SAARTHEMA extra - Wenn die Krise Alltag wird

Wie gelingt der Alltag in der Corona-Krise?

  02.04.2020 | 23:30 Uhr

Seit fast zwei Wochen gelten im Saarland offiziell Ausgangsbeschränkungen. Und noch mindestens bis zum 20. April wird das auch so bleiben. Das stellt viele vor große Herausforderungen. Experten haben deshalb Fragen zur Corona-Krise und ihren Folgen beantwortet.

Egal ob im Berufsleben, in der Freizeit oder bei der Erledigung ganz alltäglicher Dinge wie Arztbesuch oder Einkauf: Die Corona-Krise stellt unser Leben auf den Kopf. Und obwohl die starken Einschränkungen nun bereits mehrere Wochen andauern, sind viele Saarländerinnen und Saarländer immer noch verunsichert: Was ist erlaubt? Was verboten? Und was bringt das alles eigentlich? Experten haben dazu Auskunft gegeben. Hier Fragen und Antworten im Überblick.




Müsste auch alles stillstehen, wenn sich alle an die erforderlichen Maßnahmen wie beispielsweise Mundschutz halten würden?

Prof. Robert Bals, Intensivmediziner:

Man weiß es aktuell nicht und man kann nicht sagen: Wir machen erstmal Maßnahmen auf einem niedrigen Niveau und hoffen, dass es gut geht. Wir haben nur diese eine Chance und wenn wir es jetzt nicht schaffen, diese Pandemie in den Griff zu kriegen, dann wird es immer schwieriger.


Ist es korrekt, wenn Krankenschwestern weiterarbeiten sollen, obwohl sie ungeschützten Kontakt zu Infizierten hatten?

Prof. Robert Bals, Intensivmediziner:

Am Universitätsklinikum in Homburg ist es so, dass Mitarbeiter die ungeschützt Kontakt mit positiven Patienten hatten, aus dem Dienst genommen werden und bei ihnen ein Abstrich gemacht wird, um sicherzugehen, dass keine Gefahr für die Betroffenen und die Patienten bestehen kann. Das Universitätsklinikum hat außerdem zur Sicherheit Bereiche eingerichtet, wo die Patienten untergebracht sind, für die ein großes Risiko besteht, etwa bei Organtransplantationen oder Chemotherapie. Dort schauen wir intensiv, ob die Patienten, aber auch die Leute, die dort arbeiten, sich mit dem Virus infiziert haben oder nicht.


Sind nur die alten Leute von schweren Krankheitsverläufen betroffen?

Prof. Robert Bals, Intensivmediziner:

Auch junge Leute können betroffen sein und schwer erkranken. Die Sterblichkeit ist aber gerade bei den Älteren durchaus hoch.


Von welcher Dunkelziffer bei den Infektionen kann man ausgehen?

Prof. Robert Bals, Intensivmediziner:

Niemand weiß es so genau. Bisherige Studien gehen davon aus, dass wir acht bis neun Mal so viele Infizierte haben, als wir durch die Tests wissen. Deswegen sind die Ausgangsbeschränkungen auch so wichtig, da sonst diese Menschen durch die Gegend laufen und andere anstecken. Grundsätzlich gilt natürlich: je mehr man testet, desto geringer ist die Dunkelziffer.


Warum werden die Zahlen der negativ Getesteten nicht automatisch bekannt gegeben?

Tobias Hans, Ministerpräsident:

Die überwiegende Zahl der Tests ist negativ, an manchen Tagen über 90 Prozent. Das zeigt, dass es auch viele Verdachtsfälle gibt, die nicht erkrankt sind. Die Tatsache, dass wir hier noch relativ wenige Todesfälle haben im Vergleich zu Italien zum Beispiel zeigt, dass die Dunkelziffer in Deutschland nicht so groß sein dürfte wie in anderen Ländern.


Kann im nächsten Herbst die nächste Infektionswelle kommen?

