Ausland einreisen will, braucht ab sofort einen Passierschein. Das Formular kann auf der Seite des französischen Innenministerium heruntergeladen werden.


Wie steht Luxemburg zu den aktuellen Grenzkontrollen von deutscher Seite?

Jean Asselborn, Außenminister von Luxemburg:

Wir Luxemburger sind nicht weniger empört als die Franzosen. Das Virus ist ja kein Eindringling, der an der Grenze gestoppt werden kann. Es überträgt sich von Mensch zu Mensch. Die Polizei kann Autos aufhalten, das Virus aber nicht. Und wir verstehen nicht, warum die Grenze zu Frankreich und Luxemburg zugemacht wurde, die zu Belgien und den Niederlanden aber nicht. Das ist etwas, was uns wehtut.


Gibt es denn einen Austausch mit Bundesinnenminister Horst Seehofer? Der Bund ist ja zuständig für die Grenzkontrollen.

Jean Asselborn, Außenminister von Luxemburg

Das ist etwas, wo wir sehr aufpassen müssen. Das habe ich auch Herrn Seehofer gesagt. Wir leben hier in der Region von Schengen, im Dreiländereck. Hier ist Europa zusammengewachsen. Die Menschen sehen Brücken und keine Grenzen mehr - und das seit Jahrzehnten. Mit den Grenzschließungen machen wir etwas kaputt, das gewachsen ist. Und es gibt viele Grenzgänger, auch Deutsche, die nach Luxemburg pendeln, die darunter leiden. Die Pendler wollen zügig auf die Arbeit kommen und nicht stundenlang im Stau stehen.


Wird das langfristige Folgen für das Miteinander im Dreiländereck haben?

Jean Asselborn, Außenminister von Luxemburg:

Nächste Woche wird eine gemeinsame Aktion starten von Luxemburg, Perl, Konz und Apach in Frankreich. Dort will man nicht, dass Schengen zerbricht. Und ich hoffe, dass dieser Apell in Berlin gehört wird. Das wäre sehr wichtig. Wenn die jetztige Situation zu lange dauert, zweifeln die Menschen an dem, was wir aufgebaut haben, also an Europa und an Schengen. Schengen heißt europäisches Zusammenwachsen. Die Grenzen dürfen nicht wieder geschlossen werden.


Herr Schmidt, welche Rückmeldung haben sie auf das Video der 19 saarländischen Bürgermeister von den französischen Partnergemeinden bekommen?

Hermann Josef Schmidt, Präsident Saarländischer Städte- und Gemeindetag:

Die Rückmeldung der französischen Partnergemeinden war sehr positiv, von Seiten der Bürgermeister aber auch von den Bürgern. Das Video wurde sehr positiv aufgenommen.


Die Sperrungen an sich verstehen sie nicht?

Hermann Josef Schmidt, Präsident Saarländischer Städte- und Gemeindetag:

Als Saarländer leben wir in der Grenzregion. Und die stellvertretende Ministerpräsidentin Anke Rehlinger hat es gut zusammengefasst: Das saarländische Herz blutet. Aber wie Ministerpräsident Tobias Hans gesagt hat, ist es ein notwendiges Übel. Es ist eine Ausnahmesituation in der wir gerade leben. Ich habe Verständnis für die Bürgermeister an der Grenze, wo es Freundschaften und berufliche Verflechtungen gibt. Es tritt nun auch eine saarländische Verordnung in Kraft, der zufolge man sich nach der Einreise 14 Tage in Quarantäne begeben muss. Auf beiden Seiten der Grenze braucht man einen triftigen Grund, wenn man sich in der Öffentlichkeit aufhält. Es ist also eine schlechte Zeit für grenzüberschreitende Freundschaften.



Alle sind sich in der öffentlichen Diskussion einig, dass es eine Aufwertung der Pflegeberufe geben muss. Wie kann man das über die Krise hinaus schaffen?