Prof. Robert Bals, Intensivmediziner:

Das Virus ist neu und fällt deswegen jeden an. Wenn man die Maßnahmen lockert, dann steigen die Zahlen der Infizierten wieder an. Das ist ein Für und Wider, bei dem die Politik gut beraten und entscheiden muss. Man muss jetzt forschen - das passiert auch am Universitätsklinikum in Homburg - um Therapien zu finden, um das Virus in den Griff zu bekommen. Gleichzeitig muss man die Maßnahmen erst einmal durchziehen, um die erste Welle flach zu halten, um die Zahl derer, die auf der Intensivstation liegen, gering zu halten, um dann irgendwann mit Therapieverfahren und Impfungen die nächsten Wellen flachbügeln zu können.


Wie ist momentan die Situation in saarländischen Pflegeheimen?

Dr. Michael Kulas, Vorsitzender Saarländischer Hausärzteverband:

Momentan ist es in den Heimen im Saarland noch relativ ruhig. Dafür tun die Heime aber auch viel. Wenn Bewohner eines Heims an Covid-19 erkranken, dann müssen sie behandelt werden. Aber viele der Bewohner können wohl nicht ambulant behandelt werden, sondern müssen wohl stationär aufgenommen werden.


Bei einem Saunagang atme ich Luft mit einer Temperatur von 95 Grad Celsius ein. Kann ein Saunagang das Virus abtöten?

Dr. Michael Kulas, Vorsitzender Saarländischer Hausärzteverband:

Das Virus in der Sauna ist definitiv tot. Aber wenn das Virus im Hals steckt, da wird es dadurch eher nicht abgetötet.


Wie ist das Universitätsklinikum in Homburg auf einen möglichen Patientenanstieg vorbereitet?

Prof. Robert Bals, Intensivmediziner:

In Homburg haben wir, wie auch viele andere deutsche Krankenhäuser, unsere Strukturen völlig umgebaut. Unsere Notaufnahme zum Beispiel ist größer geworden. Damit wollen wir auch die Patienten gut aufnehmen, bei denen noch nicht klar ist, ob sie positiv oder negativ  sind. Und damit sollen natürlich auch die anderen Patienten besser geschützt werden. Auch unsere Intensivstationskapazitäten wurden angepasst. Normalerweise können wir 25 bis 50 Patienten aufnehmen. Durch Umstrukturierungen wird es möglich sein, innerhalb von wenigen Tagen bis zu 140 Patienten aufzunehmen.


Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) hat jetzt eine größere Lieferung an Schutzkleidung bekommen. Wie funktioniert die Verteilung an die Arztpraxen, damit das gerecht abläuft?

Dr. Michael Kulas, Vorsitzender Saarländischer Hausärzteverband:

Die KV hat einen Online-Shop. Dort können die Praxen je nach Bedarf Schutzausrüstung bestellen. Es gibt aber nicht alle nötigen Gegenstände. Es gibt zwar Masken, Handschuhe, Brillen aber es gibt nur wenige bis gar keine Schutzkittel. Das ist ein großes Problem.



Darf man seine alte Mutter besuchen?

Tobias Hans, Ministerpräsident:

Das kommt darauf an: Wenn die Mutter hilfsbedürftig ist, dann darf man auch zu ihr. Ansonsten sollte man aufgrund des Infektionsrisikos von dem Vorhaben Abstand nehmen.


Werden Polizei und Ortspolizei am Wochenende in Sachen Ausgangsbeschränkung härter durchgreifen?

Tobias Hans, Ministerpräsident:

Die Polizei wird hart durchgreifen und an diesem Wochenende jeglichen Vergehen nachgehen. Allen, die das Haus verlassen ohne einen triftigen Grund, sei gesagt, dass das nicht ohne Konsequenzen bleiben wird. Ein Spaziergang beispielsweise ist dabei weiter möglich, Partys in Haus oder Garten aber etwa nicht.


Darf man mit dem Auto oder dem Motorrad Spritztouren machen?

Tobias Hans, Ministerpräsident:

Wer in seinem Auto bleibt und eine Runde dreht oder wer mit dem Motorrad eine Runde fahren will, darf das. Das ist zu tolerieren.


Darf man mit seinem Auto ins Grüne fahren, zum Beispiel von Saarbrücken aus in den Hochwald, um dort einen Spaziergang zu machen?

Tobias Hans, Ministerpräsident:

Ja. Menschen, die beispielsweise in einem Wohngebiet leben, in dem viele Menschen wohnen, müssen nicht unbedingt ihren Spaziergang vor der Wohnungstür machen. Aber das Haus darf nicht verlassen werden, um andere zu treffen.