Bettina Altesleben, Geschäftsführerin Deutscher Gewerkschaftsbund Saar:

Indem diejenigen, die sie jetzt als systemrelevant erkannt haben, sich an diese Menschen erinnern nach der Krise. Wir hätten keine Corona-Krise gebraucht um zu erkennen, dass es in der Pflege ordentlich Bedarf gibt. Es gibt Bedarf, überhaupt Pflegerinnen und Pfleger in den verschiedenen Einrichtungen zu haben. Es gibt Bedarf, diese Berufe anständig zu bezahlen und sich Gedanken zu machen, unter welchen Bedingungen die Leute arbeiten. Es gab 2019 eine konstatierte Aktion. Es gibt einen Abschlussbericht dazu. Darin sind viele Möglichkeiten aufgezeigt worden, wie man diese Berufe aufwerten und zusätzlich Pflegekräfte engagieren kann. All das war vor Corona bekannt, jetzt muss man sich beeilen. Danke an all diese Menschen – an alle die systemrelevant sind. Wir sind als Gewerkschaft gerne bereit, über Tarifverträge zu verhandeln. Und der Bundesgesetzgeber hätte auch die Möglichkeit, eine Allgemeinverbindlichkeit zu erleichtern, um diese Berufe überall und flächendeckend anständig zu bezahlen.


Wie bewerten Sie die Maßnahmen zur Absicherung von Arbeitnehmern?

Bettina Altesleben, Geschäftsführerin Deutscher Gewerkschaftsbund Saar

Es ist gut, dass so schnell Regelungen da waren und dass zum Beispiel die Erleichterungen für die Kurzarbeit schnell eingeführt wurden. Es läuft gut in der Arbeitsverwaltung. Und ich bedanke mich bei den Mitarbeitern, die momentan mit 7500 Anträge auf Kurzarbeitergeld bearbeiten. Trotzdem sehen wir Korrekturbedarf: 60 oder 67 Prozent des Einkommens reichen einer Familie mit Kindern nicht, um den Lebensunterhalt zu finanzieren. Da muss aufgestockt werden. Aber auch die Soforthilfen von Bund und Land sind gut. Es ist gut, dass es überhaupt diese Regelungen gibt und dass die Kurzarbeit auch angenommen wird. Schließlich ist sie besser als eine Insolvenz und die Arbeitnehmer haben auch danach noch eine Beschäftigung.


Meine Firma hat Mitte März Kurzarbeit beantragt und ich warte bis heute auf meinen Lohn für den März. Dauert das wirklich so lange, bis der Antag bearbeitet wird?

Bettina Altesleben, Geschäftsführerin Deutscher Gewerkschaftsbund Saar

Ich habe mich heute mit der Arbeitsverwaltung unterhalten. Die haben mir bestätigt, dass mit allem Nachdruck gearbeitet wird. Wenn einzelne Anträge noch nicht bearbeitet sind, ist es am besten, sich an die Hotline wenden und nachzufragen. Da wird Ihnen geholfen.


Welche finanziellen Konsequenzen hat die derzeitige Situation für die Kommunen?

Hermann Josef Schmidt, Präsident Saarländischer Städte- und Gemeindetag

Es ist dramatisch. Nach dem Saarlandpakt haben wir etwas Licht am Ende des Tunnels gesehen. Jetzt tun uns die Einbrüche weh, weil sie die elementaren Dinge der Daseinsvorsorge tatsächlich in Frage stellen hinsichtlich ihrer Finanzierung. Aber auch das Investitionsverhalten und die Stärke der örtlichen Wirtschaft machen uns Sorgen, denn insbesondere die Gewerbesteuer ist ja eine wesentliche Säule der kommunalen Finanzausstattung.


Womit rechnen sie, wird als erstes wieder öffnen, denn der Lockdown vorbei ist?

Hermann Josef Schmidt, Präsident Saarländischer Städte- und Gemeindetag

Das wird ganz schwierig für die kulturelle Szene im Saarland, aber auch bundesweit. Ich hoffe dass man Lösungen findet, wie das kulturelle Leben weiter gehen kann. Man muss Lösungen für Künstler finden. Nach Corona muss es mit dem kulturellen Leben weitergehen, wir wir es vorher hatten.


Über dieses Thema wurde in der Sendung "Saarthema extra" vom 09.04.2020 berichtet.

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