Darf man psychisch erkrankte Menschen besuchen? Durch die Isolation könnte sich deren Zustand verschlimmern?

Dr. Michael Kulas, Vorsitzender Saarländischer Hausärzteverband:

Eine psychische Erkrankung ist auch eine Erkrankung. Diese Menschen brauchen nicht nur Zuspruch, sondern auch Unterstützung. Das muss gewährleistet sein. Man muss diese Menschen besuchen dürfen.


Wie sieht der Wiedereinstieg ins normale Leben aus? Passiert das nach und nach oder ist auf einen Schlag wieder alles geöffnet?

Tobias Hans, Ministerpräsident:

Für ein konkretes Szenario ist es noch zu früh. Nach Ostern werden die Ministerpräsidenten mit der Bundeskanzlerin die bisherigen Maßnahmen analysieren. Eines lässt sich aber jetzt schon sagen: Der Wiedereinstieg ins normale Leben wird nicht auf einen Schlag geschehen. Das Virus wird uns wahrscheinlich das ganze Jahr beschäftigen, vielleicht darüber hinaus. Erst wenn ein Impfstoff gefunden ist, können wir Entwarnung geben. Wenn wir die Maßnahmen zu früh lockern, riskieren wir, dass wir noch einmal von vorne anfangen müssen. Und deswegen werden wir da hart bleiben.



Wie wird es an den Schulen und Hochschulen weitergehen, wenn diese wieder geöffnet sind?

Tobias Hans, Ministerpräsident:

Es wird nicht mehr möglich sein, dass man zu Hunderten in einem Raum zusammenkommt, ohne sich entsprechend zu schützen. So wird es auch nicht möglich sein, dass an Schulen und Unis das Leben sofort normal beginnt. Wir werden sehr genau schauen müssen, wie wir es schaffen können, auch dort Abstand zu halten.


Wird das Schuljahr vorzeitig beendet werden?

Tobias Hans, Ministerpräsident:

Es lässt sich im Moment nicht sagen, wann es wieder losgeht. Wichtig ist es deshalb, dass wir die Krise nutzen, um stärker auf digitales Lernen umzusteigen.



Wieso dürfen Friseure Hausbesuche machen, während wir selbstständige Friseure unsere Salons schließen müssen?

Tobias Hans, Ministerpräsident:

Der Friseurberuf ist ein Job, bei dem man den Kunden besonders nahe kommt. Deswegen werden wir überprüfen, ob man an den bestehenden Regelungen nochmal eine Veränderung vornimmt.


Kleinere Unternehmen mit etwas mehr als zehn Mitarbeitern sind bei den bisherigen Hilfen durchs Raster gefallen.  Wie geht es da weiter?

Tobias Hans, Ministerpräsident:

Auch die Politik befindet sich zurzeit in einem Ausnahmezustand. Und da haben wir zuallererst an die gedacht, die ganz besonders in der Krise stecken, zum Beispiel die Solo-Unternehmer. Aber jetzt werden wir die Unternehmen anpacken mit Mitarbeiterzahlen über zehn. Wir entwickeln in der Landesregierung gerade ein Programm. Das soll eine Hilfe sein, die bei den Unternehmen auch wirklich ankommt, also nicht in Kreditform.


Darf eine Praxis offen bleiben, wenn eine Mitarbeiterin positiv getestet wurde?

Dr. Michael Kulas, Vorsitzender Saarländischer Hausärzteverband:

Das ist eine Entscheidung des Gesundheitsamts. Diese positive Testung wird dem Gesundheitsamt gemeldet und dieses wird sich mit der Mitarbeiterin und mit der Praxis in Verbindung setzen. Normalerweise müsste eine Quarantäne ausgesprochen werden. Wegen einer Quarantäne sind aktuell auch zwölf Hausarztpraxen und 13 Facharztpraxen im Saarland geschlossen.


Den SR haben noch viel mehr Fragen erreicht, als in der Sendung beantwortet werden konnten. Diese Fragen sind aber nicht verloren. Wir werden uns weiter darum kümmern und versuchen, so viele wie möglich in unserem Programm für Sie zu beantworten.

Über dieses Thema wurde in der Sendung "Saarthema extra" vom 02.04.2020 berichtet.

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